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Wie sich ein niederländischer Landstrich neu erfindet

Wie sich ein niederländischer Landstrich neu erfindet

Wie sich ein niederländischer Landstrich neu erfindet
West Zeeuws Vlaanderen

Wie sich ein niederländischer Landstrich neu erfindet


von Steve REMESCH/ 15.11.2022

Endlose Strandspaziergänge in geschützter Natur und vor beeindruckender Kulisse bietet West Zeeuws Vlaanderen, knapp dreieinhalb Autostunden von Luxemburg entfernt.Fotos: Steve Remesch

West Zeeuws Vlaanderen, nördlich von Knokke und südlich der Schelde, setzt auf zeitgemäßen Tourismus.

Der November ist da und lässt den Alltag wieder düster erscheinen. Das macht den Gedanken an eine kleine Flucht sehr verlockend – und vielleicht etwas Lust auf Meer. Wem die belgische Küste zu verbaut ist, der sollte einen schmalen Landstrich gleich nördlich von Belgien und diesseits der Schelde in Betracht ziehen: West Zeeuws Vlaanderen

Tourismusberaterin Kristien Basting empfiehlt die niederländischste Weise Urlaub zu machen: auf einem Campingplatz.
Tourismusberaterin Kristien Basting empfiehlt die niederländischste Weise Urlaub zu machen: auf einem Campingplatz.

Weitgehend naturbelassene Strände, großflächige Naturschutzgebiete und vor allem – außer vielleicht in Cadzand-Bad, wo sich ohnehin für manche bereits zu viele Luxemburger tummeln – keine Wohntürme und kein Massentourismus. Für viele Ortskundige ist Zeeländisch Flandern dann auch der schönere Teil der Nordseeküste.

Das sagt auch Tourismusexpertin Kristien Basting, die selbst aus der Nähe von Groede stammt. Und sie empfiehlt die niederländischste aller Urlaubsarten. „Das hat heutzutage nur noch sehr wenig mit dem zu tun, was man früher einmal unter Campingurlaub verstanden hat“, unterstreicht sie. „Heute sind Wellness-Chalets, das Maß der Dinge und das ist weitaus mehr als nur Glamping.“ 

Urlaub auf Niederländisch

Solche Chalets gibt es etwa auf dem Campingplatz Zonneweelde in Nieuwvliet, mitsamt Terrasse, großräumigem Wohnbereich mit offener Küchenzeile, drei Schlafzimmern, geräumiger Toilette, italienischem Badezimmer und – auch das ist wichtig – etwas Abstand zum Nachbarn.   

Deren Bezeichnungen richten sich nach der Ausstattung vom Comfort Chalet zum Luxe Chalet, über die Duin Lodge hin zum Beachloft – dessen Wellness-Option mit einer eigenen, privaten Sauna daherkommt. Und wer sich von einer längeren Vorbuchungszeit nicht abschrecken lässt, der könnte auch an einem der exklusiven Strandslaaphuisjes Gefallen finden, die, wie ihr Name es verrät, direkt am Meer stehen. 

Strände mit monumentaler Kulisse

Die Sandstrände sind für Zeeland-Urlauber ohnehin einer der wichtigsten Anziehungspunkte. Die rund 13 Kilometer Strand zwischen Cadzand-Bad und dem Hafen von Breskens laden dann auch in Herbst und Winter zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Und das stets vor der beeindruckenden Kulisse der Ozeanriesen, die den Antwerpener Hafen anlaufen und dabei knapp hundert Meter vor der Küste entlangziehen. 

Eine Besonderheit der niederländischen Küste kommt dabei sehr zupass: die Strandpaviljoens, Restaurants am Strand, windgeschützt und mit bester Aussicht. Und, wie bei den Camping-Plätzen, hat sich hier in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Weg von Bierbuden mit fettigen Garnelenkroketten und matschigen Pommes frites wurde sich hier zu modernen Gastronomiekonzepten hin orientiert. 

17 Strandpavillons auf 13 Kilometern

„Wir setzen so weit wie nur möglich auf lokale Erzeugnisse und das sehen die Gäste dann auch auf dem Teller und es gefällt ihnen“, erklärt Frank de Reu, der diese Entwicklung mit seinem Strandpaviljoen „Puur“ in Groede, der jüngst nach einem Großbrand neu aufgebaut wurde, maßgeblich vorangetrieben hatte. Und das Lokalkolorit mache den Unterschied: „Dieser Teil der Niederlande ist von den restlichen Niederlanden nur über den Wasserweg zu erreichen. Unser Hinterland ist Flandern und dort legen die Menschen größten Wert auf gutes Essen. Wir zahlen zwar Steuern an die Niederlande, haben aber die Lebensqualität von den Belgiern gelernt.“ 

„Mit der Zeit zu gehen und uns gleichzeitig gemeinsam vom Rest abzuheben, stärkt uns alle“, meint auch Wilco van Hommelen, der Betreiber der „Zeemeeuw“ in Cadzand-Bad. Beim Neubau seines Pavillons hat er voll auf Nachhaltigkeit gesetzt. Nach dem Upcycling-Prinzip wurde viel Altes wiederverwendet und die Küche befindet sich beispielsweise in umgestalteten, ausgedienten Schiffscontainern. Und der Nachhaltigkeitsgedanke spiegelt sich auch auf dem Teller wider. 

Der Trend zur Erneuerung habe sich inzwischen in allen 17 Strandrestaurants durchgesetzt. Marcels Geheimtipp: Ende August gibt es eine Strandwanderung von Retranchement nach Breskens, die an allen Pavillons vorbeiführt. Überall einkehren könne man zwar wohl tun, aber dann falle vielleicht gegen Ende das Geradeauslaufen im Sand nicht mehr ganz so leicht. 

Der einzige Belfried aus den Niederlanden

Dabei kann Trunkenheit schon mal ganze Städte retten, wie die Geschichte von Flämisch Zeeland beweist. 1606 wollten spanische Truppen die Stadt Sluis einnehmen. Ein Verräter, Jantje van Sluis, sollte aus der Stadt heraus das Startsignal geben, indem er die Glocken läutete. Doch „Staatse Jantje“ hatte zu tief ins Glas geschaut und verschlief den entscheidenden Moment. Sluis konnte sich durch den Zeitgewinn mobilisieren und den Angriff abwehren. Jantje kam ungewollt zu Heldenehren. Diese und noch viele andere Geschichten gibt es im zeitgemäß geführten Stadtmuseum „Het Belfort“ zu entdecken. Und das ist im einzigen Belfried der Niederlande untergebracht.  

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht allerdings nicht Jantje, sondern „De Dikke“. Und der Dicke ist Johan Hendrik van Dale, ein Stadtarchivar, der als Verfasser des „Großen Wörterbuchs der niederländischen Sprache“ in die Geschichte einging. Von der Spitze des Belfrieds, zu der eine enge Wendeltreppe führt, gibt es dann auch aus 32 Metern Höhe einen einzigartigen Blick auf die ausgedehnte Einkaufsmeile der 23.000-Einwohner-Stadt. 

Neben vielen Restaurants im Stadtkreis sticht wenige Minuten außerhalb „De Schaapskooi“ hervor. Das Gebäude aus dem Jahr 1643 war einst ein Schafstall, dann ein landwirtschaftliches Museum mit Gaststätte. Der Sohn der Museumsbetreiber hat daraus gemeinsam mit seiner Frau seit 1995 eine Institution für traditionelle flämische Landküche gemacht. 

„Wenn wir ein Fleischgericht servieren, dann muss das Fleisch im Mittelpunkt stehen“, erzählt Betreiberin Corinne de Rijcke. „Gutes Essen ist etwas Wertvolles und es verdient es, dass gut damit umgegangen wird. Dazu gehört auch das geschmackliche Gleichgewicht der Beilagen auf dem Teller“, unterstreicht sie. Keine Experimente, kein Schnickschnack, aber viel Herzblut und quer durch die Karte eine saisonale Küche, erklärt sie.  

Junge Wilde in der Küche

Ins komplette Gegenteil verfällt ein anderes Paar, das sich erst im vergangenen April in Breskens den Traum vom eigenen Restaurant verwirklicht hat. Gastronomisch gelten Richard und Gerlinde Vergouwen mit ihrem Restaurant „Gerrie's“ als die jungen Wilden von Zeeuws Vlaanderen.  

„Ich habe mir ein Ziel gesetzt, und das ist, die Dinge anders zu machen als die Anderen“, so die resolute Ansage von Koch Richard. „Ich entspreche nicht dem Standard und meine Küche auch nicht“, bekräftigt er. Konkret: „Ich versuche, klassischen zeeländischen Gerichten einen neuen Twist zu verleihen, indem ich sie beispielsweise mit Einflüssen aus Japan, Korea oder auch von den Balearen verbinde.“     

Nichts ist niederländischer als Radfahren

West Zeeuws Vlaanderen erkundet man am besten ebenfalls auf niederländische Art: mit dem Fahrrad, und auch hier hat sich viel getan. Moderne, leichte E-Bikes haben das schwere Hollandrad abgelöst. Wer es trotzdem klassischer haben will, findet bei Rent&Joy in Nieuwvliet auch ein Kultobjekt aus längst vergangenen Tagen: das Vélosolex, ein Mofa mit Vorderradantrieb, nun in einer E-Version. 

Das Besondere bei Touren ins Hinterland: Sie ermöglichen es, in längst vergangene Tage einzutauchen. Denn abseits der Hauptverkehrsachsen sind teils ganze Straßenzüge authentisch und geschichtsträchtig erhalten. Sint Anna ter Muiden, ein kleiner Grenzort zu Belgien, steht beispielsweise bereits seit 1967 unter Denkmalschutz, sodass der ganze Ort heute an ein Filmset erinnert.

Dörfer aus einer anderen Zeit entdecken

Im Nachbarort Retranchement kann man dann auch etwa Bram Vooght zusehen, wie er die historische Mühle mit viel Liebe bedient und instand hält. Diese stammt aus dem Jahr 1643 und ist heute noch originalgetreu erhalten. Bram ist inzwischen 69 Jahre alt und 2023 werden es 40 Jahre sein, dass er hier Körner mahlt und die Erzeugnisse gleich nebenan, auf seinem Hof, verkauft. 

Zu ausführlichen Wander- und Entdeckungstouren laden indes drei großflächige Naturschutzgebiete ein: Het Zwin, zwischen Knokke und Cadzand, Verdronken Zwarte Polder bei Nieuwvliet-Bad und die Waterdunen vor Breskens. Letztgenanntes ist ein neues Vogelschutzgebiet, das auf einem ehemaligen Ackerland und einem Campingplatz geschaffen wurde und durch das nicht nur mehrere Wanderrouten führen, sondern in dem auch modernste Beobachtungsanlagen eingerichtet wurden. Diese erlauben es, Seevögel aus nächster Nähe zu beobachten, ohne sie dabei zu stören. 

Hoch technisierter Naturschutz

Guide Kees van Oosten, über 70 und stets barfuß unterwegs, gerät sofort ins Schwärmen: „Dass das Gebiet von den Vögeln so gut angenommen werden würde, hatten wir uns nicht erträumt“, meint er. „Im Frühjahr gibt es hier ganze Schwärme, was sage ich, ganz Wolken von Löfflern zu sehen, die immer wieder auf- und absteigen.“ Wie die anderen Guides von Het Zeeuwse Landschaft und vom Gidsenteam Zeeuwsch Vlaanderen kennt er jede der Vogelarten und endlos viele Geschichten dazu. 

Das 350 Hektar umfassende Naturschutzgebiet steht an der Spitze des Fortschritts. So steuert Technologie etwa, wie Meerwasser bei Flut in das Gebiet einströmt und bei Ebbe wieder abfließt. Im Küstenlaboratorium wird indes experimentiert – derzeit etwa an nachhaltigeren Methoden der Austernzüchtung und an ganz besonderen Kartoffeln. „Dem Anschein nach ein kleineres Projekt“, meint Kees. „Aber wenn es gelingt, Kartoffeln in Salzwasser zu züchten, dann kann man sich ausmalen, was das für den Kampf gegen den Welthunger bedeuten könnte.“

In West Zeeuws Vlaanderen tut sich demnach was. Und Luxemburger sind dort, wie man überall hört, sehr gerne gesehen. Dass fast überall an der Küste nahezu jedermann Deutsch spricht, vereinfacht Austausch und Kommunikation natürlich ungemein. 

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