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Aktionsplan Pestizide: Ein Plan ohne Aktion
Lokales 3 Min. 28.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Aktionsplan Pestizide: Ein Plan ohne Aktion

Die Vebraucher wollen weniger Pestizide, aber die Landwirtschaft steht unter Leistungsdruck.

Aktionsplan Pestizide: Ein Plan ohne Aktion

Die Vebraucher wollen weniger Pestizide, aber die Landwirtschaft steht unter Leistungsdruck.
Foto: shutterstock
Lokales 3 Min. 28.11.2016 Aus unserem online-Archiv

Aktionsplan Pestizide: Ein Plan ohne Aktion

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Vor zwei Wochen hat das Landwirtschaftsministerium die Liste der in Luxemburg eingesetzten Pestizidmengen veröffentlicht. Laut Aktionsplan Pestizide sollten jetzt konkrete Schritte erfolgen, um diese Mengen zu verringern.

Von Jacques Ganser

Nach zwei Jahren Wartezeit und einer Klage von Greenpeace und natur&ëmwelt hat sich das Landwirtschaftsministerium bewegt: Der „Service d'économie rurale“ veröffentlichte die Zahlen des jährlichen Pestizidverbrauchs und stellte sie ins Netz. 

Einsehen kann man nun den Jahresverbrauch an Herbiziden, Fungiziden, Insektiziden und anderen chemischen Produkten, welche das Pflanzenwachstum fördern und potenzielle Fressfeinde fernhalten sollen.

Eine lange Liste

In der Landwirtschaft bervorzugt man zwar den Ausdruck phytopharmazeutische Produkte, dies ändert aber nichts an der Gefährlichkeit zumindest einzelner Wirkstoffe. Diese haben negative Auswirkungen auf die Bienenvölker, sie können zu Krebserkrankungen und Gendefekten führen. Sie werden in unserem Trinkwasser und in unseren Lebensmitteln nachgewiesen.

Veröffentlicht wurden jetzt die Daten aus den Jahren 2012 bis 2014, die Weinbaudaten werden erst 2017 nachgeliefert. Die Liste der über 100 aufgeführten Chemikalien ist lang, ein Laie kann damit überhaupt nichts anfangen. Zudem wird die Liste von einem längeren Schreiben des Ministeriums begleitet. Die „Erläuterungen“ machen sogleich jede Hoffnung zunichte, irgendwelche Rückschlüsse ziehen zu können.

Vor allem aber fehlen klare Indikatoren, welche aufzeigen, ob Grenzwerte eingehalten worden sind oder nicht. So wurden auch die Angaben über Pestizide verwendet, welche luxemburgische Landwirte auf ihren im Ausland gelegenen Feldern ausbrachten. Es kann also durchaus sein, dass Produkte in der Liste auftauchen, welche in Luxemburg nicht zugelassen sind und trotzdem nicht auf ein Fehlverhalten deuten.

Für Laien nicht verständlich

Zur Leserlichkeit und Transparenz der veröffentlichten Liste trägt dies nicht bei. In der Umweltabteilung des Nachhaltigkeitsministeriums zeigt man sich pragmatisch: Es sei positiv, dass die Liste veröffentlicht worden sei. Sie schaffe Transparenz und zeige die möglichen Umweltimpakte auf. Auf dieser Basis könne man Kontroll- und Überwachungsprojekte anpassen. Bisher wusste man bloß, welche Produkte in Luxemburg eingesetzt wurden, weil sie eben zugelassen waren. Jetzt könne man aber auch die Quantitäten der jeweiligen Wirkstoffe erkennen.

Wichtig sei jetzt, dass die Verwaltungen diese Informationen auswerten und dann den realen Impakt auf die Umwelt feststellen. Keine einfache Aufgabe, denn Toxizität, Abbaufähigkeit und Dosis sind von Substanz zu Substanz sehr unterschiedlich. Es liegt an den sogenannten Pestizid-Taskforces, diese Auswertung vorzunehmen. Landwirtschaft und Umweltverwaltung sind in diesen Teams mit Mitarbeitern vertreten. „Wir stehen erst ganz am Anfang der Arbeit, aber die Veröffentlichung der Liste ist ein wichtiger Schritt“, so der Sprecher der Umweltministerin Olaf Münichsdorfer.

241 Wirkstoffe zugelassen

Als wichtigen Etappensieg bezeichnen zwar auch Greenpeace und natur&ëmwelt die Veröffentlichung der Liste, viele Informationen bleiben aber trotzdem im Dunkeln. „Fast die Hälfte der Produkte steht auf der schwarzen Liste, welche Greenpeace auf Basis von Metastudien veröffentlicht hat. Wir sollten versuchen, komplett auf diese Produkte zu verzichten. Zudem hätten wir es lieber gesehen, wenn auch der übermäßige Einsatz einzelner Produkte in der Liste vermerkt wäre.“ Insgesamt sind in Luxemburg 241 Wirkstoffe genehmigt. Eigentlich sollte die zweite Auflage des nationalen Aktionsplanes Pestizide zu einer Verringerung des Spritzmitteleinsatzes führen.

Am 31. Juli dieses Jahres endete die öffentliche Anhörung. Vom Verband der Wasseraufbereiter Aluseau über Greenpeace, Bio-Lëtzebuerg bis zu Mouvement écologique war das Echo einhellig: Der Aktionsplan ist eine nette Absichtserklärung, dem konkrete Ziele aber komplett fehlen. Es wimmelt im Text nur so von relativierenden Ausdrücken wie „im Bereich der Möglichkeiten“ oder „soweit technisch umsetzbar“.

Nicht gegen die Landwirtschaft

In die andere Richtung geht hingegen das Gutachten der Landwirtschaftskammer: Man kann mit dem Aktionsplan leben. Dieser dürfe aber nicht gegen die Landwirte gerichtet sein, sondern müsse zusammen mit ihnen umgesetzt werden. Prioritär müsse die Nahrungsmittelproduktion angesichts der hohen Nachfrage gesichert bleiben. Alternative Programme zur Verringerung der Pestizidbelastung müssten vom Staat finanziell begleitet werden. Zudem setzt man auf technische Verbesserungen und Ausbildung.

Vorerst wird aber erst mal gar nichts umgesetzt, denn der Aktionsplan ist seit dem Abschluss der Anhörung in den Tiefen des Landwirtschaftsministeriums verschwunden. Dafür organisiert man jetzt aber Beratungsabende unter dem Titel“ Innovativer Pflanzenschutz“. Zum Thema „Moderne Applikationstechnik im Zwiespalt von biologischer Wirkung und Umwelt“ wird der deutsche Experte Hans-Joachim Duch sprechen. Er arbeitet für Bayer CropScience.


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