Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Blutiger Rachefeldzug in Hollerich
Lokales 4 Min. 13.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Blutiger Rachefeldzug in Hollerich

Die Tat trug sich im November 2016 auf dem Postparkplatz (rechts im Bild) in der hauptstädtischen Rue Hollerich zu.

Blutiger Rachefeldzug in Hollerich

Die Tat trug sich im November 2016 auf dem Postparkplatz (rechts im Bild) in der hauptstädtischen Rue Hollerich zu.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 4 Min. 13.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Blutiger Rachefeldzug in Hollerich

Eine weitere blutige Fehde zwischen kapverdischen Jugendgruppen beschäftigt derzeit die Kriminalkammer. Nach einem Tötungsversuch in Hollerich gibt es allerdings zwei unterschiedliche Geständnisse, die im völligen Widerspruch zur Darstellung des Opfers stehen.

Während im Verhandlungssaal nebenan noch die Plädoyers im Fall der brutalen Auseinandersetzungen zwischen zwei Jugendgruppen mit kapverdisch-portugiesischem Hintergrund liefen, wurde vergangene Woche vor der 13. Kriminalkammer ein weiteres Kapitel in einer anderen Fehde behandelt. Ging es in dem einen Prozess um Auseinandersetzungen zwischen jungen Männern aus Esch/Alzette und auswärtigen Jugendlichen, war in diesem Fall eine Gruppe aus Wiltz mit einer anderen aus dem französischen Villerupt aneinandergeraten.

Und auch in diesem Fall müssen die Richter abwägen: Neben dem Verletzungsbild des Opfers gibt es nur ein Taschentuch mit vier kleineren Blutspritzern als Indizien. Und Zeugen wollen nichts gesehen haben. Überraschenderweise gibt es allerdings gleich zwei Geständnisse von Tatverdächtigen, deren Präsenz am Tatort unter anderem durch die DNS-Spuren am Taschentuch erwiesen ist. Die Bekenntnisse sind allerdings kontradiktorisch und stehen zudem beide im Widerspruch zu den – konstanten und kohärenten Aussagen des Opfers.

Unvermittelter Messerangriff

Der 23-jährige Mann aus Villerupt führte vor Gericht aus, wie er am 27. November 2016 kurz vor 4 Uhr mit einem Freund auf den Postparkplatz in der hauptstädtischen Rue de Hollerich gefahren ist, um von dort aus eine Diskothek in der Nähe aufzusuchen. „Ich war noch am Telefonieren, als ich ausstieg“, erzählt der junge Mann der vorsitzenden Richterin. „Dann hörte ich meinen Kumpel rufen, ich solle aufpassen. Doch da war es bereits zu spät, ich spürte zwei harte Schläge von rechts und links ins Genick. Dann fiel ich zu Boden und wurde getreten.“

Als er sich umsah, habe er dann sehen können, dass beide Angreifer jeweils ein Messer in der Hand hielten, erzählt er den Richtern. Als die Männer von ihm abgelassen hätten, habe er die Gelegenheit genutzt, sei ins Auto gesprungen und beide seien geflüchtet. Trotz der blutenden Wunden habe er sich von einem Freund nach Hause bringen lassen und nicht in eine Notaufnahme. Dort kehrte er erst auf Drängen seiner Mutter ein, nachdem sich sein Zustand drastisch verschlechtert hatte.

Die Diagnose, die im Escher CHEM gestellt wurde, war erschreckend: Die Ärzte zählen insgesamt zwölf Messerstiche: zwei am Genick, acht im Rücken und zwei an den Händen. Zwei Stiche hatten zudem jeweils einen der Lungenflügel durchbohrt. „Der beidseitige Lungendurchstich hätte ohne ärztliche Behandlung unweigerlich zum Tod des Opfers geführt“, stellte ein Gerichtsmediziner im Prozess klar.

Ein Racheakt für einen Streit eine Woche zuvor

Die Täter sind schnell identifiziert: Einer wurde vom Opfer erkannt, der andere wird über Facebook identifiziert. Zudem ging bei der Polizei eine Meldung ein, dass sich zwei Männer im Norden des Landes damit brüsten würden, jemanden in der Hauptstadt niedergestochen zu haben. Auch der Hintergrund ist schnell klar: Am Wochenende zuvor hatte es in einer Diskothek in der Rue du Fort Neipperg einen Streit zwischen zwei Gruppen von kapverdischen Jugendlichen gegeben, an dem auch der Bruder des Opfers beteiligt war. Der Angriff in Hollerich war, wie alle Beteiligten unmissverständlich klarstellten, ein reiner Racheakt.

Einer der Tatverdächtigen räumte den Angriff im Verhör ein. „Als er am Boden lag, habe ich mich über ihn gebückt und von hinten auf ihn eingestochen“, erklärte Fabio R. dem Untersuchungsrichter. „Ich habe dabei aber nur in den Rücken gestochen, denn diese Wunden heilen recht schnell und sind wenig schmerzvoll.“ Im Prozess wollte Fabio R. davon aber nichts mehr wissen. Sein Begleiter sei der eigentliche Täter. Er selbst habe nur gestanden, um diesen zu schützen, da er ihn von klein auf kenne. Zudem habe ein Polizist ihm erklärt, ohne Geständnis seien ihm 20 Jahre Gefängnis sicher.

Der Mitbeschuldigte, Lisandro L., erklärte nun, er übernehme die Verantwortung für die Tat. Allerdings habe nur das Opfer ein Messer gehabt und er habe es diesem abgenommen, um seinen Freund zu beschützen, nachdem dieser eine Backpfeife vom Opfer erhalten habe. In Rage habe er dann zugestochen. Er sei ja auch betrunken gewesen, meinte er.

„Eindeutiges Täterwissen“

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hielt die Darstellung der beiden 22-jährigen Angeklagten für wenig glaubhaft. Zudem habe Fabio R. eindeutiges Täterwissen, etwa bei der Zahl der Stiche und der betroffenen Körperstellen offenbart. Den kohärenten und konstanten Aussagen des Opfers sei zu entnehmen, dass beide ein Messer gehabt hätten.

Die Täter seien sich durchaus bewusst gewesen, dass die Messerstiche tödlich enden könnten. Sie seien, ohne ein Wort zu verlieren, auf das Opfer zugegangen und hätten es niedergestochen – ein brutales und feiges Vorgehen. Die Täter seien wegen versuchten Totschlags zu einer Haftstrafe von jeweils 14 Jahren zu verurteilen.

Das Opfer beantragte zudem Schadenersatz in Höhe von 50.000 Euro von jedem der beiden Angeklagten. Das Urteil der Kriminalkammer ergeht am 27. Juni.

Gegen beide Beschuldigte läuft zudem noch jeweils ein weiteres Verfahren wegen Mordversuchs. Beide Vorfälle in Schifflingen und Hollerich werden von der Polizei in dem gleichen Zusammenhang wie der aktuell behandelte Fall angesiedelt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Gewalt als Selbstverständlichkeit
Der Prozess um gewaltsame Auseinandersetzungen im Februar 2012 in Esch/Alzette gewährt tiefe Einblicke in das Selbstverständnis der Angeklagten. Er zeigt aber auch, dass die Konflikte längst nicht aus der Welt geschafft sind. Im Gegenteil. Sie sind brandaktuell.
Der Prozess ist auf fünf Wochen angesetzt.