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Zu Gast beim Krokodilmann
Lifestyle 7 Min. 18.07.2019

Zu Gast beim Krokodilmann

Natur pur: Die Region East Sepik ist nach dem größten Fluss des Landes – dem Sepik – benannt. Das Gebiet, das von Bergland geprägt ist, ist touristisch bereits gut erschlossen.

Zu Gast beim Krokodilmann

Natur pur: Die Region East Sepik ist nach dem größten Fluss des Landes – dem Sepik – benannt. Das Gebiet, das von Bergland geprägt ist, ist touristisch bereits gut erschlossen.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 7 Min. 18.07.2019

Zu Gast beim Krokodilmann

Abenteuerland Papua-Neuguinea: Der drittgrößte Inselstaat der Erde steckt voller tropischer Natur und exotischer Kulturen.

von Carsten Heinke (Port Moresby)

Es weht kein Wind an diesem späten Nachmittag in Rondon Ridge. Und doch regt sich etwas im dichten Blätterdach am Rand des Regenwalds. In einem Eukalyptusbaum macht sich ein Tier zu schaffen. Die Forscherlust erwacht. Jetzt heißt es: Am besten stehen bleiben, Geduld bewahren, warten. In einer Lücke zwischen Laub und Zweigen wird der schwindelfreie Kletterer sichtbar. Es ist … ein Teddybär? Besäße er keinen langen, dicken Katzenschwanz, könnte man den kleinen braunen Gesellen tatsächlich für ein lebendiges Kuscheltier halten. Doch in den Western Highlands von Neuguinea leben nun mal Baumkängurus – und das dort oben ist eins. Neugierig beugt es sich nach vorn, schaut auf Kamera und Fotograf – und nimmt wieder seine bequeme Position in einer Astgabel ein.

Neugieriger Beobachter im Blätterdach: ein Baumkänguru.
Neugieriger Beobachter im Blätterdach: ein Baumkänguru.
Foto: Carsten Heinke

Die Luft ist sanft und klar, der Himmel wolkenrein. Jenseits des Waldes setzen sich die Kubor-Gebirgskette und das Wahgi Valley als grandioses Landschaftspanorama in Szene. Der geheimnisvolle Nordosten Neuguineas liegt dem staunenden Betrachter zu Füßen. Als „Kaiser-Wilhelms-Land“ war die Region von 1885 bis 1919 Teil des deutschen Kolonialreichs. Der mit 4 509 Metern höchste Gipfel Papua-Neuguinas, Mount Wilhelm oder Wilhelmsberg, ist von hier zu sehen. Wie das Bismarckgebirge, zu dem er gehört, die Bucht Seeadler Harbour oder der Kaiserin-Augusta-Fluss erinnert er namentlich noch heute an das imperiale Erbe.

Es raschelt wieder im Geäst. Und das Geräusch wird deutlicher. Die Neugier hat gesiegt, das Warten sich gelohnt. Der junge Baumkängurumann ist auf dem Weg nach unten. Ohne Eile, aber zielbewusst klettert er den Stamm hinab. Beim Umklammern helfen ihm Krallen. Seinen Schwanz nutzt er als Stütze. Am Boden angekommen, inspiziert er Fotoapparat und Menschen so selbstverständlich, als würde er das täglich tun. Doch schnell erkennt das Beuteltier auf Nahrungssuche, dass es hier nichts zu holen gibt, knabbert etwas Gras und erklimmt den nächsten Baum.

Internet und Urgesellschaft

Kurz nach Sonnenaufgang liegt Nebel auf dem Karawari. Dort, wo die bräunlich graue Schlangenlinie des Flusses im East-Sepik-Regenwald verschwindet, verrät der weiße Streifen den Weg des Wassers. Weitverzweigt führt er durch den wohl aufregendsten Teil von Neuguinea. Die nach Grönland zweitgrößte Insel der Erde, geografisch Teil des australischen Kontinents, gehört etwa zur Hälfte zu Indonesien, zur anderen Hälfte zu Papua-Neuguinea, dessen Landesfläche sie zu 80 Prozent ausmacht. Der Rest besteht aus sehr viel kleinen Eilanden, die über weite Teile des südlichen Pazifiks verstreut sind. Die Hauptinsel ist durch Gebirge zerklüftet und in viele nur schwer zugängliche Gebiete zerteilt.

Und genau in diesen zauberhaften, von dichtem Tropengrün bedeckten Berg- und Flusslandschaften hütet sie die spannendsten und farbenfreudigsten Schätze des Landes: die nach dem Amazonas artenreichste Tier- und Pflanzenwelt der Erde sowie einen einzigartig kulturellen Mix aus mehr als tausend Ethnien. Einige beglichen noch vor wenigen Jahrzehnten ihre Rechnungen mit Muschelgeld. Der Tausch von Waren ohne Zahlungsmittel ist in abgelegenen Gebieten nach wie vor gang und gäbe. „Trotz Telefon und Internet ist auf dem Land auch heute noch die Urgesellschaft sehr lebendig“, sagt Tony Kandata vom staatlichen Fremdenverkehrsamt, der die Reise begleitet.

Allmählich wird der Nebel dünner und vermischt sich mit dem Rauch der Feuer entlang des Flusses. Zeit für die erste Mahlzeit, Zeit für Sago-Pfannkuchen. „Die sind für uns, was für euch Kartoffeln sind“, meint Tony und zeigt seinen europäischen Gästen, wie die – vom Wasser abgesehen – einzige Zutat dafür gewonnen wird.

Sago gilt im Inselstaat als eines der Hauptnahrungsmittel. Es wird aus dem Mark der Sagopalme gewonnen.
Sago gilt im Inselstaat als eines der Hauptnahrungsmittel. Es wird aus dem Mark der Sagopalme gewonnen.
Foto: Carsten Heinke

Ein Mann und eine Frau schlagen aus dem Stamm einer gefällten Sagopalme mit Äxten das weiche Mark heraus. In vielen Arbeitsgängen wird daraus Sagomehl gewonnen. „Wo kein Getreideanbau möglich ist, nutzt man das stärkehaltige Nahrungsmittel alle Tage“, weiß Tony. Der 29-Jährige lebt inzwischen in der Hauptstadt Port Moresby, wo er die meisten seiner Lebensmittel im Supermarkt kauft. Ursprünglich stammt er aus einem Dorf in den Western Highlands. Mit den Traditionen seiner Kindheit fühlt er sich nach wie vor verbunden – ganz besonders mit den kulinarischen.

Eine Leidenschaft, die Tony offenbar mit all seinen Landsleuten teilt, ist der Genuss von Schweinefleisch. Im Erdofen zubereitet, gilt es überall in Papua-Neuguinea als Krone aller Leckereien. Denn ganz gleich, ob man sich mit bunten Vogelfedern oder fremden Haaren, mit Schlamm und Masken, Skelettbemalung oder Narben schmückt: Bei jedem Volk des Inselstaates geht es irgendwie um Schweine. Wer viele davon hat, ist reich. Wer keine hat, der borgt sich welche, denn ohne Schweine gibt es keine Hochzeit.


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In der Karawari Lodge wird jetzt gefrühstückt. Für Europäer der absolute Luxus: erntefrische Mangos, Melonen und Papayas – saftig, süß und superreif. Genau darauf steht auch Joanna. Keck schwingt sie sich auf einen freien Stuhl, nimmt auf der Rückenlehne Platz und wartet, dass ihr etwas angeboten wird. Für einen Nashornvogel ist sie ziemlich höflich. „Als der Baum mit ihrem Nest gefällt wurde, war Joanna noch ein Küken. Einer unserer Leute fand sie halb verhungert auf dem Boden und brachte sie mit in die Lodge. Gemeinsam zogen wir den Vogel groß. Zum Dank besucht er uns bis heute täglich – sehr zur Freude unserer Gäste“, berichtet Kathy. Die sanfte Neuguineerin leitet das winzige Hotelresort, das so verborgen in der straßenlosen Wildnis liegt, dass man es nur auf dem Luft- und Wasserweg erreicht.

Für die Einheimischen, die in erster Linie davon leben, was ihnen Flüsse, Seen und Wälder schenken, ist der Einbaum das wichtigste Verkehrsmittel. Die meisten nutzen ihn als Paddelboot. Wer es sich leisten kann wie Timi, hängt einen Dieselmotor dran. Der junge Mann vom Chambri-Volk aus dem Dorf Kundiman beherrscht wie fast jeder hier sowohl den Fischfang als auch die Landwirtschaft. Über allem für ihn steht jedoch die Jagd, denn er ist ein Krokodilmann. Stolz präsentiert der 23-jährige Familienvater die rund 1 300 Narben, die seine dunkelbraune Haut auf Brust und Schenkeln und von den Schultern bis zum Po in wohlgeordneten Mustern bedecken. Sie erinnern an die Schuppenhaut der Panzerechsen und sollen deren Zahnabdrücke symbolisieren.

Krokodilmann: Timi, Mitglied des Ambri-Volks, präsentiert stolz seine 
rituellen Narben, die ihm vor Jahren zugefügt wurden.
Krokodilmann: Timi, Mitglied des Ambri-Volks, präsentiert stolz seine 
rituellen Narben, die ihm vor Jahren zugefügt wurden.
Foto: Carsten Heinke

Die äußerst schmerzvolle Initiations-Zeremonie ist eng mit der Schöpfungsgeschichte der Chambri verbunden. Sie glauben, der Junge werde vom Geist eines Krokodils verschluckt und als Mann und Krokodil wieder ausgespuckt. Tatsächlich entstehen die kunstvollen Wundmale durch zwei Zentimeter tiefe Schnitte, die man derart mit Holzrauch, Lehm und Pflanzenölen behandelt, dass sie beim Heilen die gewünschte Form erhalten. Wissenschaftler nennen diese Technik Skarifizierung. Timi verheimlicht nicht, unter welchen großen Qualen sein imposanter Körperschmuck entstanden ist. „Das einzige, was man gegen die Schmerzen tun darf, ist, die Blätter einer Heilpflanze zu kauen. Es ist fast unerträglich“, gesteht der junge Mann, der die Tortur erlebte, als er 15 war.

Am Abend dürfen die Gäste Timi bei einer Krokodiljagd begleiten. Hintereinander sitzen sie auf Plastikstühlen mit abgeschnittenen Beinen in dem etwa zehn Meter langen Einbaum – hinten der Steuermann, vorn der Jäger mit Speeren, Stäben, Stricken. Zwei schwache Taschenlampen funzeln tapfer durch die Finsternis, erleuchten hier und da ein Fleckchen von dem braunen Fluss. Gelegentlich wird der Lichtschein von einem Augenpaar im Wasser reflektiert.

Gerade, als Timi zielt und wirft, schreit Tony plötzlich um sein Leben. Etwas großes Nasses habe ihn im Dunkeln angesprungen. Der Einbaum schaukelt. Doch zum Glück geht niemand unfreiwillig baden. Natürlich war es kein Reptil. Ein paar handtellergroße Fische – aufgeschreckt vom Lampenlicht – sind direkt in Tonys Schoß gelandet. Dieses lustige Abenteuer kann auch das junge Krokodil nicht toppen, das mittlerweile zwischen Timis Fangstangen zappelt und nach ein paar Schnappschüssen wieder nach Hause schwimmen darf. 


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