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Wo die Bäume Pelz tragen
Lifestyle 3 Min. 26.01.2019 Aus unserem online-Archiv

Wo die Bäume Pelz tragen

Gäste aus Mitteleuropa können im Garajonay-Nationalpark auf La Gomera auch im Winter die volle Pracht der Natur erleben.

Wo die Bäume Pelz tragen

Gäste aus Mitteleuropa können im Garajonay-Nationalpark auf La Gomera auch im Winter die volle Pracht der Natur erleben.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 3 Min. 26.01.2019 Aus unserem online-Archiv

Wo die Bäume Pelz tragen

Belaubte Wälder, Wärme, Licht und blauer Himmel sind auf der Kanareninsel La Gomera das ganze Jahr über gang und gäbe. Ein Schlaraffenland auf dem immergrünen Eiland im Atlantik ist der geheimnisvolle Lorbeerwald von Garajonay.

von Carsten Heinke

Wie durch ein unsichtbares Tor betritt der Wanderer das Reich der Hexenbäume. Sonnenschein und Vogelstimmen bleiben hinter ihm. Die Nebelwand, die jeden Laut zu schlucken scheint, umschließt ihn ebenso wie das Gewirr der schiefen, knorrigen und krummen Stämme, Äste, Zweige und Wurzeln. Die meisten sind so dicht von Moos und Flechten überwuchert, dass man meinen könnte, es sei Fell. Dazwischen schießen braune, gelbe oder weiße Pilze wie Beulen aus dem Pflanzenpelz.

Wo kein Platz mehr auf dem Holz ist, wachsen lange, wilde Zotteln – grün bis silberweiß und manchmal meterlang – nach unten. Vom Boden strecken sich zerzauste Büsche und hoher Farn entgegen. Gänsedisteln geben sich mit kräftigen, holzigen Stängeln als kleine Bäume aus. Ihre sonnengelben Blüten und leuchtend grünen Blätter, die an Löwenzahn erinnern, sorgen für farbenfrohe Tupfer in der nebligen Düsternis. Doch selbst dort, wo keine Blumen blühen, zieht die schaurig-schöne Wildnis den Betrachter tief in ihren Bann.

Heimat vieler Lorbeergewächse

Die kühle Luft ist voller winzig kleiner Wasserperlen, duftet nach Erde, feuchtem Laub und Lorbeerbäumen. Das Biotop, das sie hier im Herzen La Gomeras bilden, ist weltweit das bedeutendste seiner Art. Mit Echtem Lorbeer, allgemein bekannt als Ingredienz für Suppen oder Siegerkränze, sind diese aromatischen Pflanzen jedoch nur verwandt. In tiefen Zügen atmen die Wanderer den herben Duft. Die alten Griechen glaubten, er könne Tote zum Leben erwecken.

Lorbeerwälder bedeckten früher weite Teile des europäischen Kontinents. Von der Eiszeit, die sie vernichtete, blieben die Kanaren verschont. Sie waren nie mit dem Festland verbunden. Vier endemische Spezies aus der Familie der Lorbeergewächse, zu denen übrigens auch Zimt und Avocado gehören, existieren auf dem Archipel bis heute. Ihr Bestand auf La Gomera ist das Kernstück des Nationalparks Garajonay, der mit knapp 4 000 Hektar Teile aller sechs Gemeinden und insgesamt ein Zehntel der Inseloberfläche einnimmt.

Blick vom Mirador de Abrante auf den Atlantik und den Vulkan Teide auf Teneriffa. Dieser Aussichtspunkt befindet sich ganz in der Nähe vom Besucherzentrum des Nationalparks Garajonay.
Blick vom Mirador de Abrante auf den Atlantik und den Vulkan Teide auf Teneriffa. Dieser Aussichtspunkt befindet sich ganz in der Nähe vom Besucherzentrum des Nationalparks Garajonay.
Foto: Carsten Heinke

Der Ozean liegt nun dem Wanderer zu Füßen, fast einen Kilometer unter ihm. 500 Meter weiter oben erwartet ihn der höchste Punkt der Insel: der Pico de Garajonay. Immer wieder gibt der Wald den Blick frei auf den blauen Horizont, eingerahmt von Bergen. Zwischen ihnen viele tiefe Schluchten. Um sich über sie hinweg verständigen zu können, schufen die Ureinwohner La Gomeras die weit hörbare Pfeifsprache Silbo. Heute wird sie sogar an den Schulen der Insel gelehrt.

Immergrünes Paradies

Die Aussicht ist gigantisch. Wer hier steht, fühlt sich wahrhaftig wie im Himmel – und scheint tatsächlich dort zu sein. Denn inzwischen führt der Weg durch Wolken. Dort, wo sie an den steilen Inselflanken hängen bleiben, recken ihnen die ewig durstigen Lorbeerbäume ihre haarigen Glieder entgegen, um sie damit förmlich leer zu melken. Viele kleine Quellen, die man passiert, vom Weg aus sieht oder auch nur plätschern hört, sorgen für den Abfluss all des Wassers, das der Wald nicht aufnehmen kann.

Je weiter der Pfad nach oben führt, um so trockener wird alles. Die Wolken sind wie weggeleckt, die Sonne scheint. Die Vögel zwitschern wieder. Wie auch in den Höhenlagen bis 500 Meter, wo Wacholder und Kanarenpalme gedeihen, fehlt es hier an lebensspendender Feuchtigkeit. Die Flora passt sich an. Immergrüne Gagelbäume und Riesen-Erika gesellen sich zu dem robusten Artenmix, wo der Lorbeerwald ganz allmählich zum Baumheide-Buschwald wird.

Der Legende nach fand in diesem Wunderland eine Liebesgeschichte ihr tragisches Ende. Weil die Verbindung zwischen der Guanchen-Prinzessin Gara und dem Bauernsohn Jonay aus Teneriffa nicht geduldet wurde, floh das unglückliche Paar in La Gomeras Wolkenwald und ging gemeinsam in den Tod. Der Geist ihrer Liebe soll bis heute in den Bäumen wohnen. Berg und Nationalpark tragen ihre Namen.


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