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324 Tote in Altenheimen und die Frage nach dem Warum
Lokales 4 Min. 23.03.2021 Aus unserem online-Archiv

324 Tote in Altenheimen und die Frage nach dem Warum

Familienministerin Corinne Cahen (r.) und Jean-Claude Schmit, Direktor der Santé, ziehen Bilanz.

324 Tote in Altenheimen und die Frage nach dem Warum

Familienministerin Corinne Cahen (r.) und Jean-Claude Schmit, Direktor der Santé, ziehen Bilanz.
Foto: SIP
Lokales 4 Min. 23.03.2021 Aus unserem online-Archiv

324 Tote in Altenheimen und die Frage nach dem Warum

David THINNES
David THINNES
Alleine im Altenheim in Niederkorn sind 22 Menschen verstorben. Auf der Suche nach Erklärungen gibt es nicht auf jede Frage eine Antwort.

Warum es im Altenheim „Um Lauterbann“ in Niederkorn zu einem Corona-Cluster gekommen ist, ist noch nicht ganz geklärt. 22 Bewohner, die mit dem Virus infiziert waren, sind dort seit dem 17. Februar 2021 verstorben. Landesweit sind seit dem Beginn der Pandemie 324 Menschen in Alten- und Pflegeheimen verstorben. „Das sind 324 Schicksale. Das sind auch 324 Tote zu viel“, so Familienministerin Corinne Cahen am Dienstag.

Bei einer Pressekonferenz hatten Corinne Cahen und Jean-Claude Schmit, Direktor der Santé, einige, aber nicht alle Antworten auf die Frage, warum es zu diesem Cluster kommen konnte, parat. Dies liegt einerseits daran, dass die verschiedenen  Untersuchungen noch laufen.

So wurde zum Beispiel festgestellt, dass bei den positiven Tests von Niederkorn eine spezielle Virus-Variante immer wieder zu finden ist: Bei 40 Sequenzierungen wurde diese Variante 29 Mal gefunden. Außerdem wurde eine Reihe an Reinfektionen festgestellt, also Bewohner, die sich im Oktober/November 2020 infiziert hatten und in den vergangenen Wochen dann erneut. Diesbezüglich laufen aber noch genauere Untersuchungen, eine detaillierte Zahl von Reinfektionen liegt noch nicht vor.


Lok , CIPA Niederkorn , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
Altenheim in Niederkorn: Mehr Tote als in den Vorjahren
Seit Anfang des Jahres sind im Altenheim "Um Lauterbann" 23 Personen verstorben, 14 von ihnen werden als Corona-Tote geführt.

Ein Cluster ist komplex. Es ist nicht einfach, alles nachzuverfolgen. Ein Altenheim ist kein Gefängnis. Es kommen Personen von außen hinein - ob das nun Personal oder Besuch ist. Die Bewohner können das Haus auch verlassen und sitzen nicht total isoliert in ihrem Zimmer. In diesem Sinne ist es verständlich, dass sich das Virus ausbreitet“, so Schmit. Er betont, dass die Sterberate in Niederkorn nicht über dem internationalen Durchschnitt liege, betont aber gleichzeitig, dass er „die Situation nicht banalisieren“ wolle und „jeder Tote einer zu viel ist“.

„Cohortage“ nicht möglich

Im Altenheim „Um Lauterbann“ kommt dazu, dass das sogenannte „cohortage“ nicht möglich war: Im Optimalfall soll eine Isolierungszone für die positiv getesteten Personen geschaffen werden. Dort ist dann auch immer dasselbe Pflegeteam im Einsatz. Corinne Cahen erwähnte in diesem Kontext, dass das Altenheim von Niederkorn 2023 ein neues Zuhause in Niederkerschen erhält.

Ein Altenheim ist kein Gefängnis.

Jean-Claude Schmit, Direktor Santé

Der Direktor der Santé wollte auch richtigstellen, dass die Impfung keinen Einfluss auf das Cluster hatte: „Die Impfung löst keine Krankheit aus.“ In Niederkorn war der erste Fall am 17. Februar bekannt geworden. Am 18. Februar wurde allen 154 Bewohnern und den Mitarbeitern die erste Impfdosis verabreicht. Einige Tage danach wurden dann 35 Bewohner und 18 Mitarbeiter positiv getestet. Diese Zahl stieg bis 84 bei den Bewohnern und 25 beim Personal an.

Nicht unwesentlich ist die Tatsache, dass der Impfstoff bei älteren Menschen über 65 Jahre länger benötigt, um wirksam zu sein, wie Dr. Schmit erklärt. Außerdem sei die natürliche Immunität bei älteren Menschen nicht so ausgeprägt wie bei jüngeren Menschen.


Lok , CIPA Niederkorn , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
92 Infektionen in Altenheim in Niederkorn - fünf Todesfälle
Im Altersheim "Um Lauterbann" in Niederkorn gibt es ein Corona-Cluster: 67 Bewohner und 25 Mitarbeiter wurden positiv getestet. Fünf Menschen sind verstorben.

In Niederkorn lag das Durchschnittsalter der verstorbenen Personen bei 88 Jahren. „Viele litten an schweren Vorerkrankungen“, so Jean-Claude Schmit.

Corinne Cahen ging auch auf eine Aussage der Gewerkschaft OGBL bei RTL Radio ein, es würde nicht ausreichend Schutzmaterial für das Pflegepersonal in den Heimen zur Verfügung stehen. „Zu Beginn der Pandemie wurde dies über die Réserve sanitaire nationale geregelt. Aktuell sind die Betreiber aber selbst dafür zuständig, dass genug Schutzmaterial vorhanden ist. Mir ist momentan keine Problematik bekannt. Der Betreiber Servior hat mir zum Beispiel gesagt, dass ausreichend Material vorhanden ist.“

Kayl: Acht Personen verstorben

Aktuell gibt es in weiteren vier Alten- und Pflegeheimen einen Corona-Cluster: Bofferdingen, Rodange, Redingen und Schifflingen, wie Corinne Cahen noch mitteilte. In Kayl sei die Situation besonders „dramatisch“: Von den 39 Bewohnern sind acht verstorben. Es gab 25 positive Fälle unter den Bewohnern, 13 beim Personal. In Kayl handelt es sich um ein „Logement encadré“, also betreutes Wohnen, wo die Bewohner noch zum größten Teil selbstständig sind.

In Niederkorn gelten momentan noch zehn Bewohner als positiv, eine Person wird im Krankenhaus behandelt. Am 18. März war „Um Lauterbann“ die zweite Impfdosis verabreicht worden.

Im Altenheim in Niederkorn sind 22 Personen, die mit dem Corona-Virus infiziert waren, verstorben.
Im Altenheim in Niederkorn sind 22 Personen, die mit dem Corona-Virus infiziert waren, verstorben.
Foto: Guy Jallay

Corinne Cahen ergänzte, dass momentan in 48 von 52 Alten- und Pflegeheimen die zweite Impfdosis verabreicht wurde. In 27 Häusern wurde diese vor mehr als 14 Tagen verabreicht, sodass der Schutz bei diesen Personen nun wirksam sein sollte.

Auch die Frage nach einer Impfpflicht wurde aufgeworfen. Corinne Cahen wollte sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen, sendete aber trotzdem eine klare Nachricht. „Diese Diskussion muss geführt werden. Es gibt hier parteiübergreifend verschiedene Meinungen. Die Personen, die in diesem Sektor arbeiten, sind verantwortlich für andere Menschen. Inwiefern können wir einen Menschen zwingen, sich impfen zu lassen?“ 


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