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Yucatán: Im Reich des Bienengottes
Lifestyle 6 Min. 06.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Yucatán: Im Reich des Bienengottes

Die Kukulcán-Pyramide in Chichén Itzá ist noch gut erhalten. Im Inneren des 30 Meter hohen Baus befindet sich ein Bauwerk mit ähnlichem Grundriss.

Yucatán: Im Reich des Bienengottes

Die Kukulcán-Pyramide in Chichén Itzá ist noch gut erhalten. Im Inneren des 30 Meter hohen Baus befindet sich ein Bauwerk mit ähnlichem Grundriss.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 6 Min. 06.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Yucatán: Im Reich des Bienengottes

Ruinen imposanter Tempelstädte künden im Südosten Mexikos, auf der Halbinsel Yucatàn, von der einzigartigen Kultur der alten Mayas.

Von Carsten Heinke

Luís Fernández ist ein aufmerksamer Fahrer. „Ein wilder Truthahn“, kommentiert der 24-Jährige und bremst das Lastendreirad, auf dessen Schutzblech das Wort Taxi steht, und schiebt die gefakte Markensonnenbrille in sein rabenschwarzes Haar. Der junge Maya in Jeans und Sportshirt hat gemerkt, dass sich sein Fahrgast für den gar nicht scheuen Waldbewohner interessiert. Der große Hühnervogel mit gold-grün-blau metallisch glänzendem Gefieder und nacktem, blauem Hals schaut kurz in die Kamera und verschwindet wieder zwischen den gefleckten Stämmen hoher, alter Chacas.

Viele dieser Gummibäume wachsen in den Trockenwäldern Yucatáns. Wie ungeschützte Haut nach einem starken Sonnenbrand blättert ihre Borke ab. „Wir nennen sie Touristenbäume“, verrät Luís und grinst schadenfroh. Mit seinem dunklen Teint muss er sich nicht vor zu viel Sonne fürchten. Die meist lichtsensibleren Besucher Mexikos dagegen schon.

Reste einer Großstadt

Jetzt am Morgen ist es weder heiß noch voll in der Ruinenstadt Cobá. Bevor die Hitze und die Ausflugsbusse von den großen Küstenorten kommen, teilt man die alte Mayametropole nur mit wenigen. Merkwürdig eigentlich, dass man Plätze wie diese am liebsten allein und still genießen möchte – selbst, wenn es sich wie in diesem Fall um die Überbleibsel einer Großstadt handelt. Die 50 000 Menschen, die einst hier lebten, machten sicher mehr Lärm als die Touristen heute. Das war zwischen 600 und 900 nach Christus – in einer Zeit, als die meisten Städte in Europa noch gar nicht existierten.

Ein Mayakrieger als Fotomodell
Ein Mayakrieger als Fotomodell
Foto: Carsten Heinke

Als die Spanier 1519 kamen, um Yucatán für drei Jahrhunderte zu kolonialisieren, war Cobá bereits verlassen und vom Dschungel überwachsen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man es wieder. Vom Dickicht gut getarnt sind seine imposanten Bauten heute noch.

Im Taxi durch den Dschungel

Luís tritt in die Pedale. Das Fahrradtaxi rollt durch die Ruinenstadt im Wald. Immer wieder blitzen graue Wände ganz unterschiedlicher Steinstrukturen durch die Bäume: Tempel, Zeremonienplätze, Pyramiden – darunter endlich auch der „Große Hügel“: Nohoch Mul. Von dichtem Grün umgeben, kann ihn erst wirklich sehen, wer direkt davor steht. Wie ein riesengroßes greises Urzeitwesen, das kaum die eigene Körperlast noch tragen kann, schlummert der antike, 42 Meter hohe Steinberg vor sich hin. Hier und da ist er schon etwas krumm, die welke graue Haut zerfurcht von Narben, Falten, Rissen. Doch immer noch reckt er sich würdevoll zum Himmel, zu stolz, sich kampflos dem Verfall zu überlassen. Die Pyramide des Kukulcán in Chichén Itzá (30 Meter hoch) mag besser erhalten sein, die namenlose in Muyil (17 Meter) ruhiger und malerischer gelegen, doch diese ist die höchste weit und breit und eine der letzten, die man als Tourist besteigen darf.

„Grüß die Götter“, sagt Luís, der mit seinem Dreirad unten warten wird. Der steile Aufstieg über 120 teils hohe Stufen ist recht mühsam, doch das entsprach der Absicht der Erbauer. Diente der eigentliche Pyramidenkörper doch lediglich als Sockel für den klitzekleinen Tempel oben drauf. Er bot gerade so viel Platz, dass man darin jemanden feierlich enthaupten konnte. Kopf und Körper ließ man hinterher effektvoll die Pyramidenstufen runterrollen.

Die Ruinenstätte Muyil liegt auf der Ostseite Yucatáns.
Die Ruinenstätte Muyil liegt auf der Ostseite Yucatáns.
Foto: Carsten Heinke

Um dem Menschenopfer seine Fahrt ins Jenseits zu versüßen, betäubte man es vorsorglich mit Honigmet. Die Priester schmierten sich – wie offenbar bei allen Ritualen – den Honig selbst ums Maul, und sogar wörtlich. Bei großen Festen aß man kleine Götter, geknetet und gebacken aus Maismehl, Wasser, Honig. Das wohlschmeckende und heilungskräftige Lebensmittel war so wichtig für die alten Mayas, dass sie es über alles stellten. Ihr Wort dafür war „kaab“. Und das bedeutet sowohl Honig als auch Biene als auch Welt.

Der Weltenschöpfer Ah Muken Kaab, dem der Pyramidentempel geweiht wurde, taucht an dessen Fassade gleich zweimal als Relief auf. Dargestellt ist er – genauso wie an „seinem“ Tempel in Tulum – mit dem Kopf nach unten als „Herabstürzender Gott“ mit Insektenflügeln, denn er gilt zugleich als Herr des Honigs und der stachellosen Bienen.


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Auf Spurensuche im Dschungel
Im Südwesten Mexikos lockt der Urwald Lacandón mit den Hinterlassenschaften der Maya inmitten des Lebensraumes von Brüllaffen, Papageien und Ozelots.

„Sie konnten nicht stechen, aber beißen“, weiß Luís über die zwei kleinen einheimischen Arten, die seine fernen Vorfahren in ausgehöhlten, mit flachen Steinen verschlossenen Baumstammstücken hielten, um Honig zu gewinnen. „Später übernahmen wir von den Spaniern die europäischen Methoden und auch ihre Bienen“, erzählt der junge Maya, dessen Vater Imker ist. Wie die meisten hier lebt seine elfköpfige Familie sowohl vom Tourismus als auch von Imkerei und Landwirtschaft.

Alle Veränderungen überdauert hat die einzigartige Qualität des Yucatán-Honigs. Sein kräftiges Aroma wird im Frühjahr von Goldaugen (kleinen Sonnenblumen-Verwandten), später von dem nach Flieder duftenden Ts’ its‘ ilche‘-Strauch dominiert. Insgesamt ist es ein Blütennektar-Mix von rund 800 Pflanzenarten. „Das schmeckt man“, versichert Luís und bietet eine Probe an, die überzeugt. Wieder hat er einen Taxigast als Honigkunden gewonnen. 


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