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Aktion der „Young Caritas“: Vier Gesichter, vier Geschichten
Lokales 11 3 Min. 26.09.2015

Aktion der „Young Caritas“: Vier Gesichter, vier Geschichten

Vier Flüchtlinge haben am Donnerstag zusammen mit „Young Caritas“ Jugendliche aus dem Lycée Ermesinde besucht und ihnen sowohl von ihrer Vergangenheit berichtet, als auch von ihren Erwartungen an die Zukunft erzählt. Der intensive Austausch verlief unter dem Motto der „lebenden Bibliothek“.

(clau) - Anlässlich des europäischen Tages der gemeinnützigen Jugendorganisation „Young Caritas“ konnten am Donnerstag die Schüler des Lycée Ermesinde in Mersch an einem außergewöhnlichen Projekt teilnehmen. Vier Flüchtlinge erzählten den Jugendlichen ihre ganz persönlichen Geschichten, ähnlich wie Bücher, die den Lesenden eine Erzählung vermitteln. Unter dem Leitgedanken der „lebenden Bibliothek“ schilderten die vier Betroffenen dem jungen Publikum ihr Schicksal, ihre Ängste und Hoffnungen. Die Begegnung verfolgte laut „Young Caritas“ ein wichtiges Ziel: es soll denen, die man auf generelle Weise als „Flüchtlinge“ bezeichnet, ein Gesicht und eine Geschichte geben.

Bücher auf zwei Beinen

Das besondere Zusammentreffen fand im Festsaal des Lyzeums statt. Paul Galles, Verantwortlicher von „Young Caritas“, führte die Schüler an die Flüchtlingsthematik heran – ohne sie jedoch umfassend darzustellen, was verständlicherweise den knappen zeitlichen Rahmen gesprengt hätte.

Die vier Flüchtlinge wurden den Jugendlichen vorgestellt und auf Anhieb wurde die Unterschiede bei den verschiedenen Lebensgeschichten klar. Die Männer stammen allesamt aus verschiedenen Ländern: Kamerun, Nigeria, Eritrea und Syrien. Wie auch ihre Herkunft, unterscheiden sich auch die Gründe für die Flucht. Alle vier kamen allein in Luxemburg an und leben nun schon eine längere Zeit hier. Mit ihren Berichten, die nach der Präsentation in kleineren Gruppen erfolgten, wollten sie den Schülern ihre Erfahrungen zuteil kommen lassen.

Jean-Marie (Name von der Redaktion geändert) etwa wohnt derzeit in Wiltz. Er erzählte bei seiner Ankunft in Luxemburg im Jahr 2006, dass er aus politischen Gründen im Kamerun verfolgt worden sei. Eine Zeit lang lebte er in Gefangenschaft. Einen jüngeren Bruder verlor er durch einen Terroranschlag einer Rebellengruppe. Da ihm der Asylantenstatus nicht zuerkannt worden ist, bleibt seine Zukunft hierzulande ungewiss.

Auch Antoine (Name von der Redaktion geändert), ein Flüchtling aus Nigeria, weiß nicht, ob seine Aufenthaltsgenehmigung von Dauer sein wird, da er seit 2004 aus gesundheitlichen Gründen im Land bleiben darf. Wie lange dies jedoch noch der Fall ist, ist nicht abzusehen.

Ein dunkles Kapitel

Mallot Haille, welcher als Kameramann und Grafiker in Eritrea arbeitete, wurde wegen seiner religiösen Überzeugungen verfolgt. Auch er hat eine lange Reise hinter sich. 2010 flüchtete er nach Südsudan. Durch die Wüste Sahara ging die Flucht nach Libyen. „Wenn man nichts zu trinken hat, uriniert man irgendwann nur noch Blut“, erzählt Mallot Haille. Nach einer zahlreichen Strapazenschaffte er es bis nach Calais, geplant war eine Flucht bis nach England. Den Ärmelkanal zu durchschwimmen und dabei sein Leben aufs Spiel setzen wollte er aber nicht. „Ich bin für den Frieden hier hingekommen.“ Die Chance auf eine Zukunft in Sicherheit war er nicht bereit zu riskieren. So suchte er sich ein neues Ziel und kam er schließlich in Luxemburg an.

An seine Irrfahrten hat er schlechte Erinnerungen: „Ich habe einmal vier Tage lang nichts zu essen gehabt. Auf dem Boot musste ich Meerwasser trinken und ich kann mich noch erinnern, wie eine Frau an Bord ihr Kind zur Welt gebracht hat.“ Der Missbrauch durch die Schlepper ist ihm sehr klar in Erinnerung geblieben. Seine Frau, die nach seinem Aufbruch versucht hatte, ihm zu folgen, wurde gefangen genommen, befindet sich aber seit zwei Monaten auch in Luxemburg.

In der „lebenden Bibliothek“ befindet sich auch Atto Jwan, ein syrischer Student, der wegen des Krieges sein Studium nicht abschließen konnte und nun plant, auf der Universität Luxemburg Soziologie, Philosophie und europäische Kulturwissenschaften zu studieren. Seit zehn Monaten befindet er sich in Luxemburg und wohnt momentan in Koerich.

Die Zukunft birgt Hoffnung

Wie die anderen ist auch Jwan illegal eingereist, hat aber jetzt für fünf Jahre den Flüchtlingsstatus erhalten. „Ich versuche Französisch zu lernen. Meine Eltern sind beide Ärzte, meine Schwester Ingenieurin. Ich will den Aufenthalt in Luxemburg nutzen, um mich weiterzubilden, denn mein Heimatland braucht gut ausgebildete Menschen, um es nach dem Krieg wieder aufzubauen.“, erklärt Jwan. „Wir müssen einen Fortschritt machen, weil Syrien es braucht.“

Jwan plant seine Frau, die Physik studiert und sich noch in Syrien befindet, hier hin einreisen zu lassen. „Luxemburg bietet so Möglichkeiten, besonders wegen den vielen Sprachen, mit denen man sich verständigen kann.“ Dies will Jwan nutzen: „Es ist gut, wenn luxemburgische Jugendliche sehen, wie sich fremde Menschen bewähren. Es ist nämlich schwierig, die ganze Krise zu verstehen. Sich informieren reicht nicht, man muss reisen und viel lesen.“

Gelesen haben die Schüler diesen Nachmittag allemal. Zwar nicht in Büchern mit Papierseiten, sondern in einer „lebendigen Bibliothek“, aus der sie sicherlich einiges an Denkstoff mitnehmen konnten.


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