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Behindert ist man nicht, man wird behindert
Lokales 9 3 Min. 18.10.2014 Aus unserem online-Archiv
Inklusion statt Betreuung

Behindert ist man nicht, man wird behindert

Lokales 9 3 Min. 18.10.2014 Aus unserem online-Archiv
Inklusion statt Betreuung

Behindert ist man nicht, man wird behindert

Nur wenige von uns haben eine Vorstellung davon, welche Hürden ein Mensch mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit jeden Tag auf sich nehmen muss, um seinen ganz normalen Arbeitsweg zu bewältigen. Trotz behindertengerechter Infrastrukturen in den Augen vieler längst abgehakt ist, sieht die Realität oft ganz anders aus.

(mth) - Wenn Anne Chérel morgens zur Arbeit aufbricht, liegt ein anstrengender Weg vor ihr. Denn die 35-Jährige Luxemburgerin, die in Trier wohnt und in der Hauptstadt arbeitet, ist auch Grenzgängerin zwischen der Normalität und einer Welt voller Barrieren. Nach ihrem Studium fand die Pädagogin einen Job, der ihren Qualifikationen gerecht wird und eine Wohnung, die sie mit ihrem Assistenzhund teilt. Sie geht selbstständig einkaufen, nimmt am sozialen Leben teil und engagiert sich im kulturellen Bereich. Eine junge Frau, wie viele andere.

Was sie unterscheidet, liegt weniger an ihr selbst, als an ihrer Umwelt: das tagtägliche Überwinden von Hürden, die von ihren Mitmenschen meist kaum wahrgenommen werden, aber für sie eine endlose, zermürbende Belastungsprobe darstellt, die auf Dauer Unverständnis, oft auch Empörung hervorruft.

Denn es sind Hürden, die an sich weniger auf ihre Gehbehinderung zurückzuführen sind, als auf die Tatsache, dass Barrierefreiheit auf beiden Seiten der Grenze leider immer noch als politisch korrektes, aber sperriges Konzept wahrgenommen wird, das oft unzureichend verstanden und nicht selten schlecht umgesetzt wird. Man ist nicht behindert, sondern man wird es.

Ein Gesetzesrahmen mit Lücken

Die Einsicht, dass Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, deswegen nicht gleich abhängig oder hilfsbedürftig sein müssen, gilt als gesichert. Im Luxemburger Rechtssystem gibt es weder eine allgemeingültige Definition dafür, was eine Behinderung genau ist, noch ein Rahmengesetz, das Menschen mit Behinderung systematisch im allgemeinen Rechtsgefüge berücksichtigt.

Stattdessen gibt es gesonderte Rechtstexte in den Bereichen Arbeit, Bildung, Finanzhilfe, Ausgleichsmaßnahmen und der Zugänglichkeit öffentlicher Einrichtungen. Auch die Finanzierung von Betreuungseinrichtungen ist gesetzlich geregelt. 2011 ratifizierte Luxemburg die UN-Behindertenrechtskommission, die als längerfristiges Ziel eine gleichberechtigte Teilhabe behinderter Personen am 
gesellschaftlichen Leben hat und einen nationalen Aktionsplan beinhaltet, der die Umsetzung eines Maßnahmenkatalogs bis 2017 vorsieht.

Freiräume statt Abhängigkeit schaffen

Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Der Weg von der Ausgrenzung behinderter Menschen zu deren Integration ist mittlerweile abgesteckt und in vielen Bereichen gesetzlich verankert. Doch von dem erstrebenswerten Ziel einer inklusiven Gesellschaft, die allen Mitgliedern der Gesellschaft unabhängig von ihren Fähigkeiten gleichwertige Freiräume und Chancen bieten würde, sind wir noch weit entfernt.

Dies liegt weniger an mangelnden Ressourcen oder politischen Hürden. Der Hintergrund ist vielmehr, dass sogenannte „normale Menschen“ oft keine klaren Vorstellungen davon haben, wie man Menschen „mit besonderen Bedürfnissen“ mehr Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen könnte, anstatt sie durch wohlwollende, aber letztlich kontraproduktive Unterstützungsangebote erneut in eine Abhängigkeitssituation zu drängen.

Eine komplexe Problematik, zu deren Lösung auch Patrick Hurst, Gründungsmitglied und Vorsitzender mit seinem Verein „Nëmme mat eis“ beitragen will, einer Plattform, die sich selbst als „behinderungsübergreifende Selbstvertreterorganisation“ versteht, die „das selbstbestimmte und autonome Leben“ nicht nur fördern, sondern durchaus im Sinne einer Lobby auch einzufordern will. Ein Hauptaugenmerk gilt dabei der Umsetzung jenes nationalen Aktionsplans, der im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention vorgesehen ist, sowie der Ausarbeitung eines sogenannten „Schattenberichts“, in dem die Betroffenen selbst ihre Beobachtungen und Kritikpunkte formulieren wollen.

Fehlende Rückendeckung

Eine Aufgabe, die Hurst als dringend nötig ansieht: „Luxemburg hat einerseits gute Infrastrukturen, steht aber andererseits am Anfang, was die Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen betrifft. Was fehlt, ist ein systematischer Ansatz im Sinne eines Rahmengesetzes, das Barrierefreiheit auch im Privatsektor vorschreibt, anstatt sich wie bisher auf öffentliche Gebäude zu beschränken“. Auch private Transportdienstleister würden das Problem oft ignorieren, weil es keinen Regulierungsdruck gebe, so Hurt, der sich von politischer Seite mehr Rückendeckung wünscht.

Eine stärkere Beteiligung behinderter Menschen an der Inklusionspolitik sei unverzichtbar, da die Betroffenen selbst ihre Bedürfnisse meist am besten einschätzen könnten und zudem andere Ziele verfolgten, als die institutionellen Partner des Staates: „Manche dieser Institutionen haben ja Interessen, die den unseren entgegengesetzt sind“. Wer eine dauerhafte Betreuung als Aufgabe habe, sei eben gerade nicht am Ausbau von Autonomie interessiert.


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