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Archivartikel: "Unsere Tochter war unser Lebensinhalt"
Lokales 5 Min. 06.06.2012 Aus unserem online-Archiv

Archivartikel: "Unsere Tochter war unser Lebensinhalt"

Waltraud und Karl-Hans Gräff vermissen ihre Tochter Tanja seit mittlerweile einem Jahr.

Archivartikel: "Unsere Tochter war unser Lebensinhalt"

Waltraud und Karl-Hans Gräff vermissen ihre Tochter Tanja seit mittlerweile einem Jahr.
Foto: Hülya Atasoy
Lokales 5 Min. 06.06.2012 Aus unserem online-Archiv

Archivartikel: "Unsere Tochter war unser Lebensinhalt"

Mit einem freundlichen Gesichtsausdruck kommt Karl-Hans Gräff aus der Garage seines Anwesens gelaufen, reicht zur Begrüßung die Hand und bittet ins Haus. Oben im ersten Stock nimmt das Ehepaar im Wohnzimmer auf einer schwarzen Ledercouch Platz. Während die Mutter von Tanja Gräff, Waltraud, vom Tag des Verschwindens ihrer Tochter zu erzählen beginnt, brüht derweil der Kaffee in der Küche.

Von Hülya Atasoy

Mit einem freundlichen Gesichtsausdruck kommt Karl-Hans Gräff aus der Garage seines Anwesens gelaufen, reicht zur Begrüßung die Hand und bittet ins Haus. Oben im ersten Stock nimmt das Ehepaar im Wohnzimmer auf einer schwarzen Ledercouch Platz. Während die Mutter von Tanja Gräff, Waltraud, vom Tag des Verschwindens ihrer Tochter zu erzählen beginnt, brüht derweil der Kaffee in der Küche. "Unsere Tochter war ja auf einer Unifete an dem Mittwochabend - und am nächsten Tag wollten wir gemeinsam essen. In der Regel wäre Tanja spätestens gegen Mittag da gewesen, oder hätte zumindest angerufen, erzählt die 51-Jährige.

Doch Tanja kam nicht nach Hause. Darüber habe sich Waltraud Gräff anfangs gewundert, aber eine richtige Besorgnis sei das noch nicht gewesen. "Es ist ja nicht ungewöhnlich, wenn junge Leute über Nacht mal bei Freunden bleiben", sagt Waltraud Gräff. Doch als am nächsten Tag selbst ein Freund von Tanja, mit dem die 21-Jährige auf der Party verabredet war, nichts über ihren Verbleib wusste und sie dann auch noch die zweite Nacht von zu Hause fern bleibt, beschleicht die Mutter ein ungutes Gefühl. "Da ist was passiert", habe sie sich gedacht. Am Freitag dann, dem 8. Juni, ging sie gemeinsam mit ihrem Mann zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben.

Sofort gründet die Polizei eine Sonderkommission mit dem Namen "Fachhochschule", der zeitweilig bis zu 80 Beamte angehören. Zahlreiche Suchaktionen werden eingeleitet, Zeugen befragt, Gewässer in und um Trier abgesucht, Wälder durchkämmt. Zudem starten Freunde von Tanja eigene Suchmaßnahmen: Sie richten eine Internetseite (www.suche-tanja.fh-trier.de) ein, bauen Informationsstände in der Trierer Innenstadt auf, entwerfen Flyer, sprechen bei "Johannes B. Kerner" über das Verschwinden der Studentin. Und selbst in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" wird der Fall behandelt. Doch all diesen Bemühungen zum Trotz: Von Tanja Gräff fehlt weiterhin jede Spur.

Wo ist Tanja?

"Natürlich wollen wir, dass Tanja wieder zurückkommt - aber das was wir wollen und die Realität sind nicht das Gleiche. Unser Wunsch ist wohl eher eine Illusion", sagt Waltraud Gräff gefasst. Immer wieder schaut sie beim Sprechen zu ihrem Mann rüber, greift seine Hand. "Diese Ungewissheit darüber, was denn nun genau passiert ist, zerreißt einen. Das ist schlimmer, als wenn wir in Trauer um sie wären. Denn dann könnten wir versuchen, damit abzuschließen", sagt die 51-Jährige, die es nicht ausschließen möchte, dass ihre Tochter verschleppt wurde. "Da war ja ein breites Publikum, das nicht nur aus Trier stammte, sondern auch aus Belgien, Frankreich oder sonst woher kam. Vielleicht hat jemand die Tanja in einem unbeobachteten Moment in ein Auto gezerrt und aus dem Land gebracht.... Die Täter sind sich ja gar nicht bewusst, was sie kaputt gemacht haben."

Ein liebes Kind sei Tanja gewesen, immer für die Eltern da. "Sie war sehr familienverbunden und sie war unsere 'Knusselmaus', erinnert sich Waltraud Gräff. Häufig habe Tanja die Nähe zu ihren Eltern gesucht, mit ihnen auf der Couch geschmust und ihrer Mutter ihre langen roten Haare über das Gesicht gestrichen. "Tanja war unser Lebensinhalt", sagt Karl-Hans Gräff dazu mit tränenerstickter Stimme.

Der erste und letzte Gedanke des Tages

Psychologische Hilfe habe das Paar längst in Anspruch genommen - doch hilfreich sei dies nicht gewesen. "Die Psychologen sind durchaus bemüht zu helfen und raten uns, wieder Freude am Leben zu finden. Vielleicht kommt das irgendwann wieder, doch jetzt ist das ein Wunschdenken", so der gemeinsame Tenor des Paares. Noch bestimmt Tanjas Verschwinden das Leben der Gräffs: "Sie ist am Morgen unser erster und am Abend unser letzter Gedanke", sagt die 51-Jährige und Karl-Hans Gräff meint, während er durch den Raum deutet und sich zum Fenster mit einem Blick zum Garten dreht: "Hier zu Hause werden wir ja überall an Tanja erinnert."

Vieles habe sich verändert seit Tanjas Verschwinden. Man lebe nicht mehr so bewusst, nehme vieles nicht mehr wahr und sei auch nicht mehr so unbekümmert wie früher. "Außerdem gehen viele Menschen vorsichtiger mit uns um. Die trauen sich manchmal gar nicht, mit uns über fröhliche oder traurige Dinge zu sprechen. Am Anfang war das noch extremer, inzwischen hat sich das etwas gegeben", sagt Waltraud Gräff.

Ob Sie denken, dass Tanja noch lebt - "Ja", antwortet der Vater bestimmt. Ihre Tochter sei schließlich immer ein starkes Mädchen und sehr zäh gewesen. "Ja, aber bei mehreren Tätern hätte auch unsere Tanja keine Chance gehabt", meint wiederum Waltraud Gräff. Ein Überleben ihrer Tochter schließt sie aus, das habe sie im Gefühl.

Tanjas Reich: Filmposter, Diskokugeln, Manga-Comics

"Alleine komme ich fast nie hier runter, denn dann höre ich sie immer", sagt Waltraud Gräff und öffnet die Tür zu Tanjas Zimmer, das seit dem Tag ihres Verschwindens völlig unverändert ist. "Wenn Sie dabei sind, ist das was anderes."

Filmposter und diverse Zeichnungen hängen an den gelb gestrichenen Wänden , grüne Vorhänge sind an den beiden zur Straße gerichteten Fenstern befestigt, Manga-Comics stehen im Bücherregal, ein Fernsehgerät ist vor dem Futonbett platziert.

"Schauen Sie mal", sagt Waltraud Gräff und und greift zu einem faustgroßen Stein. "Den habe ich ihr aus Gran Canaria mitgebracht. Ebenso wie diese mit Sand gefüllte Flasche." Sowas habe Tanja immer aufgehoben. "Überall dieses "Knusselzeug . Hier oder hier - sehen Sie, was ich meine?", fragt Waltraud Gräff und zeigt dabei auf kleine auf dem Fernsehgerät liegende Mini-Diskokugeln und auf ein geflochtenes Drahtherz, das am Fenster hängt. "Tanja hat sich immer das Kind in sich bewahrt, sie ist nie ganz erwachsen geworden", sagt die 51-Jährige beim Verlassen des Raumes.

Das Gespräch ist nun zu Ende.

Waltraud Gräff und ihr Mann gehen zur Haustür, öffnen sie, treten bis zum Treppenabsatz am Eingang vor und verabschieden sich. Sie winken kurz.