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"Anonym Glécksspiller" warnen vor Spielautomaten
Lokales 3 Min. 29.09.2019

"Anonym Glécksspiller" warnen vor Spielautomaten

Einer australischen Studie zufolge verursacht problematisches Glücksspiel unter allen Krankheiten den dritthöchsten Verlust an gesunder Lebenszeit für die Gesamtbevölkerung

"Anonym Glécksspiller" warnen vor Spielautomaten

Einer australischen Studie zufolge verursacht problematisches Glücksspiel unter allen Krankheiten den dritthöchsten Verlust an gesunder Lebenszeit für die Gesamtbevölkerung
Foto: Getty Images
Lokales 3 Min. 29.09.2019

"Anonym Glécksspiller" warnen vor Spielautomaten

Jeff WILTZIUS
Jeff WILTZIUS
Seit 2003 besteht die Vereinigung "Anonym Glécksspiller" und bildet seither die einzige Anlaufstelle für Betroffene in Luxemburg.

Noch ist es keine Volkskrankheit: die Spielsucht. „Wir schätzen die aktuelle Zahl der Süchtigen in Luxemburg auf 5.000 Menschen“, betont die Präsidentin der Vereinigung „Anonym Glécksspiller“, Christine Lejeune, am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Die Vereinigung wurde vor 15 Jahren gegründet und hat sich 2017 in zwei wichtige Aufgabenfelder aufgeteilt: „Ausgespillt“ und „Game Over“. 

Ersteres kümmert sich um Menschen mit Glücksspielproblemen bei unter anderem Sportwetten, Pokerspielen und illegalen Spielautomaten in Cafés. Konkrete Zahlen, wie viele Menschen an Spielsucht leiden, gibt es für Luxemburg aber nicht.

„Es ist traurig, dass so wenig gerade gegen diese Geräte unternommen wird“, sagt Lejeune. „Konfisziert die Polizei einen Spielautomaten, steht zwei Tage später ein neuer im Nachbarcafé. Es seien Zugangspunkte für das Internet, heißt es dann offiziell vom Barbesitzer. 

Dabei wird aus einem harmlosen Spielvergnügen schnell bitterer Ernst. Der Übergang von lustigem Zeitvertreib zum Problemspieler und letztendlich zur Glücksspielsucht ist schleichend. Dazu kommen das vielfältige Onlineangebot und die anonymen Wettmöglichkeiten im Internet. Schnell sind Tausende von Euro verspielt, Familienkassen leer, Sparkontos geplündert. Einer australischen Studie zufolge verursacht problematisches Glücksspiel unter allen Krankheiten den dritthöchsten Verlust an gesunder Lebensdauer für die Gesamtbevölkerung.  Lejeune: „Spielsucht ist aber leider immer noch ein Tabuthema.“ 

Verlust sozialer Beziehungen 

Die zweite Beratungsstelle der Vereinigung ist spezialisiert auf die problematische Mediennutzung und richtet sich an Menschen mit übermäßigem Computer- und Handykonsum.  „Schon allein bei Glücksspielproblemen können wir die Beratungsanfragen mit unseren personellen Ressourcen nicht angemessen bedienen. Zudem hat sich bei uns im Bereich exzessiver Mediennutzung die Zahl der Beratungen von 2017-2018 verdreifacht“, so die Präsidentin weiter. „Diese Verhaltenssucht verursacht bei den Betroffenen Störungen im sozialen Leben“, erklärt Psychotherapeut Dr. Andreas König. „Die Folgen sind Entfremdung von der Realität, vermehrte Konflikte, Verlust sozialer Beziehungen und Abbruch von Schule und Ausbildung“, so der Psychotherapeut. 


Borne Internet,Le business des machines à sous illégales“.
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Eigentlich sind sie nichts anderes als einarmige Banditen, so wie sie nur in Spielkasinos erlaubt sind. Dennoch stehen die Automaten in Gaststätten im ganzen Land und fristen ihr Dasein als Internetterminals in einer Grauzone.

Viele Patienten bei „Anonym Glécksspiller“ sind männlich: „Gerade der Medienkonsum fällt bei jungen Mädchen und Frauen weniger auf. Jungs spielen stundenlang am Computer, da rufen die besorgten Eltern eher an“, erklärt König. In Luxemburg sind nach Schätzungen drei von 100 Jugendlichen süchtig, einer von zehn zeigt sogar problematische Verhaltenszüge

Schwierig ist die Situation auch für die Angehörigen. Mindestens 80 Prozent der Familienmitglieder leiden stark bis sehr stark an der Spielsucht ihrer Liebsten. Deren Behandlung ist ein weiterer Punkt für die Beratungsstelle in Strassen: „In den meisten Fällen sind es die Familienangehörigen, die uns anrufen“, so König, „bei extremen Verhältnissen besteht bei den Betroffenen nämlich Suizidgefahr.“ 

Schwierige Ausgangslage 

Die finanzielle Situation der Vereinigung ist kompliziert. „Wir sind die einzige Anlaufstelle für Glücksspielsüchtige in Luxemburg und leben von privaten Spenden und der finanziellen Unterstützung vom Staat“, erklärt Lejeune. „Um unser Angebot sinnvoll ausbauen zu können, brauchen wir mehr qualifizierte Mitarbeiter.“ Der Schwerpunkt liegt aktuell auf der Prävention und Weiterbildung. „Aus Kapazitätsgründen kommt die Behandlung der Patienten dabei leider zu kurz“, so die Präsidentin weiter. 


Euro Million vendredi 13, Luxembourg, le 12 Mars 2015. Photo: Chris Karaba
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Es ist wichtig, dass die Politik erkennt, dass die Spielsucht und die problematische Mediennutzung immer mehr zunehmen. Wir würden uns daher eine Regelung nach dem Schweizer Modell wünschen. Dort errechnen sich die Glücksspielabgaben auf der Basis der Bruttospielerträge und diese kommen dann gemeinnützigen Zwecken zugute.“

Die „Anonym Glécksspiller“ bieten eine erste Anlaufstelle mit einer persönlichen Beratung, eine psychotherapeutische Begleitung und in schwierigen Fällen eine Vermittlung für eine stationäre Behandlung im Ausland. Hinzu kommen Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige. Das Angebot der Vereinigung steht den Betroffenen gratis zur Verfügung. 


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