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Berufungsprozess um nigerianischen Paten: Joes Welt
Bei der Razzia im „G33“-Haus in Wasserbillig – das nach außen den Eindruck eines Sektenzentrums aufrecht erhielt – wurden am 27. Oktober 2015 rund 50 Personen festgenommen. 21 davon stehen jetzt in zweiter Instanz vor Gericht.

Berufungsprozess um nigerianischen Paten: Joes Welt

Foto: Chris Karaba/LW-Archiv
Bei der Razzia im „G33“-Haus in Wasserbillig – das nach außen den Eindruck eines Sektenzentrums aufrecht erhielt – wurden am 27. Oktober 2015 rund 50 Personen festgenommen. 21 davon stehen jetzt in zweiter Instanz vor Gericht.
Lokales 5 Min. 23.10.2017

Berufungsprozess um nigerianischen Paten: Joes Welt

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Als eingefleischter Selbstdarsteller wollte er eine Show abziehen, doch das Berufungsgericht zog dem mutmaßlichen Kopf der „G33“-Drogenbande Joseph E. am Montag einfach den Stecker.

(str) - Als eingefleischter Selbstdarsteller wollte er eine Show abziehen, doch das Berufungsgericht zog ihm den Stecker. Der Kopf der „G33“-Drogenbande Joseph E. offenbarte am Montag ein Weltbild voller Missverständnisse und Verschwörungen.

Seit zwei Wochen läuft vor dem Berufungsgericht in zweiter Instanz der Prozess gegen 21 mutmaßliche Drogendealer. Am fünften Sitzungstag begannen die Verhandlungen nun interessant zu werden, denn seit Montag und möglicherweise noch bis nächste Woche befasst sich der Appellationshof mit Joseph E. – dem mutmaßlichen Paten jenes nigerianischen Drogennetzwerks, das seit Jahren in der Hauptstadt den Straßenhandel mit minderwertigem Kokain zu Dumpingpreisen überschwemmt.

Daran, dass er sich nicht nur als Prediger in Szene zu setzen weiß, lässt Joseph E., genannt Joe, auch beim Prozess in zweiter Instanz keinen Zweifel. Mit großen Gesten sprach er von sich selbst, seinem Umfeld und davon, wie er das Großherzogtum vor Drogendealern und einer nie da gewesenen Masse von nigerianischen Einwanderern schütze.

Das Geschäftsmodell eines Drogenbosses

Joseph E. war am Montag dabei so sehr mit sich selbst und seinen Wohltaten beschäftigt, dass die Anklage, wegen der er sich nun in zweiter Instanz vor den Richtern des Appellationshofs verantworten muss, fast in Vergessenheit geriet: Anhand von Observierungen, Telefonüberwachungen und umfangreicher Ermittlungsarbeit konnte er als mutmaßlicher Drahtzieher des Drogennetzwerks überführt werden.

Stets darauf bedacht, nicht selbst am Drogenhandel beteiligt zu sein, hatte er laut Anklage auf Nummer 33 in der Grand-Rue in Wasserbillig einen Rückzugsort für Drogendealer geschaffen. In dem streng geführten und nach außen hermetisch abgesicherten Haus mit dem polizeilichen Codenamen „G33“ konnten die Dealer die Drogen von Großhändlern in Empfang nehmen, strecken, portionieren und zum Weiterverkauf in den Straßen des hauptstädtischen Bahnhofsviertels vorbereiten.

Wie ein Mafiapate hat Joseph E. in Wasserbillig den Ermittlungen zufolge eine verschworene Gemeinschaft aufgebaut, deren einziges Ziel es war, ein florierendes und nach strengen Vorgaben geführtes, bis ins Detail durchorganisiertes Drogennetzwerk zu betreiben.

Joseph E. hielt sich beim Drogenverkauf selbst stets im Hintergrund. Seinen Verdienst zog er aus dem „Bunker“ in Wasserbillig, wie er das „G33“-Haus selbst nannte, aus dem „seine Soldaten“ täglich „ins Schlachtfeld“ in die Stadt zogen. Denn für jede Übernachtung kassierte er 20 Euro. Von Anfang Juli 2015 bis zur Razzia am 27. Oktober zählte die Kriminalpolizei deren übrigens 4.210. Über die restlichen Gäste gab ein sauber geführtes Register Auskunft.

Retter der Verzweifelten, Opfer der Justiz

Vor den Richtern des Appellationshofs versuchte sich Joseph E. am Montag zunächst, wie bereits in erster Instanz, selbst in Szene zu setzen: als Retter der Verzweifelten und als Opfer von Polizei, Justiz und Strafvollzug. Zunächst wollte er aber die Berufungsrichter befragen. So fragte er den vorsitzenden Richter in scharfem Ton, wieso denn einer von zwei Briefen an das Gericht letztendlich bei der Staatsanwaltschaft gelandet sei.

Richter Michel Reiffers ließ sich allerdings nicht auf das Spiel ein, und erklärte dem Angeklagten in ebenso bestimmten Ton, es sei nicht an ihm Fragen zu stellen. Er sei nur da, um Fragen zu beantworten. Doch Joseph E. hatte noch mehr zu sagen. Beispielsweise darüber, dass in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von ihm und seinem Gerichtsprozess gezeichnet werde. Seine Frau habe ihm in ihrem Scheidungsantrag insgesamt 62 Zeitungsartikel über ihn vorgelegt, von denen kein einziger die Wahrheit widerspiegele.

Nachdem der Richter ihn mehrfach dazu aufgefordert hatte, dazu Stellung zu beziehen, warum er Berufung gegen das Urteil in erster Instanz (15 Jahre Haft ohne Bewährung) eingelegt hatte, antworte dieser kurz: „Es gibt zehn Gründe, der erste ist, dass ich unschuldig bin.“

Luxemburg vor dem europäischen Gerichtshof verklagt

Ohne auf die anderen Gründe einzugehen, setzte Joseph E. seine vorangegangene Rede fort. Er führte aus, dass er drei Bücher verfasst habe, die Polizei und die Staatsanwaltschaft aber nur zwei davon gelesen hätten und die Antworten auf alle Fragen in dem dritten zu finden seien. Das habe schlussendlich zu allen Missverständnissen und Verwechselungen geführt, die ihn vor Gericht gebracht hätten. So seien die Worte „Soldaten“ und „Schlachtfeld“ lediglich Metaphern für das alltägliche Leben.

Das Übernachtungsregister sei eigentlich ein Spendenbuch. Das habe er den Bewohnern allerdings verheimlichen müssen, da diese sonst nicht bezahlt hätten. Und wegen der Beschlagnahme der Listen habe er Luxemburg vor dem europäischen Gerichtshof verklagt. Es handele sich nämlich dabei um eine Auflistung der Mitglieder seiner religiösen Gemeinschaft. Die Konfiszierung sei ein schwerer Eingriff in die Religionsfreiheit. Und dann: Dass er nun vor Gericht stehen würde, sei ein Racheakt der Staatsanwalt und ein Erpressungsversuch, damit er seine Klage zurückziehe.

„Die Polizei hat die Drogen womöglich selbst versteckt“

Auf die 479 Gramm Kokain, 196 Gramm Heroin und 1.340 Gramm Marihuana angesprochen, die im Haus sichergestellt wurden, aber keinem der rund 50 Bewohner zugeordnet werden konnten, meinte Joseph E., er habe nie etwas mit Drogen zu tun gehabt. Er habe nicht Drogendealern ein Dach über dem Kopf gegeben, sondern Menschen in Not.

Er habe auch nie den Drogenhandel gefördert. Wenn die Polizei ehrlich gewesen sei, dann hätte sie festhalten müssen, dass er alle Möbel aus den Zimmern entfernt habe, die Dealer hätten nutzen können. Es habe dort nur Matratzen gegeben. Dass das Haus so gut gesichert gewesen sei, habe als einzigen Grund gehabt, Drogenkonsumenten und Dealer fernzuhalten – nicht etwa die Polizei. Die Drogen habe die Polizei womöglich selbst dort versteckt. Das sei wohl auch der Grund, warum das Haus zweimal durchsucht wurde.

„Nicht acht Jahre studiert, um Drogen zu verkaufen“

Zudem erklärte Joseph E., durch seine Bücher bringe er seine Landsleute und die Drogendealer unter ihnen davon ab, nach Luxemburg zu kommen. Wenn er das nicht täte, würde das Großherzogtum regelrecht von Nigerianern überschwemmt. Abschließend meint er, er habe acht Jahre lang studiert, das sicher nicht um Drogen zu verkaufen. Sein Geld habe er als Investor verdient.

Und überhaupt, wenn er sich etwas zuschulden gekommen lassen hätte, dann würde er das auch zugeben. Ohnehin stelle er sich die Frage, wie man ihn nur verurteilen könne, nachdem man seine Bücher gelesen habe.

Die Anhörung von Joseph E. wird am Mittwoch fortgesetzt.


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