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Wandler zwischen den Welten
Lifestyle 3 9 Min. 05.08.2016 Aus unserem online-Archiv
Virtual-Reality-Brillen im Test

Wandler zwischen den Welten

Lifestyle 3 9 Min. 05.08.2016 Aus unserem online-Archiv
Virtual-Reality-Brillen im Test

Wandler zwischen den Welten

2016 könnte das Jahr der virtuellen Realität werden. Wir zeigen, wie der Einstieg in diese neue Welt gelingt und mit welchem Gerät Sie den meisten Spaß haben werden.

Von Matthias Probst

Nachts im Museum: Da stehe ich also nun inmitten eines geräumigen Flures, der ein Seitenarm einer Ausstellung zu sein scheint. Die überlebensgroßen Banner an der Wand, sowie der mächtige Schädel eines T-Rex verraten mir, dass es sich um prähistorische Funde handeln muss. Mein Blick wandert den roten Teppich entlang zu dem Punkt, von dem aus ein kehliges Knurren zu hören ist.

Der derzeitige Star unter den VR-Brillen: "Oculus Rift".
Der derzeitige Star unter den VR-Brillen: "Oculus Rift".

Und siehe da: Ohne Vorwarnung stampft ein Tyrannosaurus Rex um die Ecke und kommt in meine Richtung. Keine drei Meter entfernt bleibt der Kollos stehen und brüllt. Anschließend senkt er seinen riesigen Kopf, um an mir zu schnuppern. Einen kurzen Augenblick später blickt er wieder nach vorne und setzt seine Runde durchs Museum fort, ohne mir weiter Beachtung zu schenken. Mein Puls beruhigt sich langsam wieder... Erleichtert nehme ich die Virtual Reality-Brille vom Kopf, der ich diesen faszinierenden Ausflug zu verdanken habe.

„Wahnsinn“, „Das wirkt ja richtig echt“, „Unbeschreiblich“ oder „So hätte ich mir das niemals vorgestellt“ sind die häufigsten Aussagen meiner Freunde und Kollegen, nachdem ich sie die gleiche Szene habe durchleben lassen. Willkommen in der erstaunlichen Welt der Virtuellen Realität (kurz: VR). Mehr als 30 Jahre nach Erscheinen des Science-Fiction-Romans „The Judas Mandala“, in dem der Begriff „Virtual reality“ 1982 geprägt wurde, scheint die Technik nun Marktreife zu besitzen. Doch das war nicht der erste Versuch.

Glückliche Entwicklung

In den letzten drei Dekaden versuchten sich vornehmlich Spielehersteller an der Umsetzung von VR-Geräten, die eine perfekte Immersion in fremde Welten ermöglichen sollten. Leider scheiterte es dabei immer wieder an den technischen Möglichkeiten, die bei den Nutzern zu Kopfschmerzen oder Schwindelgefühlen führen konnten. Nintendos „Virtual Boy“ aus dem Jahre 1995 ist in dieser Geschichte vielleicht einer der prominentesten Verlierer. All das sollte sich jedoch im Jahre 2011 ändern, nachdem sich der damals 19-Jährige Palmer Luckey in Kalifornien der Sache annahm.

Im Institute for Creative Technologies der University of Southern California entwickelte Luckey einen VR-Headset-Prototypen, der für Aufsehen sorgte: So überzeugend wurden virtuelle Welten noch nie dargestellt. Wenig später gründete der junge Unternehmer die Firma Oculus VR, die den Durchbruch der VR-Technologie einläutete. Im Frühjahr 2014 folgte ein gewaltiges Medienecho, nachdem Facebook sich Oculus VR für rund zwei Milliarden US-Dollar einverleibte. Der Wettlauf um die VR-Krone war zu diesem Zeitpunkt bereits in vollem Gange.

Die Konkurrenz schläft nicht: "HTC Vive".
Die Konkurrenz schläft nicht: "HTC Vive".

Die großen Drei

Wer bei Amazon den Begriff „VR“ eingibt, erhält eine Vielzahl von Ergebnissen, bei denen namhafte und größtenteils auch unbekannte Hersteller ihre VR-Brillen anbieten. Dabei den Überblick zu bewahren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Alle, die es jedoch ernst mit der virtuellen Realität meinen, brauchen sich nur drei Hersteller zu merken: Oculus, HTC/Valve und Sony.

Oculus hat momentan zwei heiße Eisen im Feuer: Durch einen Vertrag mit dem südkoreanischen Smartphonehersteller Samsung versucht man den mobilen Handymarkt zu erobern – mit sichtlichem Erfolg. Unter dem Namen „Samsung Gear VR“ ist das Headset, in das die aktuellen Samsung-Smartphone-Modelle einfach hineingesteckt werden, zu haben. Für rund 100 Euro erhalten Käufer dadurch einen Einstieg in die neue Technologie, die ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis liefert – allerdings aufgrund fehlender Rechenpower schnell an die technischen Grenzen stößt.

Das Flaggschiff von Oculus ist jedoch die „Oculus Rift“, eine 750 Euro teure VR-Brille, die nur mithilfe eines leistungsstarken Windows-PCs betrieben werden kann. Diesem Gerät haben meine Kollegen auch den eingangs beschriebenen Ausflug ins Museum oder auf die Dächer von Gotham-City zu verdanken, bei denen fast alle aufgrund der schwindelerregende Höhe ins Schwanken gerieten.

Das nächste Schwergewicht stammt aus dem Hause HTC und Valve: Der taiwanische Hersteller von Mobiltelefonen tat sich mit dem amerikanischen Softwareunternehmen Valve zusammen, um die „HTC Vive“ zu entwickeln. Von technischer Seite her überzeugt das schmucke Stück auf ganzer Linie – und spielt in der gleichen Liga wie die „Oculus Rift“, was auch der Preis von rund 900 Euro andeutet.

Ein kleiner Unterschied besteht bislang darin, dass die „HTC Vive“ momentan mehr Wert auf Bewegungen legt. Soll heißen: Um das volle Potenzial der Brille auszunutzen, sollte man mindestens zwei mal zwei Meter Grundfläche zur Verfügung haben, auf der man sich bewegen kann. Maximal sind es übrigens fünf mal fünf Meter, was das Erlebnis noch einmal steigert. Um die Kollision mit Gegenständen im Raum oder der Wand zu vermeiden, besitzt die „HTC Vive“ einen Sensor, der ebensolche Gefahrenquellen in der virtuellen Welt andeutet – sehr praktisch.

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Dritter im Bunde um die Ersteigung des VR-Throns ist Sony Entertainment: Während „Oculus Rift“ und „HTC Vive“ bereits erhältlich sind, will Sony mit der „PlayStation VR“ (vormals „Morpheus“) am Ende des Jahres angreifen. Die speziell für die hauseigene PlayStation 4 entwickelte Brille könnte am Ende sogar als glücklicher Sieger aus diesem spannenden Rennen hervorgehen – und das, obwohl sie den anderen beiden technisch deutlich unterlegen ist.

Der Vorteil besteht jedoch in der potenziellen Kundschaft: Wer eine PS4 sein Eigen nennt – bis Ende 2016 sollen dies weltweit 60 Millionen sein – braucht lediglich die VR-Brille zu kaufen, um eine völlig neue Art des Spieles zu genießen. Und mit rund 400 Euro für die „PlayStation VR“ halten sich die Ausgaben in einem überschaubaren Bereich. Da ist es dann auch nicht ganz so schlimm, dass die Performance ein wenig hinter den anderen Systemen hinterherhinkt.

Entdecke die Möglichkeiten

„Ist das wie 3D im Kino?“ lautete eine Frage von meiner Kollegin. Zehn Minuten später gab sie sich selbst die Antwort: „Okay, das ist mit nichts zu vergleichen. Absolut irre!“ Jeder, der zum ersten Mal von VR-Brillen hört, kann sich anfangs nämlich kaum vorstellen, wozu das Ganze nützlich ist, geschweige denn wie es sich anfühlt, in eine virtuelle Welt einzutauchen. Das ist doch alles bloße Spielerei, heißt es oft.

Und so ganz unbegründet ist diese Behauptung nicht: Gerade zur Einführung bieten die beiden Verkaufsstores von Oculus und Valve größtenteils kurzweilige Spiele oder interaktive Videos an, die auf einen gewissen Aha-Effekt setzen. Wirklich nützliche Anwendungen sind noch rar gesät. Doch das wird sich schnell ändern.

Wer etwas über den Tellerrand schaut, wird schnell die Möglichkeiten entdecken, die die neue Technik mit sich bringt – nicht nur Facebook hat sich da Gedanken gemacht. Bereits jetzt werden die VR-Brillen zu therapeutischen Zwecken eingesetzt – von Höhenangst bis hin zur Arachnophobie gibt es bereits Programme. Allerdings sollten diese stets unter Aufsicht zum Einsatz kommen. Ebenso werden Piloten oder Fallschirmspringer auf kommende Aufgaben geschult.

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Mit VR können sich Menschen in Situationen begeben, die sie sonst wohl nie erleben würden: Angefangen von einem Safari-Trip in Afrika, über das Tauchen mit Haien bis hin zu einem Besuch auf dem Mond sind die Möglichkeiten immens. Kurze Dokumentationen erlauben es den Zuschauern zudem hautnah mit ihren Stars in Kontakt zu treten: Wenn Dirk Nowitzki den neugierigen Basketball-Fan durch die Trainingsräume der Dallas Mavericks führt, ist das schon eine einmalige Erfahrung. Die Programme können aber auch eine abschreckende Wirkung haben: The Guardian beispielsweise hat eine App entwickelt, die den Alltag in einer Gefängniszelle simuliert – beengend und faszinierend gleichermaßen.

Das Zünglein an der Wage

Ob sich die VR-Technik am Ende durchsetzen wird und welches Modell den größten Absatz verbucht, liegt also an den Programmen, die für das Gerät verfügbar sind. Die Geschichte hat uns aber gelehrt, dass es bei neuen Entwicklungen im Technikbereich eine feste Größe gibt, die den Markt entscheidend beeinflussen kann: Die Erotikindustrie.

Stets war es die Erwachsenenunterhaltung, die dafür sorgte, ob ein Produkt erfolgreich wurde oder nicht: So setzte sich die VHS-Kassette gegen Betamax durch und auch die Blu-ray feierte den Sieg über die HD-DVD. Wie sich die Entwicklung im Bereich der Erwachsenenunterhaltung auf den VR-Markt auswirkt, lässt sich schwer sagen. Zumindest eins steht fest: Die Erotikindustrie schläft nicht – zumindest im übertragenen Sinne. Denn schon jetzt stehen zahlreiche Filmchen im Internet zum Angebot, in denen man sich im 180°- oder 360°-Winkel virtuell verwöhnen lassen kann.

Wie es in den nächsten Jahren mit dieser Technik weitergeht, lässt sich noch nicht abschätzen. 2016 könnte aber das Jahr des VR-Durchbruchs werden – auch wenn die dazu nötigen Geräte noch genügend Freiraum zur Weiterentwicklung bieten. Was aber feststeht: Das Filmbusiness muss sich teilweise neu erfinden – es brechen spannende Zeiten an.

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Was kostet so eine VR-Brille überhaupt?

Die Kosten für die "Oculus Rift" belaufen sich auf rund 740 Euro, was den Versand aus den USA miteinschließt. Bei der "HTC Vive" sind rund 900 Euro fällig. In den Paketen befinden sich neben den VR-Brillen aber auch Controller, Sensoren, Fernbedienungen sowie einige Software-Programme. Allerdings sollte man im Hinterkopf behalten, dass zusätzlich zur VR-Brille vielleicht noch ein neuer PC nötig ist.

Kann ich mir nicht einfach ein billigeres Modell kaufen?

Natürlich könnte man das. Aber in den beiden aktuellen Spitzenmodellen steckt so viel Entwicklung und Technik, dass die Preise gerechtfertig sind. Bei Billigmodellen kommt es sehr schnell zu Schwindelgefühlen und Kopfschmerzen. Zudem lässt der Tragekomfort oftmals zu wünschen übrig.

Welche Rechnerleistung brauche ich dafür?

Wer sich nicht sicher ist, ob der eigene PC die nötige Leistung bringt, um VR-Welten darzustellen, kann sich auf der Seite www.oculus.com ein Programm herunterladen: Dieses prüft den PC auf die Leistung und zeigt, wo es eventuell hakt. Allerdings ist schon ein High-End-Rechner nötig, um ordentliche Bilder zu liefern.

Ist das Ganze auch für Brillenträger geeignet?

Grundsätzlich ja. Die VR-Brillen sind so designt, dass normale Brillen darunter getragen werden können – und das auch recht komfortabel. Nur bei zu breiten Brillen kann es zu Schwierigkeiten kommen, wie der Alltagstest im Büro gezeigt hat.

Was genau tut man damit nun eigentlich?

Die Möglichkeiten sind sehr vielseitig: Vom Spielen über Videos schauen bis hin zum Arbeiten in einer virtuellen Umgebung ist alles denkbar. Auch mit Freunden kann man sich auf diesem Wege treffen, ohne das Haus zu verlassen – der Sci-Fi-Film „Surrogates“ lässt grüßen. In Zukunft lassen sich damit dann auch Konzerte oder Sportveranstaltungen besuchen. Für die Olympischen Sommerspiele in Rio ist bereits ein VR-Einsatz geplant, der einen direkt an den Rand der wichtigsten Sportereignisse bringt.

Lohnt sich das für mich?

Nun ja, diese Frage muss sich jeder selbst beantworten. Der hohe Anschaffungspreis könnte da bereits das erste Hindernis sein. Auch wenn die Technik schon auf einem akzeptablen Niveau ist, wird sie sich in den kommenden Jahren deutlich verbessern. Die Preise sollten ab dem nächsten Jahr auch leicht purzeln. Und vielleicht fällt dann auch das teils lästige Kabel, das die VR-Brille mit dem PC verbindet, weg. Wer also nicht unbedingt zur Technik-Elite gehört, kann getrost noch das ein oder andere Jahr darauf warten.


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