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Vorstoß in ein unbekanntes Gebiet
Lifestyle 7 Min. 19.08.2021
Westerwald

Vorstoß in ein unbekanntes Gebiet

Das Kloster Marienstatt stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Westerwald

Vorstoß in ein unbekanntes Gebiet

Das Kloster Marienstatt stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Foto: Frank Weyrich
Lifestyle 7 Min. 19.08.2021
Westerwald

Vorstoß in ein unbekanntes Gebiet

Ein Besuch bei den Wällern im Westerwald - unweit von Luxemburg - lohnt sich nicht nur für Naturliebhaber.

Von Frank Weyrich

Gut zwei Autostunden östlich von Luxemburg liegt eine deutsche Gegend, die wohl die wenigsten Leute hierzulande bereits bereist haben. Der Westerwald gehört sicherlich zu den Geheimtipps, die es aber durchaus der Mühe wert sind, entdeckt zu werden. Wir starten unseren Besuch im Städtchen Hachenburg, das gerne als Zentrum des Westerwalds angesehen wird. Gleich zu Beginn warten einige faustdicke Überraschungen auf Besucher: Normalerweise gibt es in Deutschland keine Verständigungsprobleme, doch die ersten Worte der Begrüßung lassen dann doch einen leisen Zweifel aufkommen: „Hui! Wäller?“ Wie wir später erfahren, soll die lokale Antwort auf diese Frage aus einem bejahenden „Allemol!“ bestehen, was zunächst auch nicht weiterhilft. Des Rätsels Lösung kommen wir näher, wenn wir wissen, dass im lokalen Dialekt die Einwohner, also die Westerwälder, als „Wäller“ bezeichnet werden. Was es damit genau auf sich hat, erfahren wir zum Schluss unseres Rundgangs.

Der "Alte Markt" ist die gute Stube von Hachenburg.
Der "Alte Markt" ist die gute Stube von Hachenburg.
Foto: Frank Weyrich

Als dann auf der Speisekarte in der Gaststätte das Tagesmenü den Titel „Heute Ischel“ trägt, schwirren einem doch gewisse Fragezeichen durch den Kopf. Doch auch dazu gibt es eine Erklärung, die einige Jahrhunderte zurückliegt, wie Stadtführer Norbert Bahlcke weiß: „Am Anfang des 17. Jahrhunderts herrschte eine so große Hungersnot, dass man sogar darauf angewiesen war, Igel als Nahrung zu sich zu nehmen.“ Nach Hachenburger Mundart sind Igel eben „Ischel“. Nun braucht man sich aber keine Sorgen zu machen, dass die Stacheltiere heute auch noch auf dem Speiseplan stehen. Die heutigen Ischel sind Hackfleischbällchen mit einer Zwiebelsoße.

Alter Markt und Schloss

Die lokale Spezialität lässt sich vortrefflich auf einer Terrasse rund um den „Alten Markt“ entdecken. Der Platz mitten in der Stadt ist umsäumt von Fachwerkhäusern sowie gleich zwei Kirchen und ist die gute Stube der Stadt. Gleich oberhalb befindet sich der Stolz von Hachenburg: Das Schloss geht auf eine Burg aus dem 12. Jahrhundert zurück. Während vieler Jahre war sie der Sitz der Grafen von Sayn.

Am Anfang des 17. Jahrhunderts herrschte eine so große Hungersnot, dass man sogar darauf angewiesen war, Igel als Nahrung zu sich zu nehmen.

Stadtführer Norbert Bahlcke

Durch einen Großbrand kamen 1654 nicht nur die Stadt selbst, sondern auch Teile der Burg zu Schaden. Mit dem Wiederaufbau wurden dann die Grundzüge gelegt für das Schloss, wie man es heute kennt. Nach einer wechselvollen Geschichte, bei der teilweise historische Substanz vernichtet wurde, stand die Zukunft des Schlosses Mitte der 1970er-Jahre auf der Kippe. Das Schicksal hat es jedoch gut mit dem stattlichen Bau gemeint. Spätestens seit sich 1980 in den altehrwürdigen Mauern die Hochschule der Deutschen Bundesbank niedergelassen hat, kehrte wieder Leben in die historischen Bauten ein. Heute werden dort zukünftige Beamte des gehobenen Dienstes ausgebildet, die eine Laufbahn bei der Bundesbank anstreben. Auf der anderen Seite des Schlosses schließt sich ein Park an, der aber nicht – wie man erwarten könnte – Schlosspark genannt wird, sondern Burggarten.

Das Landschaftsmuseum zeigt auf kurzweilige Weise die Lebensbedingungen aus vergangenen Zeiten. Sein Leiter, Moritz Jungbluth kann dabei mit mehr als einer Anekdote aufwarten.

Mundart für Fremde

So kommen wir auch der Aufklärung des „Hui! Wäller?“ näher. Historisch gesehen war der Westerwald nie ein zusammenhängendes Gebiet. Auch heute noch befindet sich der überwiegende Teil in Rheinland-Pfalz, doch Teile davon gehören zu Hessen oder zu Nordrhein-Westfalen. 1913 hat der damalige Westerwald-Club ein Preisausschreiben organisiert, um die Zusammengehörigkeit in dem Gebiet zu fördern. Der Gewinner war ein Heimatdichter, der einen Vers aus einem seiner Gedichte vorschlug: „Das Hui hat mich der Sturmwind gelehrt, wenn wild er über die Heide fährt, und Wäller wir ja allemol sind, wir trotzen dem Regen, dem Schnee und dem Wind.“ Daraus wurde dann die Kurzform, die sich seither als Grußformel in der Gegend durchgesetzt hat.

Zu der Westerwälder Seenplatte gehören sieben Seen, die allerdings allesamt als Weiher benannt sind. Sogar der größte mit seinen 123 Hektar wird als Dreifelder Weiher bezeichnet. Die Gewässer befinden sich seit zwei Jahren im Besitz des Naturschutzbundes und sind somit auch als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Manche sind aufgestaut, teilweise sogar ursprünglich als Regenrückhaltebecken.

Der Wiesensee eignet sich besonders zur Erholung.
Der Wiesensee eignet sich besonders zur Erholung.
Foto: Frank Weyrich

Wer die Gegend durchfährt, wird auch außerhalb dieses Gebietes unzählige mehr oder weniger große Weiher entdecken. Den äußersten Zipfel bildet in der Reihe an der Grenze zu Hessen die Wasserfläche der Krombachtalsperre. Der Wiesensee seinerseits gehört zwar nicht zur Seenplatte, bietet aber für Erholungssuchende eine geruhsame Umgebung. Der See ist prinzipiell auch für Windsurfer und Segler geeignet, hat aber seit Jahren durch die zunehmende Verlandung mit vermehrtem Algenbewuchs zu kämpfen. Bereits vor 15 Jahren war man sich einig, den See zu entschlammen, auch die Finanzierung der Arbeiten steht seit 2014 fest, geschehen ist aber nach wie vor nichts.

Stätte Marias

Angesichts der zahlreichen Seen wird es wohl nicht überraschen, dass sich der Westerwald hervorragend eignet, um mit dem Fahrrad erkundet zu werden, besonders, da er über gut ausgebaute Fahrradwege verfügt. Ein dichtes Wanderwegenetz erlaubt es auch, die Gegend auf Schusters Rappen zu durchkreuzen.

Die Schlucht, durch die sich der Fluss seinen Weg bahnt, wird als „Weltende“ bezeichnet.

Das architektonische Juwel ist unbestreitbar die Abtei Marienstatt, einen Katzensprung von Hachenburg entfernt. Im bewaldeten Tal des Flusses Nister wurde im 13. Jahrhundert mit dem Bau der Basilika begonnen. Heute ist sie das Herzstück des gleichnamigen Klosters, das von der Gemeinschaft der Zisterziensermönche betrieben wird. Der Name geht auf die ursprüngliche Bezeichnung „Stätte Marias“ zurück.

Die Basilika und der Barockgarten können besichtigt werden.
Die Basilika und der Barockgarten können besichtigt werden.
Foto: Frank Weyrich

Wie es zu dem Namen kam weiß Frater Gregor Brandt zu erzählen: „Die Legende besagt, dass die Gottesmutter Maria dem Abt Hermann erschienen sei und ihn auf einen mitten im Winter blühenden Weißdornstrauch als neuen Klosterstandort hingewiesen habe.“ Deshalb ziert auch heute noch ein blühender Weißdornstrauch das Wappen der Abtei.

Entspannung im Kräutergarten

Ein rekonstruierter Barockgarten mitsamt Kräutergarten lädt dazu ein, sich in der harmonischen Umgebung zu erholen und die Sicht auf die Abtei zu genießen. Obwohl das eigentliche Kloster aus dem Jahr 1747 stammt, wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts die sehenswerte Bibliothek angebaut. Im Kloster selbst können interessierte Gäste übernachten und die Stille genießen.

Feinste Spirituosen bietet die Birkenhof Brennerei.
Feinste Spirituosen bietet die Birkenhof Brennerei.
Foto: Frank Weyrich

Dann wäre auch die sogenannte „Kroppacher Schweiz“ zu erwähnen. Flussabwärts von der Abtei Marienstatt der Nister folgend beginnt das eingeschnittene Tal, das den Namen der Alpenrepublik ausgeliehen hat. An seinem unteren Teil kommt man zu einem bemerkenswerten Ort. Die Schlucht, durch die sich der Fluss seinen Weg bahnt, wird als „Weltende“ bezeichnet. Nur wer sich in unwegsamem Gelände sicher fühlt und entsprechend ausgerüstet ist, soll sich auf den Weg hierher machen. Aus eigener Erfahrung bleibt zu sagen, dass es bei einem heftigen Gewitter nicht nur aussieht wie das Ende der Welt, sondern zusätzlich auch noch nach Weltuntergang.


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Der Ort Nistertal liegt, wie der Name es schon sagt, ebenfalls im Tal der Nister, nur diesmal flussaufwärts der Abtei. Die dortige Brennerei Birkenhof wird von der Familie Klöckner geführt und besticht durch ihre hochwertigen Spirituosen. Der Tag unseres Besuchs war für das Unternehmen ein ganz besonderer Tag, wie Geschäftsführerin Steffi Klöckner voller Begeisterung erläutert: „Morgen ist für unseren Sohn offiziell der erste Arbeitstag im Betrieb. Damit geht die Brennerei dann in die achte Generation.“ In den Korn- und Obstbrennereien werden sowohl klassische Schnäpse zubereitet als auch trendige Getränke. Genau das Richtige als Mitbringsel für die Daheimgebliebenen in Luxemburg.

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