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Wenn der Faden reißt
Ein plötzlicher Kontaktabbruch erscheint manchen Menschen als einziger Ausweg, während Bekannte ratlos zurückbleiben.

Wenn der Faden reißt

Foto: Getty Images
Ein plötzlicher Kontaktabbruch erscheint manchen Menschen als einziger Ausweg, während Bekannte ratlos zurückbleiben.
Lifestyle 6 Min. 03.01.2019

Wenn der Faden reißt

Manchmal beenden Menschen scheinbar völlig unvermittelt die Beziehung zu denen, die ihnen am nächsten sind. Solch ein Kontaktabbruch ist mit tiefen Verletzungen verbunden – auf beiden Seiten.

von Christoph Weymann

„Selten“, schreibt die Journalistin Tina Soliman, die sich in mehreren Dokumentarfilmen und Büchern mit dem Phänomen Kontaktabbruch auseinandersetzte, nachdem sie sich unter anderem mit Themen wie schweren Krankheiten, Suizid oder Krieg beschäftigt hatte, selten habe sie „eine solche Fassungslosigkeit erlebt wie bei Menschen, die plötzlich und ohne Erklärung von jemandem verlassen wurden, der ihnen nahestand.“ Jemanden anzuschweigen, sei im Zwischenmenschlichen die größte Strafe überhaupt, sagte eine junge Frau, wütend über das Verschwinden ihrer Tante, zu Soliman: „Einfach nicht zu sagen, was los ist und abzuhauen!“

Wohl in den meisten Fällen, wenn sich jemand auf diese Weise radikal von seiner Umgebung trennt, wird den Zurückbleibenden ein Stück weit der Boden unter den Füßen weggezogen. „Viele Fragezeichen, Sorgen, Tränen, brennende Herzschmerzen. Vor allem unsere Mutter leidet und ich glaube, dass auch ihre gesundheitlichen Probleme damit in Zusammenhang stehen“, berichtet die fünfzigjährige Controllerin Viviane* über die Folgen des Kontaktabbruchs ihres Bruders. Belastend wirkt ein solcher Abschied vor allem, weil es schwerfällt, mit der Trennung seinen Frieden zu machen, wenn die Gründe unklar sind.

Man denkt, es bringt Ruhe

Die amerikanische Psychologin Pauline Boss hat im Hinblick auf Vermisste und andere Menschen mit unklarem Verbleib den Begriff des „uneindeutigen Verlusts“ entwickelt für Situationen, in denen die Trennung von verloren gegangenen Menschen nicht betrauert werden kann, weil ein Rest von Unklarheit und Hoffnung bleibt. „Was die Verlassenen einfordern, ist Plausibilität, also der Sinn hinter dem für sie unerklärlichen Verhalten“, schreibt Tina Soliman.

Beim Grübeln über den Anlass der schroffen Trennung stellt sich oft heraus, dass es doch eine Vorgeschichte gab. Ungeschickte Bemerkungen, kleine Sticheleien, Versäumnisse oder Zurückweisungen können heftiger wirken, als es der Betroffene zeigen will und kann. So kann im Nachhinein sichtbar werden, dass sich etwas angestaut hatte und vielleicht doch Warnsignale überhört wurden. „Ein Kontakt wird meistens aus einer Notsituation heraus abgebrochen“, betont die Berner Psychoanalytikerin und Autorin Katharina Ley. „Weil man so gekränkt, so verletzt ist, denkt man: ,Der Kontaktabbruch bringt mir Ruhe!‘ Aber das ist oft nicht der Fall. Es ist vielleicht vorübergehend eine gewisse Beruhigung.“

So könne das Beziehungsproblem im besten Fall verdrängt werden, sagt Ley, eine Lösung sei das aber nicht. „Das Grundproblem bleibt, denn durch die Funkstille ist nichts beendet, und beide, Abbrecher wie Verlassener, bleiben innerlich miteinander beschäftigt“, schreibt Tina Soliman, die sich anhand vieler Fallgeschichten mit den unterschiedlichen Motiven für einen Kontaktabbruch beschäftigt hat.

Die subjektiv als bedrängt empfundene Situation der Betroffenen stimmt dabei meist nicht mit der Wahrnehmung der verlassenen Angehörigen überein. Nachdem Vivianes Familie nie eine Erklärung bekommen hatte und sich auch noch um offene Rechnungen des verschwundenen Bruders kümmerte, erreichten sie lediglich Äußerungen über Dritte. „Daraus haben wir verblüfft festgestellt, dass er sich als Opfer fühlt“, sagt Viviane über den Bruder, der schon immer dazu geneigt habe, andere für sein Schicksal verantwortlich zu machen. Sie versteht ihn nicht, hofft aber, dass er in der heiteren Stimmung lebt, die der Familie früher zu eigen war.

Sprachlos vor dem Bruch

Ob jemand dazu tendiert, eine Beziehung abrupt abzubrechen oder im Gegenteil um fast jeden Preis daran festzuhalten, hänge weitgehend davon ab, wie Bindungserfahrungen in der Kindheit erlebt wurden, sagt Katharina Ley. „Unbewusst wiederholt man oft etwas, das man erlebt hat – wenn es nicht reflektiert werden konnte.“ Wenn in einer Familie die Worte fehlen, um Konflikte zu klären oder sich vernünftig zu trennen, kann diese Sprachlosigkeit über Generationen wiederholt zum schweigenden Bruch führen. Tina Soliman ist überzeugt, dass die Funkstille als „Lösungsmittel“ in Familien, in denen sie schon einmal praktiziert wurde, immer wieder auftaucht.

Wenn es zu einem Kontaktabbruch komme, sei das auch für die Weggehenden immer etwas Unglückliches, sagt Katharina Ley, weil sie sich selbst einen Teil ihrer Wurzeln abschneiden. „Es ist, wie wenn auf der Tafel etwas mit dem Schwamm gelöscht wird.“

Manchmal scheint gerade ein solch radikaler Schritt die einzige Möglichkeit zu sein, sich aus einer bedrückenden Situation zu befreien. Eva*, Mitte der 1960er-Jahre geboren, wuchs die ersten Jahre bei den Großeltern auf. Als die Eltern sie zu sich nehmen konnten, begann eine Leidenszeit bei einem jähzornigen, prügelnden Vater und einer Mutter, die ihre Kinder nicht beschützte, sondern sogar noch dafür sorgte, dass jene und nicht sie selbst die Wut des Mannes abbekamen. „Ich war durch diese Erziehung ein gebrochener Mensch“, sagt Eva heute. „Ich wusste nicht, was ich will. Ich wusste überhaupt nicht, wer ich bin. Die ganze Kindheit habe ich total verschreckt zugebracht. Ich habe kaum geredet – wirklich, ich war ein Nichts.“ Sie habe, sagt Eva, kein Gefühl dafür gehabt, wie es ist, Eltern zu haben. Vater und Mutter seien ihr ein Leben lang fremd geblieben.

„Sich selber lieb sein“

Während der Ausbildung gelang es Eva, sich ein eigenes Leben aufzubauen. „Es war lange Zeit so, dass ich gedacht habe, ich krieg' noch was von denen, also Zuwendung, Liebe, eine gewisse Anerkennung“, berichtet sie. Doch nachdem die Eltern ihre selbst eingerichtete Wohnung und ihre neue Frisur gesehen hatten und der Vater den ganzen Tag nur herumgebrüllt hatte, beschloss sie: „Das tu' ich mir nicht mehr an!“ Seit jenem Tag vor mehr als 20 Jahren hatte Eva praktisch keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern, nur mit Großmutter und Bruder blieb sie in Verbindung. Mit der Familie, die für sie nie eine richtige Familie war, hat sie radikal gebrochen und sogar ihren Nachnamen ändern lassen.

Auf Anraten einer Therapeutin formulierte sie später noch einmal ihre Gründe für den Abbruch in einem an die Eltern gerichteten Brief, den sie irgendwann tatsächlich abschickte, der aber unbeantwortet blieb. Die Eltern hätten dadurch zu Unrecht ihr ganzes Leben infrage gestellt gesehen, erfuhr sie später.

Eine Wiederannäherung ist dennoch in vielen Fällen möglich. Sie gelinge vor allem unter Geschwistern, die keinen Kontakt mehr haben, sagt Katharina Ley. „Man muss sich nicht neu verletzen, neu ärgern lassen, aber irgendwann gibt’s dann auch wieder eine Sehnsucht: Das ist doch eigentlich meine Schwester, das ist doch eigentlich mein Bruder! Ich habe viele Male erlebt, wie das wieder in Gang kommt.“ Viele Verlassene müssten, schon sich selber zuliebe, zumindest versucht haben, etwa mit einem Brief, den Kontakt wieder aufzunehmen, sagt Ley. Wenn das nicht gelinge, sei es aber besser, man verabschiede sich. „Man quält sich sonst nur – und wenn es halt kein Echo findet, muss man sich selber lieb sein!“

Viviane hat ihr eigenes Ritual gefunden, mit dem Verlust des Bruders umzugehen. Jedes Jahr schreibt sie ihm zum Geburtstag eine E-Mail mit einem Bericht über das, was in der Familie im letzten Jahr passiert ist. „Mehr fällt mir nicht mehr ein, nachdem wir über Psychologie, Astrologie und sonstigen Hokuspokus versucht haben, aktiv ins Thema einzusteigen – ohne den Akteur bleibt alles im Nebel. Nach großen Kraftanstrengungen kam ich zur Erkenntnis, dass mir nur bleibt, seine Entscheidung zu akzeptieren. Er hat diesen Teil seines Lebens beendet – wie gut, dass es nur das ist.“

* Namen von der Redaktion geändert


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