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Airbagmafia auf Beutezug
Lokales 5 Min. 14.02.2019

Airbagmafia auf Beutezug

Airbagmafia auf Beutezug

Foto: Shutterstock
Lokales 5 Min. 14.02.2019

Airbagmafia auf Beutezug

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Der organisierte Diebstahl von Fahrzeugteilen ist nur eine von vielen Formen der international aktiven Organisierten Kriminalität, die auch vor Luxemburg nicht haltmacht. Ein Einblick in die Welt der Airbagmafia.

Sie bleiben nie lange an einem Ort. Sie arbeiten schnell, effizient und gut koordiniert. Und binnen einer einzigen Nacht richten sie Schaden in Höhe von mehreren zehntausend Euro an. Ihr Geschäft: Airbags, Bordcomputer und Navigationsgeräte.

Erst vergangene Woche hat die Polizei vor einer Diebstahlswelle gewarnt. Binnen wenigen Tage sind wertvolle Bauteile aus 14 verschiedenen Fahrzeugen erbeutet worden. In allen Fällen handelte es sich um Wagen der Oberklasse.


Diebe unterwegs: Navigationssysteme, Airbags und Autos gestohlen
Die Polizei bittet um Mithilfe wegen gestohlener Navigationssysteme und Airbags, rät allerdings auch Besitzern von mit Keyless-Schlüsseln ausgestatteten Autos zur Vorsicht.

Auch im deutschen Grenzgebiet waren die Täter auf Beutezug. In einer einzigen Nacht richteten sie beispielsweise bei einem BMW-Händler in Trier-Nord Schaden in Höhe von 80 000 Euro an. Tage zuvor kam es zu vergleichbaren Taten im Raum Koblenz. Immer ging es den Dieben um Airbags, Lenkräder und Navigationsgeräte. An beiden Ufern der Mosel ermahnte die Polizei zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Für die Sicherheitskräfte ist das auch zumeist die einzige Chance, die sie haben, um der Täter habhaft zu werden: Sie müssen sie auf frischer Tat ertappen. Denn, wenn die zumeist nächtlichen Fahrzeugeinbrüche bemerkt werden, sind die Täter mit großer Wahrscheinlichkeit entweder längst woanders in Luxemburg oder bereits über die Landesgrenzen verschwunden.

Polnische und litauische Mafia

Wenn es denn zu Festnahmen kommt, dann stammen die Tatverdächtigen erfahrungsgemäß quasi ausnahmslos aus Osteuropa. Sie sind ein kleines Rädchen in einem System, das nur eine Sparte der Organisierten Kriminalität in ihren Heimatländern ist.

Dass die Banden von Osteuropa aus organisiert vorgehen – derzeit vorrangig aus Polen und Litauen – ist kein Zufall. Dort ist nämlich die Aufarbeitung von Unfallfahrzeugen zu einem der ertragreichsten Wirtschaftszweige geworden.


Navi und Airbagdiebstähle häufen sich
Die Polizei meldet, dass in den vergangenen Wochen vermehrt Einbrüche in Fahrzeuge begangen wurden.

Der Grund liegt auf der Hand: Während die Arbeitskraft in diesen Ländern kaum Geld kostet, liegen die Preise von neuen Ersatzteilen im Osten auf gleichem Niveau wie im Westen. Für einen neuen Airbag oder eine neue Navigationseinheit müssen zumeist weit über 1 000 Euro auf den Tisch gelegt werden. Gebraucht werden sie per Handschlag auf einem kaum verschleierten Schwarzmarkt für knapp 250 Euro angeboten.

Die schiere Zahl von verkauften Fahrzeugteilen macht den Schwarzmarkthandel zu einem boomenden Geschäft. Medienberichten zufolge übersteigt das Angebot an Hehlerware mittlerweile deutlich die Nachfrage, was die Hehlerpreise niedrig hält.

Binnen Sekunden

Dazu kommt, dass der Diebstahl nur wenige Augenblicke in Anspruch nimmt. Zwei- oder dreiköpfige Diebesbanden streifen mit ihrem Wagen durch Wohnviertel oder beispielsweise über nicht überwachte Parkplätze.

Während der Fahrer zumeist in Bewegung bleibt, um nach möglicher Polizeipräsenz Ausschau zu halten, und oftmals ein zweiter Täter in unmittelbarer Nähe Schmiere steht, ist der dritte Täter derjenige, der die eigentliche Arbeit macht.

Böse Überraschung am Morgen: Diebe haben über Nacht Airbag, Lenkrad oder Navigationsgerät ausgebaut. Die derzeit in der Region aktive Tätergruppe hat vorrangig BMW-Fahrzeuge im Visier.
Böse Überraschung am Morgen: Diebe haben über Nacht Airbag, Lenkrad oder Navigationsgerät ausgebaut. Die derzeit in der Region aktive Tätergruppe hat vorrangig BMW-Fahrzeuge im Visier.
Foto: Polizei

Zunächst gilt es, sich Zugang zum Fahrzeug zu verschaffen. Dazu wird meistens entweder eines der kleinen dreieckigen Seitenfenster eingeschlagen oder eine Tür aufgehebelt. Der in Polizeikreisen sogenannte Rumänenknick ist die geräuschlose Alternative. Dabei wird zunächst ein Schraubenzieher zwischen Autodach und Fensterrahmen geschoben und Letzterer mit leichtem Kraftaufwand aufgebogen, so weit, bis der Arm zum Türgriff durchgeschoben werden kann.

Dann öffnet der Täter die Motorhaube, um die Batterie abzuklemmen. Das legt nicht nur die Alarmanlage still, sondern verhindert auch, dass ein Airbag bei einer falschen Manipulation versehentlich ausgelöst wird. Denn das birgt für den Täter ein hohes Verletzungsrisiko. Der Rest erfolgt in Sekundenschnelle. Mit dem richtigen Werkzeug wird der Airbag, die Mittelkonsole oder das Navigationsgerät mitsamt Tachoeinheit aus der Fassung gelöst, und schon kann der Beutezug anderweitig fortgesetzt werden.

Kurier steht bereit

Das Diebesgut wird zumeist möglichst zeitnah an einen Kurier weitergegeben – der sie dann auf dem schnellsten Weg nach Osteuropa fährt. Auch das zeichnet Organisierte Kriminalität aus: die Aufgaben sind klar aufgeteilt, vom Späher und Dieb bis hin zum Endabnehmer. Jeder bekommt ein kleines Stück vom Kuchen und die Hinterleute, die alles organisieren und koordinieren, streichen Riesengewinne ein.


Zweiter Tatverdächtiger vor Gericht: 47 Airbags in zwei Nächten
Im Februar und im März 2014 machten die Spurensicherer der Polizei mit Sicherheit Überstunden. In zwei Nächten wurden aus 47 Autos Airbags gestohlen. Am Donnerstag stand nun ein zweiter Angeklagter dafür vor Gericht.

In Luxemburg gibt es ohnehin keinen Absatzmarkt für gestohlene Airbags und Navigationsgeräte. Aber nicht nur deshalb ist für die Diebe wichtig, sich der heißen Ware so schnell wie nur möglich zu entledigen: Gestohlene Fahrzeugteile stellen handfeste Beweise dar. Verdächtiges Verhalten und Besitz von Tatwerkzeug reichen für eine Festnahme nicht aus.

Schwierige Beweisführung

Wie Gerichtsverfahren und Polizeimeldungen aus dem In- und Ausland zeigen, hinterlassen vorsichtige Täter darüber hinaus kaum Spuren. Und wenn doch, dann vergeht viel Zeit, bis sie identifiziert oder gar ausgeliefert werden. Wenn es denn überhaupt dazu kommt.

Kommt es zu Prozessen, dann ist es dort wie bei allen Mafiaprozessen: Die Beschuldigten, die meist ohnehin Gefängniserfahrung haben, geben das zu, was sich ohnehin nicht abstreiten lässt und schweigen zu allem anderen.


Um einen Airbag auszubauen, braucht es mit dem richtigen Werkzeug nur wenige Sekunden.
In erster Instanz: Freispruch im Airbag-Prozess
Die 16. Strafkammer hat am Dienstag einen Mann freigesprochen, der wegen einer Serie von Autoeinbrüchen im Jahr 2014 angeklagt war.

In einem solchen Prozess (siehe Kasten unten) hatte ein Ermittler im vergangenen Jahr vor dem Bezirksgericht Luxemburg erklärt, dass das Großherzogtum von diesem Phänomen derzeit noch größtenteils verschont bleibt. Und wenn die Täter zuschlagen, dann punktuell und massiv.

Vor jener neuen Einbruchswelle, vor der die Polizei vergangene Woche warnte, war zuletzt im April 2018 eine größere Serie von Airbagdiebstählen im Großherzogtum gemeldet worden.

 


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