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Abrechnung eines Polizisten: „Dummheit und Inkompetenz“
Pierre Kohnen nahm kein Blatt vor den Mund.

Abrechnung eines Polizisten: „Dummheit und Inkompetenz“

Foto: Gerry Huberty
Pierre Kohnen nahm kein Blatt vor den Mund.
Lokales 4 Min. 04.02.2014

Abrechnung eines Polizisten: „Dummheit und Inkompetenz“

Im Bommeleeër-Prozess stahl Pierre Kohnen, inzwischen selbst Cadre supérieur der Polizei, manchem Zeugen die Show und erhob schwere Vorwürfe gegen die Gendarmeriespitze, die Ermittler und die Justizbehörden aus der Zeit der Anschlagsserie.

(str) - Eigentlich war am Montag im Bommeleeër-Prozess mit Spannung die Aussage von Polizeigeneraldirektor Romain Nettgen erwartet worden. Doch Pierre Kohnen, inzwischen selbst Cadre supérieur der Polizei, stahl ihm die Show und erhob schwere Vorwürfe gegen die Gendarmeriespitze, die Ermittler und die Justizbehörden aus der Zeit der Anschlagsserie. Ganz besonders im Visier hatte er aber die Offiziere Harpes, Schockweiler und Bourg.

Pierre Kohnen holte in der Sitzung am Montag zum Rundumschlag aus: Der erste Untersuchungsrichter im Bommeleeër-Dossier Jean-Mathias Goerens sei faul, inkompetent und uninteressiert gewesen, betonte Kohnen. Um der Arbeit aus dem Weg zu gehen, habe Goerens auch nach dem vierten Attentat noch immer bestritten, dass es sich um eine Serie handele.

Pendeln statt ermitteln

Den beigeordneten Staatsanwalt Jean-Marie Hary nannte er einen Alkoholiker. Einmal habe Hary, als er betrunken gewesen sei, dem Journalisten Romain Durlet, den Stand der Ermittlungen bis ins kleinste Detail geschildert. Doch letzterer habe diese Informationen nie zu Papier gebracht. Alkoholprobleme gepaart mit Inkompetenz seien auch das Laster von Ermittler Jean Disewiscourt gewesen. Der habe einmal auf Aufforderung von Marc Fischbach mit einem Pendel nach den Tätern gesucht. Der Pendel habe damals auf einer Landkarte in Richtung Lorentzweiler und Lintgen ausgeschlagen.

Auch an den späteren Ermittlern Carlo Klein und Armand Stieber ließ Kohnen kein gutes Haar: Er habe den beiden nie getraut. Beide hätten es sich gut gehen lassen. Zudem habe Klein in seinen Vernehmungen immer nur das ins Protokoll geschrieben, was er zurückbehalten wollte und ihm sogar Sachen in den Mund gelegt. Klein habe außerdem immer so getan, als sei seine Arbeit besonders wichtig und „supergeheim“. Auch Ben Geiben sei nicht der nette Kerl, als den er immer dargestellt werde, fuhr Kohnen fort.

Dummheit und Inkompetenz“

Nur zweimal hätten Offiziere sich in Ermittlungen eingemischt: In der „Joerhonnert-Affär“ aus Böswilligkeit und im Bommeleeër-Dossier aus Inkompetenz. Besonders schwerwiegend waren dann auch die Vorwürfe, die Pierre Kohnen den Offizieren Bourg, Schockweiler und Harpes machte. Bourg sei ein Musterbeispiel für „Dummheit und Inkompetenz“. Beim Anschlag im Heisdorf habe Bourg es nicht für nötig befunden, die Ermittler oder die Spurensicherung zu verständigen. Er habe stattdessen eine Hundertschaft den Wald absuchen lassen, so, dass sämtliche Spuren der Täter zertrampelt wurden.

Schockweilers Tun rund um die „Commission rogatoire internationale“ gegen Ben Geiben in Brüssel und sein Benehmen gegenüber von Paul Haan sei mehr als fragwürdig gewesen, betonte Kohnen.

Colonel Harpes habe von Ermittlungen keine Ahnung gehabt und die Sûreté habe er versucht, so zu führen, wie man ein Armee-Peloton führt. Harpes habe sich stets nur mit Ja-Sagern umgeben. Er sei zwar wohl kein Bommeleeër, aber, dass er alles unternommen habe, um die Täter zu überführen, das könne man nicht behaupten.

Harpes' Befehl

Was Kohnen dann erzählte, ließ ein Raunen durch den Gerichtssaal gehen: „Ich wusste im Vorfeld des Anschlags auf den Justizpalast, dass vorgesehen war, diesen konspirativ zu überwachen.“ Die Idee dazu sei vom Chef des Mess- und Erkennungsdiensts, Raymond Wagner, gekommen, der sich gemeinsam mit Spezialisten des deutschen Bundeskriminalamts Gedanken über mögliche Terrorziele gemacht habe. Eines der potenziellen Ziele sei eben der Justizpalast gewesen. Die deutschen Experten hätten dabei sogar vorhergesagt, von wo aus die Täter auf das Gelände gelangen und wo sie den Sprengsatz deponieren würden.

Eine brisante Aussage von Kohnen, denn demzufolge wäre der Anschlag auf das Gerichtsgebäude bereits der zweite Anschlag nach Drehbuch gewesen. Schon beim „Sommet“ in Kirchberg, war im Vorfeld vor einem Szenario gewarnt worden, das schließlich von den Bommeleeërn 1:1 umgesetzt wurde. Falls die Aussagen von Kohnen der Wahrheit entsprechen sollten, dann ist dies als ein deutlicher Hinweis auf Insider-Täter zu werten. Kohnen erzählte weiter, dass die BKA-Leute sogar einen Ort ausgemacht hätten, ein Fenster im benachbarten Museum, von wo aus ein Bewacher die Terrasse des Justizpalasts im Auge behalten könne. Als die Ermittler dann in der gestrigen Sitzung Bilder vom Anschlagsort vorlegten und sich zeigte, dass es kein Museums-Fenster mit Sicht auf die Terrasse gab, meinte Kohnen, ja, er habe auch etwas von den drei Türmen in Erinnerung, dann sei es wohl dort gewesen, wo sich ein Bewacher verstecken sollte. Später in der Sitzung zeigte sich zudem, dass der Justizpalast wohl nur eine von einer ganzen Reihe an möglichen Zielen war, die von den BKA-Experten ausgemacht wurden.

In aller Munde

Als Kohnen am Morgen nach dem Anschlag im Radio von der Bombe am Justizpalast gehört habe, sei er überzeugt gewesen, dass die Täter auf frischer Tat erwischt worden seien. Doch dann habe er erfahren, dass Harpes die Beobachtung des Justizpalasts einfach annuliert habe. „Darüber wurde dann überall geredet“, meinte Kohnen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand nichts davon weiß“. Fakt ist, weder im Ermittlungsdossier noch aus den bisherigen Zeugenanhörungen, gehen derartige Überwachungspläne hervor. Als Raymond Wagner, Colonel Harpes mit dem Sachverhalt konfrontierte, habe dieser ihm vorgehalten, dass er wohl selbst der Bommeleeër sei, wenn er so genau Bescheid wisse.

Die Aussagen von Kohnen, auch wenn sie stark an einen gefrusteten Rundumschlag erinnern, werfen Fragen auf. Unklar ist, wer Antworten darauf geben kann und vor allem in welcher Eigenschaft – als Zeuge oder als Beschuldigter.


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