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Besmellah, einer von vielen
Lokales 4 Min. 07.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Ein junger Afghane in Luxemburg

Besmellah, einer von vielen

271 Afghanen stellen momentan in Luxemburg einen Antrag auf internationalen Schutz.
Ein junger Afghane in Luxemburg

Besmellah, einer von vielen

271 Afghanen stellen momentan in Luxemburg einen Antrag auf internationalen Schutz.
Illustration: Shutterstock
Lokales 4 Min. 07.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Ein junger Afghane in Luxemburg

Besmellah, einer von vielen

Diana HOFFMANN
Diana HOFFMANN
Als einer von etwa 3 000 Flüchtlingen passierte Besmellah 2015 die Grenze von Russland nach Norwegen. Im Frühling 2016 landete er in Luxemburg, doch hier darf der Junge nicht bleiben. Besmellah, ist ein Beispiel von vielen.

(dho) - Besmellah Bahktari ist ein junger Afghane. Wie alt er ist, weiß er nicht. Ausweispapiere besitzt er keine. Lesen und schreiben hat er nie gelernt. Auf dem Feld arbeiten, das kann er. Doch er hat seine Heimat verlassen. Er gehört zu der Ethnie der Hazara, einer Minderheit. In dem Bergdorf in der Provinz Ghazni, aus dem er stammt, hat die radikale Taliban-Miliz die Kontrolle übernommen.

Besmellah landete als einer von vielen Flüchtlingen im Frühjahr 2016 in Luxemburg. Doch bleiben kann er nicht. Am 26. Oktober sollte er laut Dublin–Verfahren in das Land überstellt werden, in dem er zuerst seine Fingerabdrücke hinterlassen musste, also registriert wurde. In seinem Fall Norwegen. Wie etwa 3 000 andere Asylbewerber hatte er 2015 wahrscheinlich die Grenze Russlands nach Norwegen überquert, wo er im Mai einen Antrag auf Asyl stellte. Damals wurde festgehalten, dass er volljährig sei.

Der junge Afghane legte Berufung gegen eine Rückführung nach Norwegen ein. Sein Anwalt meinte zu dem Fall: „Ich bin sicher, wenn Bahktari nach Norwegen zurückkehrt, wird er von der Polizei festgenommen und zurück nach Afghanistan gebracht“. Die Entscheidung liegt bei der Regierung.

Er wäre nicht der erste, der sich allein in Kabul durchschlagen müsste, weiß Marianne Donven. Sie arbeitete elf Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium und ist auch jetzt sehr engagiert in der Flüchtlingshilfe. Sie kennt einen Afghanen, der knapp 18 ist und sich in den Straßen von Kabul durchschlagen muss. Doch was würde Besmellah allein in Afghanistan machen – ob nun genau 18 Jahre oder nicht, fragt sie sich. Sein Vater ist tot. Zu seiner Familie kann er nicht zurück, da dies zu gefährlich für ihn wäre.

Öffentlichkeitsarbeit nötig

Trotzdem gibt es nun mal das Dublin Übereinkommen, das den massiven Flüchtlingsstrom, der vor allem seit 2015 in Europa eingesetzt hat, regulieren soll. Marianne Donven ist der Meinung, dass in Fällen wie bei Besmellah Menschlichkeit vor der Gesetzgebung walten müsse. Zusammen mit Marie-Christine Ries und Agnes Rausch, (beide von der Flüchtlingshilfe-Projekt des Bistums „Reech eng Hand“) hat sie aus diesem Grund einen privaten Solidaritätsaufruf für Besmellah gestartet. Eigentlich sollte der Aufruf nicht in die Presse gelangen – es soll schließlich nicht zu viel Rummel geben. Immerhin hoffen viele Afghanen in Luxemburg auf Asyl. Ihnen soll keine falsche Hoffnung gemacht werden.

Dennoch findet sie, dass hierzulande einiges an Öffentlichkeitsarbeit über Afghanistan notwendig sei. Die Anwälte, die sich bei dem Asylverfahren für die Afghanen einsetzen, hätten nicht immer das notwendige Hintergrundwissen. Zwar fließe viel Geld in die Kooperation, doch die Situation verbessere sich nicht wesentlich. Erst Anfang Oktober wurde ein Abkommen zwischen der Europäischen Union und Afghanistan unterzeichnet. Es sieht die Rückführung von 80 000 afghanischen Flüchtlingen vor. Die Gegenleistung: 13,8 Milliarden Euro Entwicklungsgelder an Afghanistan.

In Zusammenarbeit mit dem Luxemburger Flüchtlingsrat, der Universität und mehreren Organisationen, die mit Flüchtlingen arbeiten, möchte sie die Öffentlichkeit und die Regierung darauf aufmerksam machen, dass Afghanistan weit davon entfernt ist, ein sicheres Land zu sein.

Ein Viertel wird ausgewiesen

Ein Viertel der Flüchtlinge, die in Luxemburg Asyl beantragen, würden innerhalb von sechs bis acht Monaten in ein europäische Land ausgewiesen. Das EU-Land, in dem sie auf ihrer Durchreise Fingerabdrücke hinterließen oder einen Asylantrag stellten. Eine solche Rückführung sei sehr traumatisch für diejenigen, die sich bereits in Luxemburg gut eingelebt hätten, zur Schule gingen und Freunde gefunden hätten.

Mit solchen Entscheidungen würde es sich die Regierung zu einfach machen, findet Marianne Donven. Luxemburg besitze nun mal keine Grenzen zu Transitländern. Daher sei eine legalistische Anwendung des Dublin-Abkommens zu bequem. Vor allem auch, weil das Übereinkommen vorsieht, dass ein Land auf eigenen Wunsch einen Asylantrag bearbeiten darf, selbst wenn der Flüchtling bereits in einem anderen Land registriert wurde.

Hätte Besmellah bleiben können, wäre er vielleicht in einer Empfangsklasse für Flüchtlinge untergebracht worden. Theoretisch bis er volljährig wäre – dann hätte er sich wieder einem Verfahren stellen müssen, bei dem über seine Rückführung entschieden worden wäre. Vielleicht hätte er spätestens dann nach Afghanistan zurückkehren müssen.

Für Besmellah wird der Aufruf zur Solidarität jedoch nichts mehr bewirken. Noch bevor er nach Norwegen ausgeliefert werden konnte, ist er untergetaucht. Vermutlich wird er nie wieder hier auftauchen und sein Glück in einem anderen Land suchen.

Sicherheit in Afghanistan

Etwa 45 Prozent Afghanistans sind von der radikalen Taliban-Miliz kontrolliert, oder in Gefahr in die Gewalt der Extremisten zu gelangen. Die Vereinten Nationen berichten von 5  100 getöteten und verletzten Zivilisten im ersten Halbjahr 2016. Innerhalb Afghanistan sind laut „Amnesty international“ momentan 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht.


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