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Blindgänger statt Ballermänner
Lokales 9 9 Min. 20.04.2014 Aus unserem online-Archiv

Blindgänger statt Ballermänner

Lokales 9 9 Min. 20.04.2014 Aus unserem online-Archiv

Blindgänger statt Ballermänner

Hat die Polizei keine anderen Sorgen als die Endlosdiskussion über Revolver und Pistolen? Diese Frage könnte man sich stellen. Doch die Sache ist sehr ernst. Ein Lagebericht.

Von Steve Remesch

Hat die Polizei keine anderen Sorgen als die Endlosdiskussion über Revolver und Pistolen? Diese Frage könnte man sich stellen. Doch die Sache ist sehr ernst. Schusswaffen werden im Dienst nur äußerst selten eingesetzt, doch versagt die Dienstwaffe im Ernstfall, kann es für Polizisten schnell lebensbedrohlich werden.

So kommt es auch, dass die Diskussion um die Dienstwaffe innerhalb der Sicherheitskräfte hochemotional geführt wird. In den Fokus der Öffentlichkeit gebracht wurde das Problem von der Polizeigewerkschaft SNGPL. Ihr Präsident, Pascal Ricquier, ein ehemaliger Ausbilder der Spezialeinheit USP und in der Polizeischule, gilt als Waffenexperte.

„Hätten Sie mich vor zehn Jahren gefragt, ob ich lieber einen Revolver oder eine Pistole als Dienstwaffe hätte, hätte ich mich mit Sicherheit für den Revolver entschieden“, sagt Ricquier. „Aber bei der gravierenden Anhäufung von Problemen, die wir seit 2005 haben und die noch immer nicht gelöst sind, muss ich sagen, es geht nicht mehr anders, wir müssen umsteigen. Ich kann nicht verstehen, warum die Entscheidungsträger in der Polizei so daran festhalten. Wenn ich Generaldirektor wäre, würde ich morgen neue Waffen kaufen. Diese Verantwortung würde ich nicht auf mich nehmen, schließlich ist erwiesen, dass jederzeit jemandem etwas geschehen kann“.

„... wenn sie denn funktioniert“

Es gebe heute fast keine Polizei mehr auf der Welt, die noch einen Revolver einsetze, vielleicht noch irgendwo ein Sheriff, meint Ricquier. „Ein Revolver ist eine sehr gute Waffe, wenn sie denn funktioniert“, so der Polizeigewerkschafter. „Er ist für einen Laien einfach zu bedienen, eine Anzündversager ist meistens einfach zu beheben.“ Es ist die perfekte Waffe für jemanden, der nur zwei oder dreimal im Jahr schießt, sagt er. Bei einer Pistole sei die Ladehemmung zwar nicht so leicht zu beheben, ein gut ausgebildeter Polizist müsste das aber hinbekommen, auch wenn zu Beginn mehr Training an der neuen Waffe erforderlich sei.

Es sei aber nicht so, dass eine Pistole gefährlicher als ein Revolver sei. Das sei früher vielleicht einmal so gewesen, als die Pistolen durchgeladen werden mussten und ausschließlich im „Single-Action“-Modus funktionierten. Moderne Pistolen bieten allerdings die gleiche Sicherheit als Revolver. So wird der erste Schuss im „Double-Action“-Modus abgefeuert und die folgenden im „Single-Action“-Modus. 

"Double Action" und "Single Action"

Zur Erklärung: Trommelrevolver funktionieren nach dem „Double-Action“-Prinzip. Das heißt, wer den Abzug durchzieht, spannt zunächst den Hahn und löst dann den Schuss aus – bei jedem Schuss aufs Neue. Bei den meisten modernen Pistolen ist dies nur beim ersten Schuss der Fall. Durch den Rückstoß wird die Waffe erneut gespannt und eine neue Kugel in Schussposition gebracht. Dann braucht es nur einen leichteren Zug, um die weiteren Schüsse abzufeuern. Hierbei spricht man dann von „Single Action“ weil die Bewegung des Abzugs sofort den Schuss auslöst.

Allerdings gibt es heute auch Pistolen, die genau wie Revolver ausschließlich im „Double Action“-Modus funktionieren. Mitte der 80er-Jahre, als der Revolver als Dienstwaffe eingeführt wurde, funktionierten die meisten Pistolen ausschließlich im „Single Action“-Modus.

Eine Pistole kostet zudem die Hälfte eines Revolvers. Das gleiche gelte für die Munition. Eine Pistole könne um einiges leichter sein als ein Revolver und sie hat eine höhere Feuerkraft. Ein Smith & Wesson-Revolver, wie ihn die Luxemburger Polizei benutzt, hat sechs Schuss. Dazu kommen standardmäßig zwei „Speedloader“, also insgesamt 18 Schuss. Bei Pistolen sind schon mal 15 Schuss im Magazin, es können aber auch 20 sein. Demnach kann ein Polizist mit drei Magazinen auf bis zu 60 Schuss kommen.

„Mannstoppende“ Hohlspitzgeschosse

Die Munition ist es, die den Polizeigewerkschaftern am meisten Kopfzerbrechen bereitet. „Es gibt Richtlinien, wie eine Polizeimunition zu sein hat“, erklärt Pascal Ricquier. „Normale Munition ist für Polizeimissionen zu gefährlich: Sie kann den Körper durchdringen und nach dem Austritt weitere Menschen verletzen. Zudem sind immer Querschläger möglich“. Daher setzt die Polizei im Einsatz ausschließlich „mannstoppende“ Hohlspitzgeschosse ein. Beim Aufprall deformiert die Kugel sich pilzförmig. Bei Polizeimunition ist klar definiert, etwa wie weit sie in einen Körper eindringen darf oder wie weit sie sich deformieren darf und wieviele Bleche sie durchschlagen muss. Wichtig ist beispielsweise auch, dass wenn ein Schuss auf einen Reifen abgefeuert wird, die Kugel ein größeres Loch ausstanzt.

„Es wurde uns gesagt, dass es weltweit nur eine einzige Firma gibt, die eine Munition nach unseren Kriterien herstellt“, erläutert Pascal Ricquier. Dabei handelt es sich um das Modell „Quick Defense“ (QD1) des Metallwerks Elisenhütte Nassau (MEN). „Das Unternehmen produziert eine Munition ausschließlich für die Luxemburger Polizei. Wir sind an diese Firma gebunden, sie hat uns regelrecht im Griff“, sagt Ricquier. „Wenn die jetzt sagen, wir stellen die Produktion ein, dann schmeißen wir unsere Revolver weg.“

„Bricoléiert Munitioun“

„Der aktuelle Kommandant der Spezialeinheit hat in einem Bericht an die Direktion auf die Schwachstellen aufmerksam gemacht“, erzählt der Gewerkschafter. „Er schreibt, dass MEN eine Munition für uns 'bricoléiert'. Das trifft es sehr genau. Ein Hülse vom Kaliber .357 Magnum wird mit der Ladung gefüllt, die einem Volumen entspricht, das zwischen einer kleineren .38 und der .357 Magnum liegt und das Geschoss stammt von einer QD1-Kugel.“ Es werde zudem kein Geld in Weiterentwicklungen investiert. Bei 9mm Pistolenmunition sei das anders. Dabei gehe es um einen weltweiten Markt und es werde ständig in Recherche und Entwicklung investiert.

Die „Quick Defense 1“ mit blauer Spitze von MEN sei seit Anfang 2010 im Einsatz. „Wie es scheint, gab es bei dem ersten Los quasi gar keine Probleme“, sagt Ricquier. 200 000 Schuss seien gekauft worden, 18 000 sind noch übrig. Bei diesen seien keine Probleme zu erwarten. Sehr wohl aber bei den zwischen 300 000 und 400 000 Kugeln die pro Jahr im Training verschossen werden. Anfang 2011 sei das zweite Los mit 100 000 Schuss angeschafft worden und habe schon mehr Probleme gehabt als das erste Los.

Im November 2011 folgte Los 3. „Das war so schlimm, dass es quasi nicht mehr zu schießen war“, unterstreicht Pascal Ricquier. In einer Antwort auf eine parlamentarische Frage habe der Minister mitgeteilt, man habe das Los dennoch für Trainingzwecke gebraucht, weil es sonst Engpässe gegeben hätte. Ricquier betont, dass dies einem internen Bericht zufolge nicht ganz der Wahrheit entspreche. Demzufolge habe der Hersteller sich nämlich geweigert, die Munition zurückzunehmen, da diese den Richtlinien entsprechen würden.

„Los 4 komplett durchgefallen“

„Damals hieß es, mit Los 4 würden alle Probleme aus der Welt geschaffen, doch Los 4 ist komplett durchgefallen“, so Ricquier. „Als die Munition getestet wurde, war das schon ganz speziell. Im Bericht steht: Bei den ersten Testschüssen waren drei Anzündversager. Diese können jedoch als Schützenfehler ausgeschlossen werden.“ Der Fehler des Schützen sei es gewesen, dass er beim Schießen im „Double Action“-Modus den Abzugshebel nicht ganz nach vorne zurückkommen ließ. „Das ist falsch“, ärgert sich Ricquier. „Das hat mit Anzündversagern nichts zu tun. Das Einzige, was passieren könnte, wäre, dass sich die Trommel nicht weiter dreht“.

Zu Los 4 habe es im Güteprüfprotokoll eine besondere Feststellung gegeben: „Los Nr. 4 entspricht nicht den technischen Lieferbedingungen und wird zum Versand freigegeben.“ Für die SNPGL ist das absolut nicht nachvollziehbar. „Das heißt, die Polizei kauft ein Los, von dem bekannt ist, dass es nicht den Qualitätskriterien entspricht“, betont Ricquier. „Da muss man sich Fragen stellen. Warum hält man so an dem Fabrikat fest?“

Über der 1-Prozent-Toleranz

Und trotzdem seien ein Los 5 und 6 bestellt und bei beiden habe es Probleme gegeben, sagt Ricquier. Bei Los 5 habe es bei 150 Versuchen wieder drei Anzündversager gegeben. Das sei mehr als die Toleranz von 1 Prozent. „Nun sind wir bei Los 7 und es wurde eine Million Schuss bestellt“, so Pascal Ricquer. „Warum eine Million bestellen, wenn bekannt ist, dass es Probleme gibt?“ 30 000 Kugeln davon seien bereits verschossen. Immer wieder gebe es Blindgänger und gerissene Hülsen. Auch einen Steckstoß, bei der die Patrone gezündet, die Kugel aber wegen einer zu geringen Pulverladung den Lauf aber nicht verlassen habe, habe es gegeben. „So etwas kann zu schweren Verletzungen führen“, mahnt Ricquier, „wenn ein weiterer Schuss auf den Steckschuss aufprallt.“

Die Polizei reagierte, indem der Schlagbolzen der Revolver verlängert und das Abzugsgewicht erhöht wurde. Dadurch wird die Schlagkraft des Schlagbolzen erhöht. Bei den fehlerhaften Patronen liegt das Zündhütchen nämlich tiefer als die äußere Hülse. „Doch das schuf neue Probleme“, erklärt Pascal Ricquier. „Wenn man nun handelsübliche Munition anstatt der schwächeren MEN-Kugeln in den modifizierten Revolver lädt, dann kann es vorkommen, dass der Schlagbolzen das Zündhütchen durchschlägt. In dem Fall entweicht der Detonationsdruck nach hinten“. Die Polizeidirektion habe zügig auf eine diesbezügliche Anmerkung der SNPGL reagiert. Per Dienstanweisung wurde den Polizisten verboten, mit ihrer Dienstwaffe auf privaten Schießständen handelsübliche Muniton abzufeuern.

Die Dienstanweisung scheint Ricquier zufolge aber aus unerklärlichen Gründen nicht für alle Beamten zu gelten: Polizeischüler würden bei der taktischen Grundausbildung sehr wohl handelsübliche Munition der Marke „Fiocchi“ verschießen. Die Munition ist bleihaltig und darf daher nicht im überdachten Schießstand der Polizei in Reckenthal verschossen werden. Sie darf lediglich in offenen Schießständen zur Anwendung kommen. Um sich auf der sicheren Seite zu wägen, habe die Polizei eine Dienstwaffe zum Hersteller geschickt und der habe grünes Licht gegeben. „Wer sich aber ein bisschen auskennt, der weiß, dass dies reiner Leichtsinn ist“, unterstreicht Ricquier. „Hier wird mit der Gesundheit der Leute gespielt“. Das was den Polizisten verboten würde, werde den Schülern erlaubt.

150 Vorfälle gemeldet

Nach ihrer Generalversammlung im März hatte die SNPGL ihre Mitglieder aufgerufen, binnen zwei Wochen alle bisherigen Probleme mit Dienstwaffe und Munition zu melden. 36 E-Mails gingen bei der Gewerkschaft ein, in denen rund 100 Zwischenfälle aufgelistet wurden. Polizeischüler berichteten von 51 Zwischenfällen.

Der Hersteller MEN stand übrigens auch in Deutschland kürzlich in der Kritik: Die Bundeswehr hatte Probleme mit der Zielgenauigkeit ihres Standard-Sturmgewehrs G-36. Der „Spiegel“ zitierte im Februar aus einem Bundeswehrbericht, aus dem hervorging, dass die Ursache bei Qualitätsschwankungen der Munition eines bestimmten deutschen Herstellers liege. Die „Tagesschau“ nannte wenige Tagen später dann das Metallwerk Elisenhütte im rheinland-pfälzischen Nassau als den beanstandeten Hersteller.


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„Die Revolver, die die Polizei hat, sind gut“, sagt Waffenhändler Henri Freylinger aus Liwingen. „Aber wer Munition über den Rechnungshof kauft und sich für das billigste Produkt auf dem Markt entscheidet, der hat dann auch nur das Allerbilligste.“
„Die Beschaffenheit des Schießstandes in Reckenthal ist ausschlaggebend für die Auswahl der aktuellen Munition“, sagt Polizeipressesprecher Vic Reuter. „Das Problem ist der Kugelfang hinter den Zielscheiben."