20 Jahre "Impuls"
„Keine Reparaturwerkstatt“
Neue Wege, um Jugendlichen aus der Sucht zu verhelfen
(str) - Gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft und dem Familienministerium hat „Médécins sans frontières“ vor 20 Jahren eine Betreuungsstelle für Minderjährige ins Leben gerufen, die durch legalen und illegalen Drogenkonsum aufgefallen sind.
Was vor 1997 Neuland war, gilt heute als eine Erfolgsgeschichte auf allen Ebenen, die seit 2014 den Namen „Impuls“ trägt und seit 2016 in der Rue Wilson im Herzen des hauptstädtischen Bahnhofsviertels ein feste Bleibe gefunden hat.
Die neue und sicherlich anfangs nicht ganz unumstrittene Herangehensweise war es, das Vorgehen der Justiz mit einer therapeutischen Herangehensweise auf einen Nenner zu bringen. „Es hieß immer, dass eine Therapie unter Zwang nicht funktionieren könne“, führt Projektleiter René Meneghetti aus. „Doch wir haben das Gegenteil bewiesen.“
Sieben Therapeuten, 600 Fälle
Noch heute ist es so, dass rund 80 Prozent der unter 21-Jährigen, die therapeutisch betreut werden, über Polizei, Staatsanwaltschaft, Schulen, Jugendhäuser und Eltern zu „Impuls“ kommen. Rund 600 Situationen werden pro Jahr von den sieben Therapeuten und Erziehern begleitet. Mehr als 6.500 Personen wurden betreut, seit der Dienst 1997 geschaffen wurde.
Und der Erfolg gibt „Impuls“ recht. „Eine Studie der Uni Luxemburg hat gezeigt, dass 75 Prozent im Anschluss an unsere langatmige Arbeit keine Probleme mehr mit Drogen haben“, sagt Meneghetti. „Die eine Hälfte der verbleibenden 25 Prozent hat den Konsum stark reduziert. Die andere macht eben da weiter, wo sie war, als sie zu uns kam.“
"Nicht moralisieren"
Das Rezept von „Impuls“ ist vielschichtig. Es beginnt aber schon damit, wie die Jugendlichen empfangen werden. „Wir sind nicht da, um zu moralisieren“, erklärt René Meneghetti. Es gehe nicht, einfach zu sagen, Drogen seien schlecht. Vielmehr gelte es, das Suchtverhalten an sich anzugehen. „Wir versuchen, den Jugendlichen in dem Gemütszustand aufzunehmen, wo er gerade ist und ihn dann mit objektiven Argumenten wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Ziel ist Autonomie. Ein Leben ohne Abhängigkeit.“
Die Herangehensweise nennt Meneghetti systemisch: „Es ist eine Familientherapie. Der Jugendliche lebt in einem System, einer Familie, einem Umfeld, in dem es gewisse funktionale und andere dysfunktionale Dynamiken gibt.“ Die Herausforderung sei es, diese Dynamiken transparent zu machen.
„Wir denken, dass der Drogenkonsum die Spitze des Eisbergs ist, und die mal mehr, mal weniger komplexen Ursachen dafür unter der Wasseroberfläche liegen“, betont René Meneghetti.
„Viele Eltern halten uns für einen Reparaturservice für Jugendliche“, meint der Direktionsbeauftragte von „Impuls“. „Aber eigentlich geht es darum, Eigenverantwortung und Bewusstsein für Verantwortung zu schaffen – sowohl beim Jugendlichen als auch bei den Eltern.“
Bei ihrer Arbeit setze „Impuls“ stets auf die Zusammenarbeit mit anderen Diensten. Justiz und Polizei etwa seien sehr nahe dran an den gefährdeten Jugendlichen. Oft spiele sich der Drogenhandel im direkten Umfeld der Schulen ab. Dabei dürfe man nicht aus den Augen verlieren, dass hinter dem Drogenhandel organisiertes Verbrechen stehe. Meistens sei es so, dass ältere Jugendliche jüngere Schüler rekrutieren würden, um gezielt an Schulen Drogen zu verkaufen. Dabei würden sie sich oftmals eher unauffällige Schüler aussuchen, die deswegen auch über längere Zeit einsetzbar seien.
Oft würden diese selbst keine Drogen konsumieren. „Ihre Abhängigkeit nimmt dann andere Formen an“, erläutert René Meneghetti. „Das können Markenartikel sein, aber oft auch nur Anerkennung.“ Dabei würden sie sich aber auch großem Druck aussetzen, in einem Ausmaß, dass sie, aufgrund ihrer Tätigkeiten als Dealer, ihren Aufgaben in der Schule nicht mehr richtig nachkommen könnten. Der Stress, andauernd illegalen Aktivitäten nachzugehen, ständig für Kunden erreichbar zu sein. Zudem werde auch auf der anderen Geschäftsseite Druck zum Verkauf gemacht. Deswegen seien Schüler dann tatsächlich manchmal froh, von der Polizei erwischt zu werden, um dem Teufelskreis zu entkommen.
Repression als Mittel zum Zweck
Für Außenstehende dürfte es überraschend erscheinen, doch für Meneghetti ist das Eingreifen der Polizei einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für den Ausstieg von Jugendlichen aus der Drogensucht. „Dann verstehen sie sehr schnell, dass das, was sie tun, illegal ist. Oft sind die Jugendlichen nämlich falsch informiert, gar von interessierter Seite in dem Sinn ge-coacht, die Drogen und den Konsum zu banalisieren. Das Gesetz sei nicht so streng, die Polizei würde bei Cannabis kaum etwas unternehmen. Doch das ist falsch.“
Wenn es dann zur Konfrontation mit der Polizei komme, die dann eine ganz andere Sprache spreche und ein durchweg aufwendiges und professionelles Vorgehen an den Tag lege, dann würden ihnen oft erst die Augen aufgehen.
„Jugendliche sind oft auf der Suche nach starken Gefühlen“,
erklärt Psychologe Meneghetti. „Wenn sie etwas Illegales tun, dann gibt ihnen das einen Kick. Der Drogenkonsum verstärkt diesen. Andererseits erwarten die Jugendlichen auch sehr starke Gefühle, wenn die Polizei plötzlich vor der Tür steht. Und dann sehen sie ihre Situation oft anders. Die Enttäuschung der Eltern ist auch ein sehr wichtiger Faktor.“ Effizient sei aber zu dem Zeitpunkt nur die Kombination zwischen der Repression und der helfenden Hand, die man den Jugendlichen entgegenstrecke.
Andere Situation als vor 20 Jahren
In den 20 Jahren, in denen „Impuls“ nun schon aktiv ist, habe sich sehr viel verändert. Die Zeitspanne zwischen dem ersten und dann dem regelmäßigen und intensiven Konsum sei bei der Jugend von heute wesentlich kürzer. Zudem sei die Altersgrenze beim Erstkontakt viel niedriger. „Wir betreuen auch Kinder, die im Alter von acht oder neun Jahren mit illegalen Drogen angefangen haben. Bei drei bis vier Prozent der 600 Situationen, die wir derzeit betreuen, sind die Jugendlichen jünger als 13 Jahre. Das ist eine hohe Zahl“, unterstreicht Meneghetti.
Auch die Abhängigkeit sei viel stärker, der Alkohol viel intensiver. Schuld daran sei auch die Banalisierung von legalen und illegalen Drogen. Hier spiele auch die Frage der Legalisierung mit, denn viele Menschen würden daraus schließen, dass, wenn die Drogen legal seien, sie auch weniger gefährlich seien. Das sei natürlich grundfalsch. Die dramatischen Auswirkungen von legalen Drogen seien wohlbekannt.
Primärprävention als Lösung
Die Lösung liegt für Meneghetti bei der Primärprävention: Kinder bereits im Vorschulalter stärken, sie in ihrer Persönlichkeit fördern, ihnen alternative Wege aufzeigen, wie sie Spaß, Freude, Wohlbefinden und Anerkennung finden. „Kinder müssen lernen, Mitglieder einer Gesellschaft zu werden, die sie aufnimmt, unterstützt und nicht ausschließt – ein Umfeld, in das sie mit allen Problemen, die sie mitbringen, integriert werden“, bekräftigt der „Impuls“-Leiter.
- "Impuls" im Web: www.im-puls.lu
