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Zu Fuß auf die Insel
Eine Wanderung im Wattenmeer.

Zu Fuß auf die Insel

Foto: Marc Willière
Eine Wanderung im Wattenmeer.
Lifestyle 4 Min. 10.08.2018

Zu Fuß auf die Insel

Marc WILLIERE
Marc WILLIERE
Nicht nur bei Flut erregt das Meer Ehrfurcht. Fällt der Meeresspiegel wieder, ist die Zeit eines nicht minder beeindruckenden Schauspiels im Niedersächsischen Wattenmeer gekommen.

An allen Küsten der Welt wiederholt sich tagtäglich dasselbe Schauspiel: Während etwa sechs Stunden lassen ungebändigte Kräfte tosende Wellen und weiße Gischt auf den Strand zurollen und "berauben" den Menschen eines Teils seines Erholungsgebietes. Aber mit derselben, genau berechenbaren Genauigkeit zieht sich das Wasser auch wieder zurück und überlässt den Strand dem Menschen.

Was sich auf den ersten Blick wie von Geisterhand gesteuert anlässt, ist durch ein – wenn auch kompliziertes – Zusammenspiel von Himmelskörpern bedingt. Für das Phänomen Flut und Ebbe sind die Fliehkraft der Erde sowie die Anziehungskraft des Mondes verantwortlich. Doch damit nicht genug: Auch die Zentrifugalkraft auf der dem Mond abgewandten Erdseite trägt an den Gezeiten Schuld. Und schließlich redet auch noch die Sonne ein Wörtchen mit.

Einzigartiger Lebensraum

Eine gute Gelegenheit, sich mit dem Phänomen von Gezeiten, Flutbergen, Tidedauer und Wasserständen auseinanderzusetzen, bietet sich anlässlich einer Wattwanderung, wie sie an der norddeutschen Nordsee im Weltnaturerbe Wattenmeer so regelmäßig angeboten wird wie das Meer seinen Untergrund dafür freigibt. Und dabei kann man auch noch – sozusagen im Vorbeigehen – viel Wissenswertes über die Tier- und Pflanzenwelt dieses weltweit einzigartigen Naturraumes erfahren.

Nach ein paar Schritten hat man sich an Schlick und Schlamm gewöhnt.
Nach ein paar Schritten hat man sich an Schlick und Schlamm gewöhnt.
Foto: Marc Willière

Im Wattenmeer wechseln sich nicht nur Ebbe und Flut ab. Auch der Wind beeinflusst die Landschaft zwischen dem Festland und den vorgelagerten Inseln und Halligen: Ständig neu geformt wird das Wattenmeer mit seinen Salzwiesen, Dünen, Wattflächen und Stränden. Pflanzen und Tiere haben sich den sich ständig verändernden Lebensbedingungen angepasst. Die Schnittstelle von Land und Meer bzw. von Süß- und Salzwasser ist Lebensraum für Zigtausende Arten – von einzelligen Organismen über Pilze, Würmer und Muscheln bis hin zu Fischen, Vögeln und Säugetieren.

Das Wattenmeer, wo sich Naturvorgänge noch weitgehend unbeeinflusst vom Menschen entfalten können, ist unverzichtbar für den Erhalt der weltweiten Artenvielfalt. Jedes Jahr legen zehn bis zwölf Millionen Zugvögel auf ihrem Weg von ihren Brutgebieten im Norden zu ihren Überwinterungsgebieten in Westeuropa und Afrika einen Zwischenstopp im Wattenmeer ein. Nur hier können sie rasten und finden genug Wegzehrung für ihre Tausende Kilometer lange Weiterreise.

Auf dem Meeresgrund wandern

Eine Wanderung auf dem Meeresboden ist ein faszinierendes Erlebnis. Und bedarf einer gewissen Vorbereitung. Zum einen ist angemessene Fußbekleidung erfordert – sie muss fest sitzen, um dem Sog des Schlamms zu widerstehen, und soll vor scharfen Muschelkanten schützen. Zum anderen sollte man nie allein aufbrechen – gute Ortskenntnisse sind unentbehrlich für die sichere Überquerung des Watts – in unserem Fall von Neßmersiel zur ostfriesischen Insel Baltrum.

Wattführer Johann ist nicht nur ein zuverlässiger Begleiter durch knöcheltiefen Schlick und oberschenkeltiefe Priele. Er sorgt sich auch um den Zusammenhalt der Gruppe, die sich ihm anvertraut hat, und weiß die Wanderer vor allem mit seinem Fachwissen über das komplexe Ökosystem Wattenmeer zu begeistern. Eine aufblasbare Erdkugel und ein kleiner gelber Ball dienen ihm auf halber Strecke zwischen Festland und Insel zur anschaulichen Erklärung des Gezeitenphänomens.

Regelmäßige Halte nutzt Johann zu kleinen Geschichten über das Leben im Watt. Eine nicht unwichtige Rolle spielt hier der Wattwurm, wälzt er doch den Boden um und filtert den Sand. Die Herzmuschel filtriert ihrerseits das Wasser und kann sich schnell im Sand eingraben. Warum die Stängel der Strandpflanze Queller auch als ostfriesische Salzstange bezeichnet werden, erfährt man, wenn man sie verspeist. Auch grasgrüne Algen können als Wegzehrung dienen. Für Freude beim achtsamen Finder sorgen schließlich kleine Seesterne oder Krebse, die im seichten Wasser zu entkommen versuchen …

Eine Herzmuschel filtriert stündlich 2,5 Liter Wasser.
Eine Herzmuschel filtriert stündlich 2,5 Liter Wasser.
Foto: Marc Willière

Unendliche, salzige Weite

Mehr als drei Stunden und fast sieben Kilometer Wanderung vergehen wie im Flug. Über den festen Boden unter ihren Füssen auf der Insel Baltrum freuen sich die Wanderer aber nur bedingt; vielmehr macht sich Bedauern über das Ende einer Wanderung der besonderen Art breit – durch die fast unendliche Weite des Wattenmeeres in der salzigen Luft, die das Meer vor kurzer Zeit zurückgelassen hat und mit der es seine bevorstehende Rückkehr auch schon wieder ankündigt.

Noch vor dem ersten Erfrischungsgetränk ist aber erst einmal eine Behandlung mit reichlich Wasser angesagt. Schlick und Schlamm wollen von Schuhen, Socken und anderen Fußbekleidungsstücken sowie von Füßen und Beinen abgespült werden, bevor es zum gemütlichen Teil der Wanderung übergeht. Nur wenige Meter vom Meer entfernt schmeckt der Fisch zum Mittagessen besonders gut.

Nach einem Erholungsspaziergang zum Strand auf der dem Meer zugewandten Inselseite mit anschließendem kurzen Nickerchen heißt es dann auch schon wieder Abschied nehmen. Die Rückkehr aufs Festland dauert nur kurze Zeit, muss sie doch mit dem Schiff erfolgen. Denn aus dem Watt ist zwischenzeitlich wieder ein Meer geworden – wenn auch nur für etwas mehr als sechs Stunden. Festen Boden unter den Füssen haben derweil nur noch die Seehunde auf den Sandbänken in sicherer Entfernung.


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