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Antibiotika: Die schärfste Medizin schwächelt
Lokales 2 Min. 21.11.2019 Aus unserem online-Archiv

Antibiotika: Die schärfste Medizin schwächelt

Multiresistente Keime: Antibiotika werden oft übermäßig eingesetzt.

Antibiotika: Die schärfste Medizin schwächelt

Multiresistente Keime: Antibiotika werden oft übermäßig eingesetzt.
Foto: dpa
Lokales 2 Min. 21.11.2019 Aus unserem online-Archiv

Antibiotika: Die schärfste Medizin schwächelt

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Der übermäßige Einsatz von Antibiotika wird zunehmend zum sanitären Problem. Das Gesundheitsministerium informiert über sachgemäßen Einsatz.

Moderne Medizin ist ohne Antibiotika nicht vorstellbar: Schon kleinste Wunden oder ein infizierter Zahn könnten zur lebensbedrohlichen Infektion werden, Operationen wären ganz und gar unmöglich. Seit ihrer Entdeckung vor über 70 Jahren sind Antibiotika die wichtigste Waffe bei der Behandlung bakterieller Infektionen, einschließlich lebensbedrohlicher Krankenhausinfektionen. Nun droht aber gerade diese unersetzliche Waffe im Kampf gegen Bakterien stumpf zu werden.

Viel zu oft werden Antibiotika ohne Not eingenommen, unsachgemäß verschrieben oder falsch eingenommen. Hinzu kommen oft sinnlose präventive Einnahmen beim Menschen. In der Viehzucht werden Antibiotika zudem massiv eingesetzt, sei es um Krankheiten vorzubeugen, zur Infektionsbehandlung oder aber zur Wachstumsförderung. Luxemburg macht da keine Ausnahme.

"In der EU liegt das Großherzogtum beim Antibiotika-Konsum an achter Stelle", so Martine Debacker, Co-Präsidentin des nationalen Antibiotikakomitees. "So wurden 2017 insgesamt vier Tonnen Antibiotika im ambulanten Bereich verwendet." Kommen Bakterien aber zu oft mit dem gleichen Antibiotikum in Kontakt, werden diese sozusagen fit gemacht und können durch Mutation Resistenzen entwickeln.


Nur eine vierte Klärstufe kann Medikamentenreste abbauen.
Gefährliche Rückstände in Gewässern
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33 000 Tote pro Jahr

Resistenzen können dabei zwischen Menschen, zwischen Tieren sowie zwischen Menschen, Tieren und der Umwelt übertragen werden. Die Übertragung und Ausbreitung von Bakterien oder Genen, die die Resistenzinformationen tragen, kann in Krankenhäusern, in der Bevölkerung oder über die Nahrungsmittelkette erfolgen. Antibiotika finden sich teilweise sogar in der Wasserversorgung.

Gegen zahlreiche multiresistente Keime helfen heute selbst stärkste Reserve-Antibiotika nicht mehr: Die Folgen sind fatal. Alleine in der EU sterben jedes Jahr rund 33.000 Menschen an einer Infektion mit multiresistenten Keimen. "In Luxemburg starben 2015 insgesamt 19 Menschen an multiresistenten Keimen. Die Gefahr ist also real", so Debacker. Einer der am häufigsten auftretenden multiresistenten Keime ist der sogenannte MRSA-Erreger." Er tritt vor allem im Bereich der Schweinezucht auf", so Felix Wildschutz, Direktor der Veterinärinspektion. Viele Schweinezüchter sind denn auch Träger des Erregers.

Überhaupt ist die Tierhaltung ein sehr starker Antibiotikaverbraucher. "Wo viele Tiere in Massen gehalten werden, sind Infektionen dramatisch. Deshalb werden dort oft auch präventiv Antibiotika eingesetzt", so Wildschutz. In Luxemburg spielt aber weniger die Quantität eine Rolle. "Wir haben aber ein qualitatives Problem, weil Antibiotika eingesetzt werden, die wegen ihres guten Wirkungsgrades eigentlich dem Menschen vorbehalten sein sollten." Zudem werden solche Medikamente oft über den Schwarzmarkt oder übers Internet bezogen und nicht vom Tierarzt verschrieben.

Vorbeugen und informieren

Die Erforschung neuer, wirksamer Antibiotika ist jedoch sehr kostspielig und zeitaufwendig, und oft bilden sich schon bald nach der Markteinführung eines neuen Antibiotikums Resistenzen heraus. Gegenwärtig sind nur sehr wenige neue Antibiotika in Entwicklung. Um diese Entwicklung zu stoppen, setzen die Gesundheitsbehörden wie auch das luxemburgische Gesundheitsministerium vor allem auf Information und Aufklärung.

So wurde am vergangenen 18. November, dem europäischen Informationstag zu Antibiotika eine neue Kampagne gestartet, dies unter dem Motto: Zeit, Alarm zu schlagen. Vorbeugen können Ärzte und Patienten: Viele Antibiotika werden verschrieben, obwohl meist virale Infekte vorliegen. Gegen Viren aber bleiben Antibiotika wirkungslos. Zudem sollten sie wie vorgeschrieben bis zu Ende und nur auf Rezept eingenommen werden. Die Entsorgung sollte am besten in der Apotheke oder in der Superdreckskëscht erfolgen.


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