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Wenn aus Zähnen Zierde wird
Lifestyle 7 4 Min. 30.11.2019

Wenn aus Zähnen Zierde wird

Designerin Lucie Majerus hat eher unkonventionelles Material für ihre Schmuckstücke gewählt

Wenn aus Zähnen Zierde wird

Designerin Lucie Majerus hat eher unkonventionelles Material für ihre Schmuckstücke gewählt
Foto: Gerry Huberty
Lifestyle 7 4 Min. 30.11.2019

Wenn aus Zähnen Zierde wird

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Designerin Lucie Majerus aus Luxemburg macht individuellen Schmuck aus eher ungewöhnlichem Material.

Der Arbeitsplatz von Lucie Majerus (27) in einem freundlichen hellen Büro im Luxemburger Bahnhofsviertel hat Ähnlichkeit mit einer Werkbank. Die junge Frau sitzt an einem Schleifgerät. Das monotone Geräusch der Maschine erinnert an eine Zahnarztpraxis. Und tatsächlich ist der Vergleich gar nicht so abwegig, denn die Designerin schleift einen Zahn.

Seit etwa drei Jahren fertigt Lucie Schmuck aus menschlichen Zähnen an. Die Idee dazu kommt ihr während des Studiums an der Design Academy Eindhoven in den Niederlanden. Dort gibt es verschiedene Institute, die sich Themen wie „Der Mensch und seine Identität“, oder „Der Mensch und sein Wohlbefinden“ widmen. Lucie arbeitet im Bereich „Der Mensch und seine Freizeit“. „Es ist ein sehr konzeptueller Ansatz. Studenten können zu vorgegebenen Themen arbeiten, aber auch frei. Und da kommt man schon mal auf verrückte Ideen, weil man Dinge hinterfragen und aus einer anderen Perspektive betrachten kann“, erklärt die Luxemburgerin.

Zähne sind die neuen Perlen

Die Idee, mit Zähnen zu arbeiten kommt ihr 2012. Damals realisiert sie ein Projekt in dem es darum geht, welche Materialien es in Fülle gibt und welche nicht – zum Beispiel Elfenbein. „Ich wollte wissen, warum wir es so wertvoll finden“, erklärt Lucie. Für sie sei es absurd, dass Menschen sich immer bei Tieren bedienen. Dann verliert sie ihre Weisheitszähne – und das Thema für ihr Abschlussprojekt an der Design Academy ist geboren: „Human Ivory“. „Ich habe einfach gesagt, Zähne sind die neuen Perlen. Das war meine These. Und dann hab ich versucht, sie rund zu machen, aus den Schneidezähnen wurden Tropfen.“

Lucie selbst hat einen Ring aus ihren Weisheitszähnen gemacht.
Lucie selbst hat einen Ring aus ihren Weisheitszähnen gemacht.
Foto: Gerry Huberty

Seitdem kann jeder, der ein ganz individuelles Schmuckstück möchte, ein solches bei der Luxemburgerin bestellen. Die Kunden melden sich übers Internet und schicken ihr ein Foto der Zähne. Lucie stimmt mit ihnen ab, was möglich ist. Die Kollektion umfasst Ohrringe, Ringe, Manschettenknöpfe und Broschen. Aber auch Ketten oder einzelne Perlen kann die Designerin herstellen. „Es sollte nicht kitschig sein und so minimal wie möglich, so dass der Zahn im Vordergrund steht. Und dass es zeitlos ist, und nicht mit den Trends aus der Mode kommt. Perlen werden ja auch als Klassiker angesehen“, erklärt die junge Frau. 

Die Kunden schicken ihre Zähne per Post an Lucie und sie beginnt mit der Verarbeitung. Zuerst schneidet sie das Material mit einem Diamantschleifer zurecht, dann kommt der Schliff. „Das kühle ich mit Wasser. Man darf nicht zu viel schleifen und auch nicht zu schnell, sonst reißt der Zahn“, erklärt die Designerin. Nach und nach entsteht die Form einer Perle. Mit Filz und Polierpaste verwandelt Lucie den Zahn abschließend in ein Schmuckstück. Es fasziniert sie, dass der Glanz das Material aufwertet. Diese Wertschöpfung sei der Unterschied zu anderen Werkstoffen. „Ich kreiere Wert, wenn ich die Zähne verarbeite. Andere Materialien sind bereits an sich wertvoll.“

Ihre Kunden – bisher etwa 30 Personen – kommen aus verschiedenen Ländern, unter anderem aus dem Großherzogtum, der Schweiz, Deutschland, Schottland, den Niederlanden und den USA. Unter ihren Klienten sind neben ihrem Zahnarzt vor allem Freunde und Bekannte, aber auch Menschen aus dem kreativen Milieu.

Wer ein solches individuelles Schmuckstück erwerben will, braucht natürlich zunächst einen Zahn. Neben menschlichen Zähnen kann Lucie auch tierische verarbeiten. Je nach Beschaffenheit braucht sie für eine Perle etwa zwei bis drei Stunden. „Das hängt auch davon ab, ob ich noch etwas füllen muss, was dann erst aushärtet.“ Preislich liegen die Stücke zwischen 100 und 400 Euro, je nachdem, um wie viele Perlen es sich handelt. „Es soll kein Luxusprodukt sein. Alle Menschen haben Zähne. Was die Kollektion ausmacht, ist, dass jeder sich etwas daraus machen lassen kann.“

Natürlich fänden manche Menschen diese Art von Zahnschmuck auch schlicht eklig, es sei eben etwas sehr persönliches. Aber auch diese Reaktion sei interessant. „Ekel ist etwas, das im Kopf entsteht. Es ist ein Überlebensinstinkt. Das ganze Körperbild unserer Gesellschaft ist immer so perfekt, Zähne dürfen nicht gelb sein. Das hier ist ein bisschen der Gegenentwurf dazu.“

Zähne haben eine soziale Funktion

Auch wenn Zähne das Material sind, das sie zum arbeiten braucht, ist sie selbst froh, dass in ihrem Mund alles in Ordnung ist. Denn Zähne hätten auch eine soziale Funktion. „Sie spielen auch eine wichtige Rolle beim Lachen. Sie sind einfach faszinierend.“


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Lucie war mit ihren Kreationen unter anderem auf dem Salone Del Mobile in Mailand und erst vor Kurzem beim „Future Fashion Lab“ in Honkong. Neben der Schmuckproduktion realisiert sie auch andere kreative Projekte, zum Beispiel Bühnenbilder im Theaterbereich oder Aktionen wie „Colour-Smells of Luxemburg“. Die Designerin mag es einfach, kreativ tätig zu sein. Und was sagt ihr Umfeld zu dem Zahnprojekt? „Sie sind es gewohnt, dass ich eher innovative Ideen habe.“

Weitere Informationen: majeruslucie.eu


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