Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Anwalt will Presse ausschließen
Lokales 1 3 Min. 09.10.2017 Aus unserem online-Archiv
Berufungsprozess um nigerianisches Drogennetzwerk

Anwalt will Presse ausschließen

Am 25. November 2015 schlugen die Sicherheitskräfte in dem Wasserbilliger Gebäude mit dem Codenamen „G33“ zu.
Berufungsprozess um nigerianisches Drogennetzwerk

Anwalt will Presse ausschließen

Am 25. November 2015 schlugen die Sicherheitskräfte in dem Wasserbilliger Gebäude mit dem Codenamen „G33“ zu.
Foto: Chris Karaba
Lokales 1 3 Min. 09.10.2017 Aus unserem online-Archiv
Berufungsprozess um nigerianisches Drogennetzwerk

Anwalt will Presse ausschließen

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Zum Auftakt des Berufungsprozesses um das Drogenhaus „G33“ aus Wasserbillig forderte der Anwalt des mutmaßlichen „Paten“ des nigerianischen Drogennetzwerks am Montag einen Ausschluss der Öffentlichkeit.

(str) -Für eine Überraschung ist der mutmaßliche „Pate“ des nigerianischen Drogennetzwerks immer gut. Zum Auftakt des Berufungsprozesses um das Drogenhaus „G33“ aus Wasserbillig forderte sein Anwalt am Montag einen Ausschluss der Öffentlichkeit.

Drogenaffären gibt es viele vor Luxemburger Gerichten, aber das Verfahren, das seit gestern in zweiter Instanz läuft, ist anders als die meisten anderen: Angeklagt sind 20 Männer und eine Frau, die allesamt als Mitglieder jenes nigerianischen Drogennetzwerks gelten, das seit Jahren den Straßenhandel im hauptstädtischen Bahnhofsviertel dominiert.

Ein regelrechtes Drogenhaus

Am 25. November 2015 hatten Kriminalpolizei und Zoll in einer groß angelegten Aktion in Wasserbillig zugeschlagen. Fünf Monate lang hatten sie dort das Haus mit dem polizeilichen Codenamen „G33“ (abgeleitet von der Adresse Grand-rue 33) sowie die Aktivitäten der Bewohner im hauptstädtischen Bahnhofsviertel und eines Mannes aus Athus überwacht. Letzterer soll während der Observierungszeit schätzungsweise 48 Kilogramm Kokain sowie Streckmittel aus Belgien ins Großherzogtum importiert haben.

Wie die Ermittlungen offenbarten, handelte es sich beim „G33“ um ein regelrechtes Drogenhaus, einen sicheren Hafen für die nigerianischen Drogendealer aus dem hauptstädtischen Bahnhofsviertel. In dem Gebäude wurden die Bewohner täglich mit Stoff, der aus Belgien ins Land gebracht wurde, versorgt. Diesen konnten sie dann dort – gut geschützt vor neugierigen Blicken, und vor allem vor der Polizei – strecken und portionieren.

Aber die Bewohner mussten sich den auch strengen Regeln unterwerfen und für die Unterbringung in menschenunwürdigen Bedingungen einen verhältnismäßig hohen Preis zahlen. Betrieben wurde das Haus den Ermittlungen zufolge von Joseph E., der für die Sicherheitskräfte als regelrechter „Pate“ der nigerianischen Mafia gilt, und von dessen Geliebten Bekky T. Vorliegenden Erkenntnissen zufolge beteiligten sich beide allerdings nicht selbst an den Drogengeschäften.

Milizionäre in den Straßen

Sie schafften aber die Rahmenbedingungen für ein florierendes Geschäftsmodell in der hauptstädtischen Rue de Strasbourg und in den anliegenden Straßen des Bahnhofsviertels: eine strikt organisierte Miliz aus Spähern und Dealern, die ein eigenes Revier im Bahnhofsviertel vor Konkurrenten, vor Schaulustigen, und vor allem vor der Polizei schützte. So konnten große Mengen Kokain in teils sehr schlechter Qualität, dafür aber zu Dumpingpreisen verkauft werden.

Die Ermittler identifizierten insgesamt 131 Einzelpersonen, die als Teil des Netzwerks gelten. 19 von ihnen, denen der Handel in 305 Fällen nachgewiesen werden konnte, wurde im Januar und im Februar 2017 der Prozess gemacht. Sie wurden zu Haftstrafen von sechs Jahren verurteilt – einigen gestanden die Richter einen teilweisen Strafaufschub zu. Für die Geliebte des mutmaßlichen Drahtziehers, Bekky T., lautete das Urteil neun Jahre Haft, davon drei auf Bewährung.

Ihnen allen wurden mildernde Umstände zuerkannt, sei es wegen ihres jungen Alters, sei es wegen ihrer geringfügigen Rolle in der kriminellen Organisation – einen Vorzug, in dessen Genuss aber weder der Zulieferer aus Athus noch der mutmaßliche Drahtzieher des Netzwerks kamen: Beide wurden zu 15 Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.

„Pate“ will Presse ausschließen

Am Montag war nun der Auftakt des Berufungsprozesses. Zunächst hatte der vorsitzende Richter des Appellationshofes wie bei allen Gerichtsverfahren üblich die Personalien der 21 Angeklagten überprüft. Das ist als eine nicht unwesentliche Aufgabe zu verstehen, da die Beschuldigten im Ermittlungsdossier unter 55 verschiedenen Namen geführt werden. Doch es sollte nicht lange dauern, bis es zu einem Eklat kam.

Als die Richter des Appellationshofes nämlich dazu übergingen, sich die Anliegen der 21 Verteidiger anzuhören, sorgte der Anwalt von Joseph E. für eine Überraschung. Aufgrund eines „Tageblatt“-Berichts im Vorfeld der Verhandlung beantragte er, dass der Prozess fortan hinter verschlossenen Türen geführt werde. Denn ein fairer Prozess sei nicht möglich, wenn die Presse über den Fall berichte. Für die Richter war dies aber offensichtlich keine Option, denn nach einer kurzen Unterbrechung entschieden sie in einem Zwischenurteil, den Antrag zurückzuweisen.

Annullierung des Urteils gefordert

Zuvor hatte bereits ein anderer Verteidiger die Annullierung des Urteils aus erster Instanz gefordert. Einer der angeführten Gründe war, dass den Verurteilten nicht binnen 40 Tagen ein schriftliches Urteil in ihrer Muttersprache zugestellt worden sei. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft kommentierte die Anträge indes dahingehend, dass es den Anwälten offensichtlich nicht mehr um die Schuld ihrer Mandanten gehe, sondern lediglich darum, das Verfahren zu sabotieren.

Prozess bis zum 15. November

Für das Appellationsverfahren gegen die 21 Angeklagten aus dem „G33“ sind bis zum 15. November insgesamt elf Gerichtsverhandlungen vorgesehen. Diese finden zweimal die Woche statt. Die nächste Sitzung vor dem Berufungsgericht ist für Mittwochnachmittag angesetzt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Serie: Brennpunkt Bahnhofsviertel
Die Festnahmen in den Reihen des nigerianischen Drogennetzwerkes hatten umfangreiche Auswirkungen auf den Drogenhandel in Luxemburg. Doch auch das Urteil, das die Kriminalkammer am Freitagmorgen fällt, könnte Signalwirkung haben.
Die Mehrheit der am 27. Oktober 2015 festgenommenen Dealer war bereits im Ausland wegen Drogenhandels vorbestraft.
Im Prozess um dubiose Niederlassungsgenehmigungen für portugiesische Handwerkerbetriebe hat die Staatsanwaltschaft am Donnerstag hohe Haftstrafen gefordert.
Procès affaire corruption autorisations de commerce affaire Lieffrig, Luxembourg, le 27 Fevrier 2017. Photo: Chris Karaba
Prozess um Drogenhaus in Wasserbillig
Hohe Strafen forderte die Staatsanwaltschaft am Dienstag gegen die Hinterleute eines nigerianischen Drogennetzwerkes aus Wasserbillig. Der mutmaßliche „Pate“ soll für 18 Jahre in Haft – seine Komplizin zwölf Jahre.
 Am 27. Oktober 2015 hatte die Polizei in Wasserbillig zugeschlagen.
Prozess um nigerianisches Dealernetzwerk
In der dritten Woche im Prozess gegen einen nigerianischen Drogenring kamen die Anwälte der Angeklagten zu Wort. Diese forderten einen Freispruch für die Hauptbeschuldigten Joseph E. und Becky T.
Die Hygienebedingungen im Haus "G33" werden von den Ermittlern als katastrophal geschildert.
Prozess um nigerianisches Dealernetzwerk
Behält das Gericht den strafverschärfenden Tatbestand der kriminellen Vereinigung zurück, sind Haftstrafen von 15 bis 20 Jahren möglich.
Das nigerianische Netzwerk ist noch nicht zerschlagen. Die Bande hat allerdings ihre Vorgehensweise geändert und ihre Aktivitäten verlagert.
Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk
Rund um die Uhr betrieb das nigerianische Drogennetzwerk jahrelang einen florierenden Handel im Bahnhofsviertel und das in aller Öffentlichkeit. Da die Bande ihr Aktionsgebiet quasi hermetisch abgeschirmt hatte, legte sich die Polizei mit der Videokamera auf die Lauer.
18.11.Gare /  rue Joseph Junck / Fokus Drogenhandel Foto:Guy Jallay
Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk
Joseph E. habe als Hintermann des Drogenhauses "G33" in Wasserbillig eine verschworene Gemeinschaft geschaffen, die von seiner Geliebten Bekky T. nach strengen Regeln kontrolliert wurde. Das sagten Ermittler am Freitag vor der Strafkammer aus.
Die Hygienebedingungen im Haus "G33" werden von den Ermittlern als katastrophal geschildert.
Prozess um nigerianisches Drogennetzwerk
Kontrollpunkte im Bahnhofsviertel, menschenunwürdige Lebensbedingungen im Drogenhaus, strikte Regeln und sehr viel Geld: Am dritten Verhandlungstag offenbaren Ermittler das Innenleben des Wasserbilliger Drogenbunkers.
Zwölf der 18 angeklagten Dealer sind bereits in anderen europäischen Ländern wegen Drogenhandels veruteilt worden.
Prozess um nigerianisches Rauschgiftnetzwerk
Sie haben nur allesamt sehr wenig Drogen verkauft, kennen ihre Zwischenhändler nicht und über den Drogenhandel in Luxemburg wissen die Angeklagten auch nichts. Das war der Grundtenor des zweiten Verhandlungstags um das nigerianische Dealernetzwerk.
Beim Untersuchungsrichter gesprächiger: Am Mittwoch wollte kaum jemand etwas mehr zu den Aktivitäten im Drogenhaus „G33“ sagen.
Prozess um Wasserbilliger Drogenhaus
Er ist ein geschäftstüchtiger Wohltäter, sie handelte aus Liebe und wusste von nichts. Beim Prozessauftakt um das Drogenhaus in Wasserbillig standen am Dienstag der mutmaßliche "Pate" des Dealerrings und seine Geliebte im Fokus.
Die 21 Angeklagten werden im Gerichtssaal und auf der Fahrt von und nach Schrassig von zwei Mannschaften von jeweils rund 20 Polizisten bewacht.
Serie: Brennpunkt Bahnhofsviertel
Im Prozess um das nigerianische Drogennetzwerk im hauptstädtischen Bahnhofsviertel, der am Dienstagvormittag beginnt, sticht ein Angeklagter besonders hervor.
18.11.Gare / Cafe 2000 an Cafe Nice rue Joseph Junck an rue Strasbourg / Fokus Drogenhandel Foto:Guy Jallay
Brennpunkt Wasserbillig
Kommende Woche wird 21 mutmaßlichen Mitgliedern des bedeutendsten Drogennetzwerks aus dem hauptstädtischen Bahnhofsviertel der Prozess gemacht. Die Bande hatte ein regelrechtes Operationszentrum in Wasserbillig betrieben.
Opération coup de poing par la Police ainsi que la Douane à Wasserbillig, le 27 Octobre 2015. Photo: Chris Karaba
Über Jahre hinweg ist im Bahnhofsviertel eine offene Drogenszene entstanden. Scheinbar unbeeindruckt von der Staatsmacht haben sich zwei Dealerbanden den Heroin- und den Kokainhandel aufgeteilt.