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Bommeleeër: Das Buch von Alexis Kremer
Lokales 5 Min. 14.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Das Buch von Alexis Kremer

Vor der Kriminalkammer erklärte Alexis Kremer am Mittwoch, seiner Auffassung nach sei die Cegedel nicht von den Bommeleeër visiert, sondern nur benutzt worden.

Bommeleeër: Das Buch von Alexis Kremer

Vor der Kriminalkammer erklärte Alexis Kremer am Mittwoch, seiner Auffassung nach sei die Cegedel nicht von den Bommeleeër visiert, sondern nur benutzt worden.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 5 Min. 14.02.2014 Aus unserem online-Archiv

Bommeleeër: Das Buch von Alexis Kremer

Der ehemalige beigeordnete Cegedel-Direktor Alexis Kremer brachte 1994 seine Überlegungen und Erinnerungen zu den Bommeleeër-Attentaten zu Papier. Sie verleihen der Attentatsserie eine menschliche Seite – aus der Opferperspektive – und werfen Fragen auf.

(str) - Als der  ehemalige beigeordnete Cegedel-Direktor Alexis Kremer 1994 seine Überlegungen und Erinnerungen zu den Bommeleeër-Attentaten zu Papier brachte. sollte das eigentlich nur eine Gedächtnisstütze für einen erlesenen Kreis von Mitarbeitern sein. Doch aus heutiger Sicht ist das Buch ein wichtiger Zeitzeugenbericht. Die Aufzeichnungen offenbaren tiefe Spannungen und Misstrauen zwischen Ordnungskräften und Cegedel. Sie verleihen der Attentatsserie eine menschliche Seite – aus der Opferperspektive – und werfen Fragen auf, die durch den Bommeleeër-Prozess wieder brandaktuell sind.

Mit freundlicher Genehmigung von Alexis Kremer haben wir das Buch „De Bommeleër 1985-1990“ auf wort.lu veröffentlicht. Auf 17 aufschlussreichen Seiten hat Alexis Kremer seine Erinnerungen und Überlegungen zur Bommeleër-Affäre zu Papier gebracht. Zum Buch gehört aber auch eine mehr als 200 Seiten umfassende Sammlung von Zeitungsartikeln und sonstigen Dokumenten. Das Buch wurde nie veröffentlicht. Es gab nur zehn Exemplare, die Kremer als Erinnerungsstütze an jene Cegedel-Mitarbeiter weitergab, die mit der Affäre zu tun hatten.

Kremer beginnt sein Buch mit einer Detonation, die am Abend des 27. April 1985 im Norden der Hauptstadt zu hören war. „On n'y fait pas attention, parce qu'on ne pense pas à un attentat et qu'aucun dérangement ne se manifeste au réseau“, schreibt Alexis Kremer. Zudem habe zu diesem Zeitpunkt auch niemand an einen Zusammenhang mit einem Vorfall am 2. Juni 1984 gedacht, bei dem in Beidweiler ebenfalls ein Mast gesprengt wurde. Dann schildert Kremer den Erhalt des ersten Erpresserbriefs. Für die Cegedel sei gleich klar gewesen, dass man sich schon aus Prinzip nicht auf eine Erpressung einlassen würde.

Staatsanwaltschaft und Ermittler seien nicht glücklich über die Einstellung der Cegedel-Verantwortlichen gewesen, schreibt Kremer. Man habe die Cegedel dann einfach informiert, dass die Geldübergabe erwünscht sei, ohne Hinweis darauf, dass man die Absicht habe, die Täter zu überführen, wie Alexis Kremer hervorhebt.

Misstrauen und Angst

Die Cegedel-Verantwortlichen hätten zudem den Eindruck gehabt, dass der Gendarmerie-Colonel ihnen nicht über den Weg traute. Man habe wohl gedacht, die Cegedel würde der Gendarmerie Briefe vorenthalten. Zudem habe der Gendarmerie-Kommandant der Cegedel-Direktion unmissverständlich klar gemacht, dass man die Sicherheit der Direktion keineswegs garantiere, falls diese sich nicht an seine Anweisung halte.

Als die geforderten 250 000 Dollar schließlich im Cegedel-Geldschrank lagen, habe der Sûreté-Beamte Rausch die Direktoren darauf aufmerksam gemacht, dass sie jetzt zum potenziellen Ziel für Entführer geworden seien. Schnell sei das Geld zur Bank zurückgebracht worden. Doch das Dilemma sie damit nur größer geworden, denn die Erpresser hätten ja nicht wissen können, dass das Geld nicht mehr bereitstand und die Cegedel im Falle einer Entführung nicht bezahlt könnte.

Mit der Zeit verschlechterte sich die Beziehung der Cegedel zu den Ordnungskräften immer weiter.

So wurde laut Kremer sogar der Verdacht ausgesprochen, die Cegedel habe die gescheiterte Geldübergabe in Clerf absichtlich sabotiert. Verärgert zeigt sich Kremer auch darüber, dass die Presse offensichtlich im Detail von der Sûreté informiert wurde. Und auch die Erpresser wussten offenkundig bestens Bescheid. „Je prétends, quoi qu'on en dise, que cette information ne peut provenir que de la Gendarmerie ou de la Sûreté publique“, betont Kremer in seinem Buch.

Die Bommeleeër-Psychose

Im Detail schildert Alexis Kremer die Bommeleeër-Psychose, die im Mai 1985 schnell dazu führte, dass die Attentate zum Spielball der Politik wurden. So erwog der Minister der Öffentlichen Macht, Marc Fischbach, etwa die Schaffung von Zivilbrigaden, die die Ordnungskräfte unterstützen sollten.

Der gleiche Minister erzürnte die Cegedel-Verantwortlichen Anfang Juni 1985 mit einer Pressekonferenz. Fischbach erklärte, dass die Regierung erst nach der versuchten und gescheiterten Geldübergabe informiert worden sei. Er sprach dabei von einer kleinmütigen Einstellung der Cegedel, die ohne Absprache mit der Regierung gehandelt habe und das obwohl der Staat Hauptaktionär des Unternehmens sei. Es habe keinen ernsthaften Versuch einer Geldübergabe gegeben.

„Quelles peuvent être les raisons ayant incité le ministre à faire une déclaration franchement à coté de la vérité?“, fragt Kremer in seinem Buch. Mindestens vier Minister seien informiert gewesen: Jacques Santer, Marc Fischbach, Robert Krieps und Marcel Schlechter. Am gleichen Tag sei auch die „Cherche trèfle noir“-Anzeige erneut im Luxemburger Wort erschienen – ohne dass die Cegedel informiert worden sei.

„Situation cocasse“

Von einer „situation cocasse et absurde“ spricht Kremer im Bezug auf den Erpresserbrief vom 22. Mai 1985. Nach der gescheiterten Geldübergabe hatten die Erpresser geschrieben, dass sie keinen Kontakt mehr zur Cegedel aufnehmen würden, es sei denn, diese würde bezahlen wollen. „C'est le renversement des rôles, le rançonné demandant au rançonneur d'être rançonné“, stellt Alexis Kremer fest. Das werfe Fragen auf.

Was die Regierung damit erreichen wollte, als sie gegen den Willen der Cegedel auf die Erpressung einging, fragt er. Wollte sie damit die Attentatsserie beenden? Gab es einen Zusammenhang mit dem Papstbesuch? Oder wollte man die Täter auf frischer Tat ertappen?

„Mais qui sont les auteurs des attentats“, fragt Kremer weiter. „Est-ce qu'il s'agit à chaque fois du même groupe d'auteurs? On ne sait pas si l'Etat ne faisait pas lui-aussi l'objet d'un rançonnement?“ Viel erfahren habe man in der Folgezeit nicht mehr über die Ermittlungen. Man kenne die Täter zwar nicht, aber die Ordnungskräfte hätten sicher bereits bei ihnen an die Tür geklopft, sagte man der Cegedel.

Bis 1989 erhielt der Stromzulieferer die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen aufrecht. Diese allein kosteten 200 Mio. Franken. Die Reparaturarbeiten der Cegedel beliefen sich auf elf Mio. Franken. Doch der Gesamtschaden, so Kremer, dürfte eine Milliarde Franken erreichen.


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