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Zwischen Wildnis und Hochkultur
Lifestyle 8 Min. 13.02.2019

Zwischen Wildnis und Hochkultur

Melissa Valle und Aldo Sánchez untersuchen eine zuvor gefangene Schildkröte; Touristen können sie auf ihren Touren begleiten.

Zwischen Wildnis und Hochkultur

Melissa Valle und Aldo Sánchez untersuchen eine zuvor gefangene Schildkröte; Touristen können sie auf ihren Touren begleiten.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 8 Min. 13.02.2019

Zwischen Wildnis und Hochkultur

Das kleinste Land Zentralamerikas rettet Meeresschildkröten und alte Maya-Handwerkstraditionen. Wer will, kann dabei helfen: in der Jiquilisco-Bucht mit Wissenschaftlern auf Kontrolltour oder bei einem Indigo-Workshop in Suchitoto.

von Carsten Heinke

Die frühen Morgenstunden sind vorbei. Den meisten Vögeln ist es zum Singen bereits zu heiß. Nur die Insekten stört die Hitze nicht. Wie ein unsichtbarer Nebel wabert ihr Summen und Zirpen durch die Tropenluft im Südosten von El Salvador. „Vorsicht, Alligatoren!“ warnt ein Schild am Bootssteg. Von Echsen keine Spur. Stattdessen gibt es gleich ein Stelldichein mit anderen Reptilien. Die Tierärztin Melissa Valle, Biologe Aldo Sánchez und ihr Team gehen für die internationale Artenschutzinitiative ICAPO auf tägliche Kontrollfahrt zu den Meeresschildkröten. Sie beobachten und zählen die Tiere, schauen, ob sie sich normal bewegen und dass keine Wilderer unterwegs sind. Probehalber fangen sie zwei, drei Individuen, um sie medizinisch zu untersuchen, zu messen und zu wiegen.

Um die Schildkröten nicht allzu sehr unter Stress zu setzen, wird der Kopf mit einem feuchten Handtuch bedeckt.
Um die Schildkröten nicht allzu sehr unter Stress zu setzen, wird der Kopf mit einem feuchten Handtuch bedeckt.
Foto: Carsten Heinke

„Treffen wir dabei alte Bekannte, die früher gecheckt und markiert wurden, erfahren wir durch den Datenvergleich beispielsweise, wie schnell die Schildkröten wachsen, wie groß ihr Lebensraum ist und wie sie auf Umweltveränderungen reagieren“, erzählt Melissa. Hotelgäste  dürfen die Forscher bei der Routinetour begleiten. So auch an diesem Vormittag.

Der Palmenwuchs zu beiden Ufern des Kanals wird dünner und geht allmählich in Mangrovenwald über. Er ist der ausgedehnteste des Landes. Als einziges Land in Zentralamerika hat El Salvador keinen direkten Zugang zur Karibik, dem tropischen Teil des Atlantiks. Dafür grenzt der Süden auf kompletter Landesbreite (300 Kilometer) an den Pazifik.

Bedrohte Reptilien

Der schmale Wasserlauf verbreitert sich zu einer Fläche wie ein See, gespickt mit Mini-Inseln. Im fernen Hintergrund verschmelzen bläulich schimmernde Vulkane im tiefen Himmelsblau. Das kleine Forscherboot hat die Bahía de Jiquilisco erreicht. „Die Bucht ist einer der zwei Hauptnistplätze Echter Karettschildkröten im Ostpazifik“, erklärt Aldo. Früher massenhaft in allen Weltmeeren zu finden, stehen inzwischen alle sieben Arten von Meeresschildkröten auf der Roten Liste. Die Hauptursachen dafür seien Klimawandel, Plastikmüll und Wilderei, so der 23-jährige Wissenschaftler.

„Da ist eine!“, ruft Crewmitglied Reynaldo Garcia und stürzt sich kopfüber in die Fluten. Sein Kollege Boanerges Sánchez folgt ihm. Nach wenigen Schwimmzügen haben sie die große Grüne Meeresschildkröte eingeholt, packen sie geschickt am Panzer und hieven sie an Bord. Um sie vor der unbarmherzigen Sonne zu schützen, legen ihr die Männer einen nassen Lappen auf den Kopf und begießen sie immer wieder mit Wasser. Zwei Artgenossen werden auf gleiche Weise ins Boot befördert, während der Steuermann Kurs auf eine Sandbank nimmt. Nach dem Ankern werden alle drei gepanzerten Probanden vorsichtig an Land getragen, gemessen, gewogen und fotografiert. Die vier Gäste aus der Lodge dürfen dabei helfen. Nur nicht soviel tätscheln! Denn um die Tiere nicht unnötig zu strapazieren, muss alles schnell gehen. Zur Wiedererkennung zwickt Melissa am Ende jedem Tier eine Nummer in die linke Vorderflosse – und ab geht es wieder ins geliebte nasse Element. „Ihre Schönheit wird den Schildkröten immer wieder zum Verhängnis“, weiß die 29-Jährige. Trotz strenger Strafen töte man sie, um ihre hübsch gemusterten Panzer zu teurem Schmuck und Kitsch zu verarbeiten. Viele landen nach wie vor im Kochtopf – ebenso wie ihre Eier, von denen das Dutzend gerade einmal 7,50 Dollar auf dem Schwarzmarkt kostet. Nicht zuletzt dank Organisationen wie der ICAPO ging die Wilderei zurück, unter anderem durch Arbeitsplätze für die Wilderer. „Wer mit Naturschutz Geld verdienen kann, missbraucht die Tiere nicht für illegale Geschäfte“, glaubt Aldo Sánchez. Auch in seinem Team bewähren sich ehemalige Eierdiebe als Helfer.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges, der das Land seit 1980 in Angst und Schrecken hielt, sowie der Auflösung der Rebellenarmee Anfang der 1990er-Jahre stand El Salvador vor einem Neuanfang. Bis heute hat sich viel getan in dem Land, das wirtschaftlich vor allem von den USA abhängt. Doch immer noch gehören Armut und Gewalt zum Alltag. Vielerorts zwischen Küste und Gebirgen verspricht der Fremdenverkehr neue Chancen für die Zukunft.

Kakao und die Bohne

Die Hacienda La Carrera an der Jiquilisco-Bucht hat sich für sanften Tourismus entschieden. In erster Linie wird hier umweltfreundliche Landwirtschaft betrieben. Das ist keine Seltenheit in El Salvador, wo schädigende Agrochemikalien wie Glyphosat, Endosulfan und Paraquat strikt verboten sind. Damit ist das kleine Land in Zentralamerika neben den Bermudas und Sri Lanka eines von weltweit nur drei mit einem solchen Gesetz.

Neben Agrarprodukten wie Kakao, Kaffee, Bananen, Mais und Zuckerrohr lebt die idyllisch gelegene Farm von einer Lodge. Wer hier Urlaub macht, profitiert sowohl von der Umgebung mit viel Wald und Wasser als auch von der Nähe zu Gärten und Plantagen. „Es gibt immer erntefrische Produkte und jede Menge zu erleben“, sagt Elena Rivera, die Gäste von der Puerto Barillas Lodge über die Hacienda führt. Besonders die Erzeugung von Kakao sorge bei Kindern immer wieder für Erstaunen. „Nicht wenige von ihnen glauben, dass die Schokolade an den Bäumen wachse“, berichtet Rivera.

Die Klammeraffen nehmen mitgebrachte Früchte gerne an.
Die Klammeraffen nehmen mitgebrachte Früchte gerne an.
Foto: Carsten Heinke

Im Wald dahinter lebt seit Jahrzehnten eine Klammeraffenkolonie. Mit ihren langen Greifschwänzen und Gliedmaßen sind die geselligen Primaten perfekt an das Leben auf den Bäumen angepasst. Kaum, dass wir ihr Revier erreichen, springen und hangeln sie durch das Geäst, stets um die besten Plätze ringend. Am Ende an bedenklich dünnen Zweigen baumelnd, lauern sie so nah wie möglich über uns. Endlich holen wir die mitgebrachten Früchte aus den Taschen. Viel vorsichtiger als gedacht, strecken die Affen ihre Arme aus, schnappen sich die Leckerbissen und verschwinden wie geölte Blitze in den Bäumen.

Göttliches Blau

Wilde Kletterakrobaten hat Suchitoto nicht zu bieten. Doch dafür trumpft der malerische Ort am Rio-Lempa-Stausee mit toller Aussicht, Kunsthandwerk und Kolonialarchitektur auf. Baulich geprägt wurde er von den Konquistadoren. Denn als Teil des Vizekönigreiches Neuspanien gehörte El Salvador von 1525 bis 1821 zum spanischen Kolonialreich. Heute gilt das nur 50 Kilometer von San Salvador entfernte Suchitoto als Kulturhauptstadt des Landes. Wegen der vielen Strelitzien, die hier wachsen, heißt sie auch „La Ciudad del pájaro-flor“ – Stadt der Paradiesvogelblume.

Die Kirche Santa Lucia leuchtet in strahlendem Weiß.
Die Kirche Santa Lucia leuchtet in strahlendem Weiß.
Foto: Carsten Heinke

Dass man die auffällige Pflanze mit den spitzen, orange-blau-lila-roten Blütenblättern zuerst im Garten von Pascal und Joaquín entdeckt, ist sicherlich kein Zufall. Denn die beiden Männer haben ein Gespür für schöne Dinge. Vor 15 Jahren kauften sie – nicht weit vom Zentrum Suchitotos – die Ruinen eines über 200-jährigen herrschaftlichen Anwesens, zauberten daraus ein wahres Schmuckstück und eröffneten es 2005 als Boutiquehotel Los Almendros de San Lorenzo.

Der charmante koloniale Landsitz mit roten Ziegeldächern, grünem Innenhof und einem noch viel grüneren Garten ist ein leger-romantisches Refugium. Während das denkmalschutzgerecht und ökologisch einwandfrei sanierte Haus einen Hauch Historie versprüht, weht aus dem Restaurant ein frischer Wind vom fernen Kontinent Europa. „Unser Koch liebt die französische Küche. Das kann man ihm nicht verdenken. Er hat bei Meisterkoch Hervé Laurent gelernt“, erklärt Joaquín.

Die Tochter von Indigo-Künstlerin Irma Guadrón präsentiert die modischen Schmuckstücke ihrer Mutter.
Die Tochter von Indigo-Künstlerin Irma Guadrón präsentiert die modischen Schmuckstücke ihrer Mutter.
Foto: Carsten Heinke

Vieles in Suchitoto passiert in den Innenhöfen. Wie zum Beispiel im Freiluft-Atelier von Irma Guadrón. Mit beiden Armen steckt die lebensfrohe Modemacherin in einer Wanne voll von dicker, tintenblauer Flüssigkeit. Immer wieder taucht sie ein Kleid hinein, bis dessen Baumwollstoff sich vollgesogen hat mit Indigo. Gewonnen wird die Farbe aus dem gleichnamigen Gewächs, das rosa blüht. Als Teil der Jahrtausende alten Maya-Kultur gehört sie zu Zentralamerika wie sein Kakao, seine Schildkröten und seine Feuerberge. Irma spült das Kleid, das durch ihre Batiktechnik nun ein blau-weißes Muster aufweist, und hängt es zum Trocknen neben Blusen, Schals und Tücher.

„Unsere Vorfahren nutzten Indigo zur Verehrung ihrer Götter“, erzählt sie. Das so genannte Maya-Blau sei für rituelle Wandmalereien, aber ebenso für Figuren und Objekte wie Gefäße oder Schmuck verwendet worden. Erst im 20. Jahrhundert konnte das Geheimnis der Mixtur gelüftet werden. Als typische Jeansfarbe machten die Amerikaner das Indigo bekannt – bis sie synthetische Alternativen fanden. Im Anbaugebiet um Suchitoto haben Bauern und Kreative die „Blaue Blume“ ihrer indigenen Ahnen wiederentdeckt. Für die Künstlerin symbolisiert die Pflanzenfarbe sowohl den Himmel und den Ozean als auch das Feuer. „Schau in eine Flamme!“, sagt sie. „Was du in ihrem Herzen siehst, ist Indigo.“


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