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Bommeleeër: Das etwas andere Attentat
Lokales 5 Min. 02.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Das etwas andere Attentat

Außer bei der Sprengfalle in Asselscheuerhof wurde bei der gesamten Bommeleeër-Serie Luxite-Sprengstoff verwendet. Deutlich ist bei dieser Stange die Seriennummer 313008 zu erkennen.

Bommeleeër: Das etwas andere Attentat

Außer bei der Sprengfalle in Asselscheuerhof wurde bei der gesamten Bommeleeër-Serie Luxite-Sprengstoff verwendet. Deutlich ist bei dieser Stange die Seriennummer 313008 zu erkennen.
Foto: Lé Sibenaler
Lokales 5 Min. 02.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Das etwas andere Attentat

Über 20 Attentate erstreckte sich die Bombenserie im Großherzogtum Mitte der achtziger Jahre, doch eines davon sticht ganz besonders hervor: Die Sprengfalle vom Asselscheuerhof war der erste und einzige Anschlag, bei dem gezielt Menschen getötet werden sollten. Doch nicht nur das Anschlagsziel unterscheidet sich deutlich von den anderen Explosionen, sondern auch die Vorgehensweise der Täter. Es ist das einzige Mal, dass Dynamit zum Einsatz kommt – Sprengstoff dessen Herkunft Fragen aufwirft.

(str) - Über 20 Attentate erstreckte sich die Bombenserie im Großherzogtum Mitte der achtziger Jahre, doch eines davon sticht ganz besonders hervor: Die Sprengfalle vom Asselscheuerhof war der erste und einzige Anschlag, bei dem gezielt Menschen getötet werden sollten. Doch nicht nur das Anschlagsziel unterscheidet sich deutlich von den anderen Explosionen, sondern auch die Vorgehensweise der Täter. Es ist das einzige Mal, dass Dynamit zum Einsatz kommt – Sprengstoff dessen Herkunft Fragen aufwirft.

Rückblick: Am 5. Juli 1985 ist ein Ehepaar gegen 22 Uhr auf der Strecke von Heisdorf nach Blaschette unterwegs. Links von der Straße beobachten sie wenige Meter von einem Hochspannungsmast entfernt im Gebüsch am Waldrand das Licht einer Taschenlampe. Das Paar benachrichtigt die Sicherheitskräfte. Es wird Großalarm ausgelöst. Zwei Gendarmen aus Bereldingen sind als erste am Tatort. Die Beamten entscheiden sich, nicht direkt auf das rätselhafte Licht zuzugehen und nähern sich von der Seite. Ihr Glück, denn so entdecken sie, dass es sich dabei um eine heimtückische Sprengfalle handelt.

Ein 17 Meter langer Stolperdraht ist in 50 Zentimetern Höhe angebracht. Hätten die Gendarmen ihn berührt, hätte das für sie den sicheren Tod bedeutet. Der Draht führt zu zwei Sprengsätzen, die in Kopfhöhe an Baumstämmen befestigt sind.

Scheer und Wilmes: Zweite Patrouille vor Ort

Die im Bommeleeër-Dossier beschuldigten Elitegendarmen Marc Scheer und Jos Wilmes sind eigenen Angaben zufolge, die zweite Patrouille vor Ort. „Wir sind gleich aus dem Auto raus und laufen durch das Feld auf das Licht zu“, erinnert sich Scheer. „Doch dann schreit uns einer der Kollegen aus Bereldingen über Funk an, wir sollen sofort stehen bleiben, es handele sich um eine Booby Trap“. - „Wir wären geradewegs ins Verderben gelaufen“, fügt Jos Wilmes hinzu.

Während die Ordnungskräfte noch in Asselscheuerhof im Großeinsatz sind, explodiert um 23.50 Uhr in den Heilig-Geist-Kasematten ein weiterer Sprengsatz. Eine wichtige unterirdische Telefonzentrale wird zerstört. „Als die Bombe in der Hauptstadt explodiert, waren Jos und ich noch bei der Sprengfalle im Einsatz“, unterstreicht Marc Scheer. „Wir können also dieses Attentat nicht verübt haben.

Wie aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hervorgeht, wurde die Bombe am Heiliggeist-Felsen mit einem Eierwecker gezündet. Die Zeitschaltuhr konnte maximal 60 Minuten vor der Detonation ausgelöst werden – demnach frühestens um 22.50 Uhr.

Alibi für beide Angeklagte

Ein Zeuge, dessen eidesstattliche Erklärung dem „Luxemburger Wort“ vorliegt, bestätigt das Alibi der Angeklagten. Auch 27 Jahre nach dem Vorfall kann der Ex-Gendarm sich gut an diesen Abend erinnern. „Ich war von Colonel Harpes persönlich dahin beordert worden und wurde von Scheer und Wilmes in Empfang genommen.“ Seine Rolle war es, die Sprengfalle zu entschärfen.

„Marc Scheer hat mir dabei geholfen, den schweren Bombenschutzanzug anzulegen“, erzählt der heute 64-Jährige. Etwa eine Stunde lang habe der Einsatz gedauert. Scheer, Wilmes, ein Beamter aus Eich und zwei Offiziere der Gendarmerie seien ihm die ganze Zeit über nicht von der Seite gewichen. Über Funk wurden die Männer dann gemeinsam zum Schauplatz der Explosion in den Kasematten beordert.

Entlastende Aussage fehlt in der Anklageschrift

Ein belgisches Touristenpaar beobachtet vier Täter bei der Ausführung des Attentats in den Kasematten. Das steht in der Anklageschrift. Einen weiteren Zeugen, der die Täter beobachtet hatte, erwähnt die Staatsanwaltschaft in ihrer Schrift allerdings nicht. Der Mann ist der damalige Sicherheitsbeauftragte von RTL. In Radio- und Fernsehinterviews hatte er seine Beobachtungen bestätigt.

„Damals kannte ich den Zeugen“, betont Marc Scheer. „Wir hatten regelmäßig beruflich miteinander zu tun. Wäre ich einer der beobachteten Täter gewesen, hätte er mich mit Sicherheit erkannt.“

Das Attentat in den Kasematten reiht sich aus heutiger Sicht nahtlos in die Anschlagsserie ein – bis auf ein Detail: Die Täter haben zum ersten Mal – wenn auch erfolglos – versucht, regelrechte Spezialeffekte einzubauen, um so mit dem Attentat mehr Aufsehen zu erregen. Ein Benzin- und Heizölgemisch soll für eine sehr starke Rauchentwicklung sorgen. Durch die zahlreichen Gänge wäre der dichte schwarze Rauch aus den vielen Kasematten-Zugängen in der Oberstadt gequollen. Doch das Gemisch entzündet sich nicht.

Fehlende Seriennummern werfen Fragen auf

Der versuchte Anschlag in Asselscheuer unterscheidet sich deutlich von den anderen Anschlägen. Mit der Sprengfalle sollen zweifelsfrei Menschen getötet werden. Der Anklagepunkt Nr, 8 ist dann auch der schwerwiegendste im Requistoire von Generalstaatsanwalt Robert Biever: Der Versuch absichtlich und/oder mit Vorsatz den Tod von anderen zu verursachen. Bei allen anderen Explosionen gilt es offensichtlich, Aufmerksamkeit durch Materialschaden zu erregen – auch wenn etwa am Schlewenhaff und in Hollerich Schlimmeres billigend in Kauf genommen wird.

Erstaunlich ist auch, dass bei allen Anschlägen der Serie Luxite, ein Produkt der Poudrerie du Luxembourg, als Sprengstoff verwendet wird. Nicht aber beim „Booby Trap“ in Asselscheuerhof: Hier werden zwei Dynamitstangen sichergestellt. Die Seriennummern sind ausradiert.

Das deutsche Bundeskriminalamt schreibt in ihrer Fallanalyse: „Dies macht nur Sinn, wenn die Täter hatten befürchten müssen, dass durch entsprechende Herkunftsermittlungen zum Dynamit Rückschlüsse auf sie möglich gewesen wären.“ Als mögliche Alternative wertet das BKA, dass die Täter möglicherweise geplant hatten, dass der Sprengstoff vor der Explosion gefunden wird.

Biever: Herkunft unklar

Generalstaatsanwalt Robert Biever ergänzt, dass die Herkunft des Dynamits nicht geklärt werden konnte. Er mutmaßt allerdings, es könne von einem Sprengstoffdiebstahl in Wasserbillig stammen, da die bestohlene Firma auch Dynamit benutzt habe. Eine fragliche Schlussfolgerung, denn schon während der Bombenserie ist bereits gewusst, dass der Sprengstoff der Bombenanschläge aus einer umfangreichen Einbruchsserie in Luxemburger Steinbrüchen stammt. Das bezeugen auch Presseartikel aus der Zeit. Es gibt demnach überhaupt keinen offenkundigen Anlass, die Herkunft der Dynamitstangen zu verschleiern.

Dennoch müssen die Täter einen Grund gehabt haben, diese Vorsichtsmaßnahme zu treffen. Somit kommt der Frage nach der Herkunft des Sprengstoffs eine durchaus größere Bedeutung zu, als es die Anklageschrift der Staatsanwalt vermuten lässt. Dort wird das Attentat lediglich als Ablenkungsmanöver bezeichnet.

Dynamit war in den 1980er Jahren in Steinbrüchen eher rar, nicht aber etwa in der Armee, die über einen größeren Bestand im Depot am Waldhof verfügte. Zudem hatten auch die Waffenkammern von Polizei und Gendarmerie Zugang zu verschiedenen Sprengmitteln.