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Barmherzigkeit ist revolutionär
Lokales 3 Min. 24.03.2016 Aus unserem online-Archiv
Franziskus, Kasper, Englisch und der Schlüssel zum Christlichen

Barmherzigkeit ist revolutionär

Papst Franziskus hat eine unnachahmliche Weise, die Barmherzigkeit Gottes ins Zentrum zu stellen. Sie ist stärker als alle Regeln, weil sie selbst die oberste Regel ist.
Franziskus, Kasper, Englisch und der Schlüssel zum Christlichen

Barmherzigkeit ist revolutionär

Papst Franziskus hat eine unnachahmliche Weise, die Barmherzigkeit Gottes ins Zentrum zu stellen. Sie ist stärker als alle Regeln, weil sie selbst die oberste Regel ist.
AFP
Lokales 3 Min. 24.03.2016 Aus unserem online-Archiv
Franziskus, Kasper, Englisch und der Schlüssel zum Christlichen

Barmherzigkeit ist revolutionär

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Glaubt man jenen Vatikanjournalisten wie Andreas Englisch, die gerne um Dramatisches bemüht sind, dann trägt sich im Vatikan gerade ein fundamentaler Richtungskampf zu, und zwar rund um die Frage: was ist das Entscheidende am Katholischen?

VON PAUL GALLES

Glaubt man jenen Vatikanjournalisten wie Andreas Englisch, die gerne um Dramatisches bemüht sind, dann trägt sich im Vatikan gerade ein fundamentaler Richtungskampf zu, und zwar rund um die Frage: was ist das Entscheidende am Katholischen? Dass die Kirche als System überdauert? Oder dass der einzelne Mensch zu Gott findet? Kirche als Selbstzweck oder als Mittel zu einem anderen Zweck? Regeln und Sicherheit oder Barmherzigkeit und Offenheit? Kurie oder Franziskus?

Ganz unabhängig davon, ob die Geschichte vom Machtkampf stimmt, zeigt sie doch die revolutionäre Sprengkraft der Barmherzigkeit. Man mag es nicht glauben: der Zentralbegriff des Evangeliums, also das Glaubenszentrum von Jesus von Nazareth, ist nicht mehr selbstverständlich. Ein erster entscheidender Schritt geschah durch das Buch von Kardinal Walter Kasper „Barmherzigkeit: Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens“ von 2012.

Papst Franziskus schwärmte von diesem Buch beim allerersten Angelusgebet nach seiner Papstwahl auf dem Petersplatz am 17. März 2013. Papst Franziskus hat eine unnachahmliche Weise, die Barmherzigkeit Gottes ins Zentrum zu stellen. Sie ist stärker als alle Regeln, weil sie selbst die oberste Regel ist. Dies ist der Grundtenor des sehr lesenswerten Interviews, das Papst Franziskus vor dem Heiligen Jahr mit Andrea Tornielli führte und welches 2016 in Buchform unter dem Titel „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ erschien. Es handelt sich um ein phantastisches Buch voller persönlicher Erfahrungen und biblischer Assoziationen.

Doch was ist Barmherzigkeit? Ist sie die Aufhebung aller Regeln? Dann wäre es schlecht um das Kirchenrecht bestellt. Oder ist sie der Freifahrtschein zur Verantwortungslosigkeit? Denn man könnte sich danach ja immer wieder auf die Barmherzigkeit berufen. Wie passen Barmherzigkeit, Verantwortung und Regeln zusammen? Oder liegt die Wahrheit darin, dass Barmherzigkeit die Regel „ist“ und dass alle Regeln nur dafür da sind, um die Barmherzigkeit zu schützen? Und dass Barmherzigkeit eine Verantwortung ist, nicht nur für den, der sie ausspricht, sondern auch für den, der sie empfängt?

Der Papst beschreibt die Barmherzigkeit Gottes unter vielen Aspekten. Sie richtet sich nicht alleine an den Sünder, sondern auch an den Schwachen, Gefallenen, Unzufriedenen. Sünde ist kein Drohbegriff. Sünde ist, wenn ich mein eigenes Leben verfehle, weil ich nicht genug an das Potential glaube, mit dem Gott an mich glaubt. Doch Gott glaubt noch an uns. Sein Glaube an uns ist stärker als die Sünde. Das ist Barmherzigkeit, die weiter geht als Gerechtigkeit.

Keine Schubladen

Der Papst bezeichnet sich selbst als „ein(en) Mann, dem seine vielen Sünden vergeben wurden“ (S. 61). Sünder ja, Versöhnter noch mehr! An unsere Grenzen zu stoßen, kann zum „Türspalt“ (S. 51) werden, damit Gott durch die dicke Schicht unserer Selbstgefälligkeit durchdringen kann. Barmherzigkeit bedeutet dann: „Ich verurteile dich nicht, denn ich sehe das Antlitz Gottes in dir. Geh hin und sündige nicht mehr, denn du kannst es besser. Und wenn es wieder vorkommt, vergiss nicht, sogleich wieder aufzustehen, denn ich habe am Kreuz alles dafür gegeben, dass du wieder an dich glaubst!

Wenn Barmherzigkeit sich an den Schwachen richtet, dann ist sie nicht Mitleid im erniedrigenden Sinne à la „Ach, du armes Würmchen!“, sondern Mit-Leiden, Empathie, Sym-pathie, gemeinsames Aufstehen. Barmherzigkeit ist also ein unglaublich starker, fast schon revolutionärer Begriff! In einer Zeit, in der Menschen schnell in Schubladen eingeschlossen werden, bedeutet Barmherzigkeit: ich glaube nicht an die Schubladen oder an verallgemeinernde Regeln, sondern an dich!

Barmherzigkeit beweist sich auch in den heiklen Fällen. Die Kirche muss zwar ihre Vision (z. B. der Unauflöslichkeit der Ehe) hochhalten, aber sie hat vor allem die Aufgabe, ein „Feldlazarett“ (S. 28) zu sein, wo die Wunden versorgt werden. Jeder Mensch muss als Mensch behandelt werden (vgl. S.84), nicht als Regelwerk oder als Fall. Und das kirchliche Recht soll der allerhöchsten Regel der Kirche Gerechtigkeit verschaffen: dass Gott barmherzig ist und niemand fallen lässt. Das ist das Eigentliche; nicht die Konformität mit den Regeln.

Dann wird Barmherzigkeit revolutionär. Sie ist Aufbruch des Regelwerkes zugunsten eines mündigen Glaubens. Sie stellt die Beziehung jedes Menschen zu „seinem“ Gott ins Zentrum. Und sie wird zur Vision für einen Papst, der unentwegt seine Kirche an Jesus ausrichtet und nicht an der Macht.

Paul Galles ist Koordinator für das „bénévolat solidaire“ bei Young Caritas


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