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Zeitreise im Osten Deutschlands
Lifestyle 3 Min. 27.05.2020

Zeitreise im Osten Deutschlands

Mit 125 Metern ist die Krämerbrücke die längste durchgängig bebaute und bewohnte Brücke in Europa.

Zeitreise im Osten Deutschlands

Mit 125 Metern ist die Krämerbrücke die längste durchgängig bebaute und bewohnte Brücke in Europa.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 3 Min. 27.05.2020

Zeitreise im Osten Deutschlands

Carsten HEINKE
Carsten HEINKE
Urlaub bei den deutschen Nachbarn: Die Krämerbrücke lädt zum historischen Spaziergang durch die Stadt Erfurt ein.

Wie goldene Kronen mit langen, spitzen Zacken ragen Sankt-Marien-Dom und Sankt-Severi-Kirche mit ihren hohen Türmen vom Domberg in den frühen Abendhimmel. Das Licht, das sie umhüllt, lockt Vögel, die nicht schlafen wollen. Auf einer Linde im Laternenschein singt eine Amsel. Hin und wieder landet eine Duftbotschaft aus einem Küchenfenster in der Nase. Das inspiriert zum entspannten Restaurantbesuch – auch wenn sich dieser im Moment durch Reservierungspflicht und Kapazitätseinschränkungen ein wenig schwieriger als in Vor-Corona-Zeiten gestaltet.

Eigentlich ist auf der Krämerbrücke immer viel los – das Corona-Virus hat den Andrang jedoch ein wenig gemildert.
Eigentlich ist auf der Krämerbrücke immer viel los – das Corona-Virus hat den Andrang jedoch ein wenig gemildert.
Foto: Shutterstock

„In der blauen Stunde durch Erfurts Altstadt zu spazieren, ist ein Fest für alle Sinne“, sagt Uta Reber. Die 53-Jährige ist hier seit ihrer Studienzeit zu Hause. Dass sie ihre vielfältige Heimatstadt immer wieder neu entdecken kann, schätzt die Sozialpädagogin jetzt während der Corona-Pandemie ganz besonders.

Bevor es richtig dunkel wird, kommen die beleuchteten Fassaden der historischen Gemäuer – darunter die von 27 Kirchen – am malerischsten zur Geltung. Zu Utas Lieblingsplätzen zählt – ebenfalls effektvoll angestrahlt – die mittelalterliche Krämerbrücke. „Mit ihren schmucken Fachwerkhäusern zeigt sie sich in dieser Tageszeit von ihrer schönsten Seite“, schwärmt die Erfurterin.

Einmalig in Europa

Das einzigartige Ensemble, mit 125 Metern die längste durchgängig bebaute und bewohnte Brücke in Europa, ist ein Wahrzeichen der alten thüringischen Universitäts- und Handelsstadt. An Stelle eines Holzkonstrukts, anno 1117 zum ersten Mal erwähnt, wurde 1325 diese steinerne Flussüberquerung zwischen Benediktsplatz und Wenigemarkt geschaffen. Unter ihren Tonnengewölben plätschert immer noch der Breitstrom, ein Nebenarm des Flüsschens Gera. Von den beiden Kirchen an den Brückenköpfen blieb nur die östliche, Sankt Ägidien, erhalten.

Ein weiterer Höhepunkt der Städtetour: der Erfurter Domberg – mit dem namensgebenden Gotteshaus und der Severikirche.
Ein weiterer Höhepunkt der Städtetour: der Erfurter Domberg – mit dem namensgebenden Gotteshaus und der Severikirche.
Foto: Shutterstock

Dazwischen standen einst nur kleine Holzverschläge – Buden, in denen Händler ihren Kram feilboten. So nannte man die hochwertige Ware, nicht alltägliches, das oft aus fernen Ländern stammte. Nach dem Brand von 1472 entstanden auf der Brücke 62 super schmale, dreistöckige Häuschen. Mit der Zeit wurden die 32 heutigen daraus. Im Erdgeschoss hatten die Krämer ihre Läden. Oben drüber wohnten sie mit den Familien. „Die Räume sind winzig, aber unglaublich gemütlich“, weiß Uta Reber. Zwei Zimmerchen im Dachgeschoss dienten ihr vor vielen Jahren als Studentenwohnung. „Zu den Partys passten trotzdem unglaublich viele Leute hinein“, erinnert sie sich schmunzelnd. Auch das allmorgendliche Gebrabbel der Touristengruppen klinge ihr noch lebhaft in den Ohren.


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Der Mikrokosmos dieses ganz speziellen Teils der Stadt galt schon vor Jahrhunderten als Besonderheit. Die ergab sich aus dem Bauwerk selbst, doch gleichfalls aus dem Hauch von großer, weiter Welt, der durch die nur fünfeinhalb Meter breite Brückengasse wehte. Hier sah und hörte, roch und schmeckte man nicht nur unbekannte feine wie auch merkwürdige neue Dinge. Hier traf man selbst auch Menschen aus aller Herren Länder. Der Grund: Die Krämerbrücke lag auf der berühmten Via Regia – Pilgerweg und Handelsroute zwischen West und Ost. Wer etwa von Paris nach Moskau oder Kiew reiste, musste dieses Nadelöhr passieren.

Längst ist die Krämerbrücke für den Normalverkehr gesperrt. Wer sie betritt, spürt sofort die angenehm entspannte Atmosphäre hier. Wie von selbst passt man sich an und genießt das Schlendern übers Kopfsteinpflaster – von Haus zu Haus, von einem Krämerladen und Café zum nächsten. Außer den liebevoll sanierten Bauten selbst gibt es jede Menge zu bestaunen und entdecken.

Puppen, Schokolade, Textilien

Ganz gleich, ob Kunst und Kunsthandwerk, Bücher, Spielzeug oder regionale Lebensmittel: Kaum etwas von dem, was hier gehandelt wird, ist anderswo zu finden. Manches, wie die wunderbaren Theaterpuppen von Martin Gobsch oder die einzigartige Goldhelm-Schokolade mit handgeschriebenen und -gezeichneten Etiketten, wird sogar direkt auf der Brücke hergestellt.

Dazu zählen gleichfalls die textilen Kostbarkeiten von Erfurter Blau. Diese kleine Manufaktur hat sich einer uralten Erfurter Tradition verschrieben: der Waid-Färberei. Die aus Westasien stammende Pflanze wurde auf den Feldern rund um Erfurt seit dem neunten Jahrhundert kultiviert, zum Textilfarbstoff Indigo verarbeitet und in alle Welt verkauft. Textilkünstlerin Rosanna Minelli hat das lange vergessene Handwerk zum Leben erweckt. Sie färbt nicht nur bezaubernde Schals und Tücher, Accessoires und Wohntextilien mit der selbst erzeugten Naturfarbe, sie baut den Waid dazu sogar auch selber an. 

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