Attentat zwischen Beidweiler und Brouch

Es begann mit einem Fehlschlag

Heute vor 30 Jahren verübten die „Bommeleeër“ ihren ersten Anschlag auf einen Strommast

Erst beim zweiten Versuch am 2. Juni 1984 gelang es den Attentätern, den Stahlgittermast umzulegen.
Erst beim zweiten Versuch am 2. Juni 1984 gelang es den Attentätern, den Stahlgittermast umzulegen.

Von Michel Thiel

Es war nicht nur der erste Anschlag der Serie, sondern auch einer derjenigen, die in mehreren Hinsichten später interessante Fragen aufwerfen sollte – dies sowohl hinsichtlich der Vorgehensweise der Täter als auch der vor Ort gefundenen Spuren und nicht zuletzt in Bezug auf die Berichterstattung in der Presse.

Dass der Strommast überhaupt zum Ziel eines ersten Anschlags geworden war, fanden die Ermittler erst heraus, nachdem sie den Tatort nach einer zweiten, diesmal erfolgreichen Sprengung am 3. Juni 1984 untersuchten.

Am Abend des 2. Juni gegen 23.20 Uhr hörten Angestellte des RTL-Langwellensenders in Beidweiler einen dumpfen Knall. Gleichzeitig fällt die externe Stromversorgung des Rundfunksenders aus, so dass die Notstromaggregate die Versorgung des kommerziell wichtigen Senders übernehmen. Die Techniker der Sendeanlage gehen zuerst von einem „normalen“ Stromausfall aus und verständigen zunächst nicht die Sicherheitskräfte – die gehörte Detonation halten sie für Donner oder das Geräusch, das beim Zuschlagen einer Lüftungsklappe des Sendegebäudes entstehen kann. Erst nach Schichtende um 6 Uhr morgens macht der Mechaniker Ali Schaul einen Kontrollgang und entdeckt bald den umgekippten Mast Nummer 18 der 65 000-Volt-Überlandleitung von Heisdorf nach Junglinster, der in nur knapp 500 Metern Entfernung vom Sendegebäude in einem Feld liegt.

Zu den Sicherheitskräften, die als Erste am Tatort eintreffen, gehört auch Gendarmeriehauptmann Ben Geiben, der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Kommandant der „Brigade mobile“ war, sondern zum „Service de la sûreté publique“ der Gendarmerie, also der damaligen Kriminalpolizei abkommandiert worden war. Geiben verfasste einen Bericht an seine Vorgesetzten, in dem er nicht nur die Umstände des Anschlags beschreibt, sondern gleichzeitig die Hypothese äußert, es handele sich „seiner persönlichen Überzeugung nach um einen Terrorakt mit politischem oder sozialen Hintergrund“, da die Attentäter mit einem „gewissen Professionalismus“ vorgegangen seien. Geiben verließ bekanntlich knapp vier Monate später die Gendarmerie und galt danach eine Zeit lang als „beste Spur“ der Ermittler unter den möglichen Verdächtigen.

Am Tatort finden die Ermittler die Überreste der Sprengladungen, die an zwei gegenüberliegenden Pfeilern des Stahlgittermasts angebracht waren. Von Sprengstoffüberresten fehlte jede Spur, doch es wurden sowohl Reste von elektrischen Zündern als auch von einer herkömmlichen pyrotechnischen Zündschnur gefunden.

Dies lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder hatte es eine erste Sprengung vor der finalen gegeben, welcher der Mast standgehalten hatte oder die Täter wollten sichergehen, dass die Sprengung auf jeden Fall ausgelöst wurde, falls entweder die vier elektrischen Zünder oder die Zündschnur versagt hätten.

Ersteres erwies sich als zutreffend, nachdem mehrere Zeugen später von einer ersten Detonation berichteten, die sie am Abend des 30. Mai gegen 23.15 Uhr gehört hatten. Nähere Untersuchungen ergaben, dass dieser erste Sprengversuch schiefgelaufen war: Die Täter hatten versucht, den Mast umzulegen, indem sie nur einen einzigen Standpfeiler durchtrennen wollten – dies gelang zwar wohl, aber die Statik der Stahlgitterkonstruktion verhinderte, dass der Mast kippte.

Die Spurensicherung nach der zweiten Sprengung ergab, dass zuvor ein erster Versuch stattgefunden hatte.
Die Spurensicherung nach der zweiten Sprengung ergab, dass zuvor ein erster Versuch stattgefunden hatte.

Staatsanwalt Rober Biever sah diese Tatsache später als ersten Hinweis dafür, dass die Täter über Insiderinformationen verfügen mussten: Wie sonst konnten sie sich sicher sein, dass der Mast nach dem fehlgeschlagenen Sprengversuch nicht überwacht werden würde ?

Am Tatort wurden zwei interessante Spuren gefunden: Auf einem Klebeband an den Zündkabeln fanden sich DNS-Spuren mehrerer Personen, die jedoch später keinem im Rahmen der Ermittlungen berücksichtigten Urheber zugeordnet werden konnten. Zwischen den Überresten der Pfeiler wurde zudem eine französische Zehn-Centimes-Münze gefunden, die nicht verwittert war. Eine Botschaft der Attentäter? Über den Sender Beidweiler wurde immerhin das extrem profitable französischsprachige Programm der Mediengruppe gesendet.

Selbst 30 Jahre später wirft dieser letzte Umstand noch Fragen auf. Trotz der umfangreichen Berichterstattung von RTL zur Attentatsserie wurde der Anschlag in Beidweiler erstmals am 13. Dezember 2007 als Auftakt der Serie erwähnt – also zwei Wochen nach der Pressekonferenz von Robert Biever, die zum Prozess führen sollte. LW-Journalist Joseph Lorent berichtete jedoch schon am 5. Dezember 2005, dass ein leitender Angestellter von RTL dem Personal erklärt habe, der Anschlag sei gegen RTL gerichtet gewesen und die Angestellten müssten zu den Ereignissen von Beidweiler schweigen. In der geschriebenen Presse wird der Anschlag vom 4. Juni 1984 zumeist in einem einspaltigen Artikel abgehandelt. Tageblatt und Républicain Lorrain vermuten „Vandalismus“ hinter dem Anschlag und nennen ihn gar in einem Atemzug mit dem Abiturscherz der Primaner im „Lycée Robert Schuman“, die 1984 das Portal ihrer Schule zumauerten.