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Wandern und Radfahren zwischen Land und Meer
In Amiens kann man entlang der Somme flanieren, lokale Gastronomie 
genießen und die historischen Gartenanlagen per Boot erkunden.

Wandern und Radfahren zwischen Land und Meer

In Amiens kann man entlang der Somme flanieren, lokale Gastronomie 
genießen und die historischen Gartenanlagen per Boot erkunden.
Lifestyle 4 Min. 11.10.2018

Wandern und Radfahren zwischen Land und Meer

Der französische Fluss Somme und seine Umgebung wurden zum Synonym für die Grauen des Ersten Weltkriegs. Nun lockt die Region Urlauber mit hübschen Städten, einer idyllischen Landschaft und einer spektakulären Mündungsbucht.

von Georg Renöckl

Der französische Fluss Somme und seine Umgebung wurden zum Synonym für eines der schrecklichsten Gemetzel des Ersten Weltkriegs. Heute umgibt eine wahre Bilderbuchlandschaft dessen Quelle im Weiler Fonsomme, etwa 15 Kilometer von der Kantons-Hauptstadt Saint-Quentin entfernt: alte Kopfweiden, grüne Wiesen, behäbige Gehöfte – und mitten drin die Somme, die gemächlich vor sich hin mäandert. Mit gemütlichen vier Kilometern pro Stunde schlängelt sich der Fluss durch die bukolische Landschaft. Aus gutem Grund wurde der Weitwanderweg GR 800 angelegt, der die Quelle der Somme mit ihrer Mündung in den Ärmelkanal verbindet – gut 150 Kilometer Luftlinie, doch die vielen Biegungen des Flusses verlängern die Strecke von hier bis Saint-Valéry-sur-Somme auf 227 Kilometer – zu bewältigen in zehn Tagesetappen.

In Saint Quentin, gute fünfzehn Kilometer flussabwärts, sollte man eine längere Pause einlegen. Wegen des Marais de l’Isle, einer von der Somme geformten Erholungslandschaft und wegen der Stadt selbst. 1918 bestand sie vor allem aus rauchenden Trümmern. Dank der Reparationszahlungen aus Deutschland erstand Saint Quentin als bildhübsches Art-Déco-Städtchen aus den Trümmern. Keinesfalls verpassen sollte man das ehemalige Bahnhofsrestaurant „Buffet de la gare“, ein Juwel aus unzähligen Mosaiksteinen, das allerdings nur für Führungen geöffnet wird, und die Basilika, in der die Hand des heiligen Quintinus ausgestellt ist. Den Pilgerströmen, die die Reliquie auslöste, verdankte die Stadt einst ihren Reichtum.

Das Departement Somme durch, das sich der gleichnamige Fluss schlängelt, liegt knapp 300 Kilometer von Luxemburg entfernt.
Das Departement Somme durch, das sich der gleichnamige Fluss schlängelt, liegt knapp 300 Kilometer von Luxemburg entfernt.
Grafik: LW

Alte Kriegsspuren und Aalfang

Die „Montagne de Frise“, gute vierzig Kilometer flussabwärts, bietet einen herrlichen Ausblick über den Fluss, der tief unten seine Mäander in die Landschaft zeichnet. Freilaufende Schafe und Wildkaninchen halten die „Montagne“ frei vom Buschwerk und machen sie zu einer nach Blumen duftenden Almlandschaft. Vor hundert Jahren war die aussichtsreiche Anhöhe nicht aus touristischen, sondern aus strategischen Gründen heiß umkämpft. Die vielen hübschen, kleinen Hügel und Kuhlen sind tatsächlich überwachsene Granattrichter.

Mehr über diese schaurige Vergangenheit erfährt man im nahen Péronne, wo in einer im Weltkrieg fast völlig zerstörten mittelalterlichen Burganlage ein Weltkriegsmuseum untergebracht ist. Will man sich lieber der Kulinarik widmen, ist Saint Christ-Briost der richtige Ort: Dort bekommt man die einst als Arme-Leute-Essen verachteten, heute aber geschätzten Räucheraale der Haute-Somme zu kaufen und in einem kleinen Fischrestaurant gibt es auf Vorbestellung Matelote d’anguilles – in Rotwein gedünsteten Aal. Oder man angelt gleich selbst: Sieben Euro kostet die Tageskarte. Ein Angelschein ist nicht notwendig.

Am anderen Ende der ehemaligen Schlachtfelder liegt das Städtchen Corbie, ein guter Ausgangspunkt für eine Fahrt über das Land voller Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten. Zu den eindrucksvollsten zählt der zu Beginn der britischen Offensive in die Landschaft gesprengte Lochnagar-Krater. Vor allem beginnt in Corbie aber auch die Véloroute de la Somme, ein schön angelegter, 120 Kilometer langer Radweg zum Ärmelkanal.

Schwimmende Gärten in Amiens

Als erste Etappe bietet sich Amiens an, die alte Hauptstadt der in der neuen Großregion Hauts-de-France aufgegangenen Picardie. Schon die Gallier bauten auf den vielen kleinen Inseln des hier weitverzweigten Flusses Gemüse an. Die Tradition hat sich bis heute erhalten: Per Boot können die Hortillonages, wie das dreihundert Hektar große Garten-Venedig heißt, besichtigt werden. Vom Wasser aus eröffnen sich schöne Blicke auf die Kathedrale von Amiens, deren über 42 Meter hohes Kirchenschiff den sprichwörtlichen Höhepunkt der französischen Gotik bildet. In Saint-Leu, dem ehemaligen Färberviertel zwischen den Hortillonages und der Kathedrale, reiht sich heute ein Restaurant ans andere. Das Zentrum der im Zweiten Weltkrieg stark bombardierten Stadt wurde recht lieblos wieder aufgebaut – mit Ausnahme des heute noch großartigen Wolkenkratzers von Auguste Perret, der lange Zeit der höchste Europas war und in dem man zwei Wohnungen mieten kann.

Ailly, wenige Kilometer flussabwärts gelegen, ist eine weitere Etappe an der Véloroute. Wer nicht die ganze Strecke bis zur Küste abfahren, sich aber für ein paar Kilometer in den Sattel schwingen möchte, kann sich im alten Schleusenhaus ein Fahrrad oder E-Bike ausleihen und quer durch eine von Kopfweiden durchwachsene Landschaft bis ins 25 Kilometer entfernte Long radeln. Dort weitet sich die Somme wieder und bildet mit den vielen Torf-Teichen eine fantastische Wasserlandschaft, die man am besten vom „Belvédère de la Somme“ aus genießt.

Die weitläufige Bucht der Somme offenbart bei Ebbe ausgedehnte Strände und ist ein geschütztes Rückzugsgebiet für Robben und unzählige Vögel, die hier rasten und nisten.
Die weitläufige Bucht der Somme offenbart bei Ebbe ausgedehnte Strände und ist ein geschütztes Rückzugsgebiet für Robben und unzählige Vögel, die hier rasten und nisten.
Foto: Shutterstock

Ein Paradies für Vögel und Robben

In früheren Jahrhunderten hätte man mit dem nahen Abbeville bereits das Meer erreicht, doch die Küste wurde im Lauf der Zeit vom Material, das die Somme mit sich führt, immer weiter in Richtung Westen geschoben. Nach 25 Kilometern erreicht man die Somme-Bucht, eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft.

Auf den Prés Salés – Weiden, die einen Teil des Jahres vom Meer überflutet sind – grasen rund 5 000 Schafe und Lämmer, deren Fleisch unter einer eigenen „Appellation d’origine contrôlée“ (AOC) vermarktet wird. Im Süden der Bucht liegt das Städtchen Saint Valéry, gleich gegenüber Le Crotoy. Fantastische Blicke über die weite Bucht und Meeresfrüchte in Hülle und Fülle gibt es da wie dort. Sportliche Reisende gehen auf direktem Weg von einem Ort zum anderen: Bei Ebbe kann man Wanderungen über den Meeresgrund unternehmen, bei denen man auf Sichtweite an die beiden in der Bucht lebenden Robben-Kolonien herankommt.

Le Hourdel heißt der äußerste Punkt der Somme-Bucht, an dem die Reise endet. Wer auf einen dramatischen Schlusspunkt Wert legt, wandert am Strand bis zu einem deutschen Kriegsbunker. Oder man nimmt sein Rad und fährt die eben eröffnete „Route blanche“ von Le Hourdel aus immer am Meer entlang nach Cayeux, den für seine Kiesel und seinen hölzernen Laufsteg bekannten Badeort mit dem etwas verblichenen Charme. Ach ja, baden – das kann man hier natürlich auch.


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