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ATP Asbl: Eine Arbeit gegen die Depression
Lokales 6 3 Min. 22.09.2014

ATP Asbl: Eine Arbeit gegen die Depression

Die ATP gibt Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen eine Tätigkeit – oder hilft ihnen auf dem Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Nun hat der Verein sein 25-jähriges Bestehen gefeiert.

Von Jan Söfjer

Sie arbeitet viele Jahre lang mit Freude – bis ihre Firma geschlossen wird und sie in eine Depression fällt. Mit 45 Jahren ist es nicht einfach, einen neuen Job zu bekommen, doch die Sekretärin findet einen, nur leider keinen guten. Sie wird gemobbt. Es geht ihr immer schlechter. Sie verbringt mehr Zeit in der Psychiatrie und auf Kuren als auf der Arbeit oder daheim. „Es war kein Leben mehr.“ Sie hat keine Lust mehr, keine Energie, nur Angst und Panik. So schreibt sie es anonym in einer Broschüre. Viele Leute lassen sie fallen, ihre Beziehung geht in die Brüche. Dann erfährt sie von der ATP (Association d'aide par le travail thérapeutique pour personnes psychotiques).

190 Menschen beschäftigt

„Psychisch kranke Menschen haben es schwer, den Weg zurück in die Arbeit zu finden“, sagt Werner Koch, Leiter des „Kielener Ateliers“. Der Verein fängt diese Menschen auf. In vier Ateliers im Land werden ihnen professionelle therapeutische Arbeitsstellen mit ordentlichem Gehalt angeboten. Das Angebot ist breit (siehe Liste unten), unter anderem gibt es eine Schneiderei, in der auch ein eigenes Label vertrieben wird, es gibt Obstplantagen und Gewächshäuser auf einem Hof mit Verkaufsladen und eine Kunstschreinerei. „Die Arbeit soll den psychisch Kranken helfen, zu gesunden, einen Tagesrhythmus sowie Wertschätzung für sich selbst zu finden“, sagt Koch. 190 Menschen arbeiten derzeit an den vier Standorten, 55 davon in Kehlen. In Luxemburg-Stadt betreibt die ATP auch noch ihr „Jobcoaching“-Büro, wo Menschen wieder auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Restaurant als Begegnungsstätte

Besonders das Restaurant „ielbësch“ im „Kielener Atelier“ ist Koch wichtig – als Begegnungsstätte, als permanente Porte ouverte. Immer noch würden Menschen mit psychischen Krankheiten stigmatisiert, sagt ATP-Präsident Jean Paul Reuter. Mittags kommen etliche Leute aus anderen Firmen des Kehlener Industriegebiets in das Restaurant – und sehen, so Koch, dass auch Menschen mit einer Psychose, Schizophrenie, Manischen Depression oder Persönlichkeitsstörung gut arbeiten können. Das Restaurant hat sogar noch Kapazitäten frei – für 150 Essen, die täglich an Schulen oder Firmen geliefert werden könnten. Beim Besuch des Worts wird gerade das Catering für die 25-Jahr-Feier im Cercle Cité am vergangenen Freitagabend vorbereitet. Ebenso wenig wie das Restaurant sind die anderen Teile des Ateliers „Bastelstuben“.

Sonderanfertigungen für Kunden

In der Schneiderei kann sich jeder Kleider auf Maß bestellen, beispielsweise Hochzeitskleider oder Anzüge. Aber auch Vorhänge werden geschneidert. Die Schreinerei fertigt unter anderem Betten und Schränke, repariert aber auch kaputte Stuhlbeine. „Wir machen viel in Handarbeit“, sagt Schreinermeister Christof Niskowski. Ebenso die Schlosserei. Von der Reparatur von Spitzhacken in der Schmiede über den Bau von Metallzäunen oder Treppen bis zu Spezialanfertigungen wie einer Farbmischmaschine. Die Erlöse fließen an das Gesundheitsministerium, das die ATP finanziert und die Gehälter bezahlt.

Die Werkhallen sind groß und modern, alles macht einen sehr professionellen Eindruck. „Wir machen jeden Tag etwas anderes“, sagt Schlossermeister Henri Pater. Und was sich auch so mancher auf dem ersten Arbeitsmarkt wünschen würde: „Ich mache keinen Druck. Jeder arbeitet in seinem Rhythmus.“ Die anfangs erwähnte Sekretärin fühlt sich durch ihre Arbeit bei der ATP wieder als vollwertiger Mensch. Ab und an hat sie zwar noch Rückfälle, aber ihre Kollegen sind für sie da. Sie fühlt sich stabil. „Ich darf wieder aktiv am Leben teilhaben und werde gebraucht. Ich lebe wieder.“

Die Betriebe der ATP

- „Kielener Atelier“: Restaurant „ielbësch“, Schlosserei, Schreinerei, Schneiderei

- „Haff Ditgesbaach“: Obstplantagen, Hühnerställe, Pferdeställe, Gewächshäuser, Verkaufsladen „Buttek vum Haff“, Kerzenatelier, Korbflechterei, Kantine

- „Eilenger KonschtWierk“: Kunstsiebdruckerei, Kunstschreinerei, Grafikatelier, Textilatelier, Restaurant

- „Schierener Atelier“: Polsterei, Stuhlflechterei, Kantine, Verpackungs-Dienstleister

Hinweis: Am 22. und 23. Oktober richtet die ATP ein internationales Kolloquium für die geistige Gesundheit aus.