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Usbekistan: Ein Land ringt mit der Tradition
Lifestyle 4 Min. 17.10.2019

Usbekistan: Ein Land ringt mit der Tradition

Die 1570 erbaute Kukaldasch-Medresse in der Hauptstadt Taschkent wird derzeit wieder als Bildungsanstalt genutzt. Zuvor diente sie zwischenzeitlich als Herberge und Museum.

Usbekistan: Ein Land ringt mit der Tradition

Die 1570 erbaute Kukaldasch-Medresse in der Hauptstadt Taschkent wird derzeit wieder als Bildungsanstalt genutzt. Zuvor diente sie zwischenzeitlich als Herberge und Museum.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 4 Min. 17.10.2019

Usbekistan: Ein Land ringt mit der Tradition

Einige Bewohner der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik fürchten, dass der Tourismusboom der Seidenstraße ihren ganzen Charme nehmen könnte.

von Tinga Horny (srt)

Guzal Kadirowa steht strahlend an der Rezeption ihres neuen Hotels Guzal & Guli unweit der Altstadt von Buchara und verteilt Schlüssel an die Gäste: „Welcome!“ Voller Zuversicht blickt Guzal in die Zukunft. Sie hat erst vor Kurzem ihr Hotel mit 20 Zimmern eröffnet und seitdem fast keine Nacht mehr durchgeschlafen. Es ist alles so aufregend. „Ich wollte schon als Kind ein Hotel“, erzählt sie. Zusammen mit ihrem Bruder hat sie ein altes Haus am Rande der Altstadt von Buchara gekauft, es abgerissen und ein neues Hotel nach ihren Ideen gebaut. „Unser neuer Präsident ermöglicht alles“, schwärmt sie.

Seit über zwei Jahren sitzt Schawkat Mirsijojewal als Präsident im Sattel. Er stammt zwar noch aus den alten Seilschaften der sowjetischen Nomenklatura, dennoch hat er Usbekistan eine vorsichtige Öffnung verordnet. Das bedeutet mehr internationale Investoren, mehr Marktwirtschaft, mehr Kampf gegen die Korruption. Zugleich heißt das für die Bürger weniger Willkür, mehr Eigeninitiative. Die freie Meinung endet aber genau da, wo die politische Kritik beginnt.

Eine wichtige Rolle bei diesem Aufbruch spielt die Seidenstraße. Diese sagenumwobene Ost-West-Verbindung führte einst mitten durch das heutige Usbekistan. Mit den Oasen beziehungsweise Handelszentren Chiwa, Buchara und Samarkand entwickelte sich in Zentralasien eine Zivilisation, die mit ihren Moscheen, Medresen (Schulen) und Mausoleen mühelos dem Vergleich mit Europas damaligen Epochen standhalten konnte.

Rückbesinnung auf Tradition

Die Seidenstraße und einer ihrer wichtigsten Protagonisten – Amir Timur – fungieren seit der neu erlangten Unabhängigkeit des Landes 1991 als Kitt zwischen den Bevölkerungsgruppen. So berüchtigt der Eroberer (1336-1405) für seine Brutalität war, so verehrt wird er für seinen Kunstsinn. Unter seiner Herrschaft erlebte die Region eine kulturelle Blütezeit. Und an diese erinnern die heutigen Machthaber gerne im Namen der nationalen Identität.

Während Timur als Nationalheld wieder auflebt, spielt die Seidenstraße für den Tourismus eine bedeutende Rolle. Die Sehnsucht, einmal Wüstenstädte mit Minaretten und Melonenkuppeln, die in allen Blautönen in den Himmel ragen, und Kacheln, deren Musterpracht schwindelig macht, zu erleben, zieht viele nach Usbekistan.

Beliebtes Ausflugsziel für Usbekistan-Reisende: der Kuppelmarkt in der Altstadt von Buchara.
Beliebtes Ausflugsziel für Usbekistan-Reisende: der Kuppelmarkt in der Altstadt von Buchara.
Foto: Shutterstock

Doch egal, wer hierherkommt, alle müssen in einem Land übernachten, dessen Gastgewerbe bis dato eher übersichtlich war. Bis zu einem Jahr im Voraus buchen daher Veranstalter ihre Zimmerkontingente. Deswegen schießen zurzeit überall kleine Hotels und Gästehäuser wie Pilze aus dem Boden. Den Bauboom beobachtet Architekt und Restaurator Zoirschoch Klichew mit Skepsis.

„Der europäische Stil ist eine Krankheit“, verkündet er. Was er damit meint, kann man überall besichtigen: zu hohe Häuser mit Sattel- oder Walmdach, Eternit und Wellblech, pastellfarbene Türen mit vergoldeten Schnörkeln – alles untypische Bauelemente für die Region. Klichew hat nichts gegen diesen sogenannten europäischen Stil, aber er passt nicht hierher. Er zerstört jene traditionelle Hofhausarchitektur mit flachen Dächern, die, bestens angepasst an die extremen Temperaturunterschiede, seit Jahrhunderten den Einwohnern Schutz bot.

So bestanden die Altstädte einst aus einem Gewebe von Gassen. Sie waren schmal, damit sie bei sengender Sonne überdacht werden konnten. Sie waren gekrümmt, um den Sandstürmen zu trotzen. Eine der Hofmauern war – je nachdem, von wo der meiste Wind herkam – zudem immer etwas höher, sodass sich dort der Luftzug stauen und den Bewohnern Kühle spenden konnte. Zusammen mit ihren Basaren, Moscheen und Mausoleen waren so Oasenstädte entstanden, die heute jeder Besucher erleben möchte.

Das wirtschaftliche Potenzial seiner historischen Orte hat Usbekistan erkannt. Deshalb wird streng darauf geachtet, dass die sehenswerten touristischen Zonen baulich nicht verschandelt werden. Der autofreie Stadtkern der kleinen Wüstenstadt Chiwa wirkt daher fast wie ein Freilichtmuseum mit seinen perfekt gepflasterten Plätzen, sorgfältig restaurierten Fassaden, aufgeräumten Gassen, adretten Kuppelbasaren. Doch unmittelbar um die Stadtmauern beginnen die Bausünden.

Aufklärung ohne Druck

Hotelbesitzerin Guzal Kadirowa würde Architekt Klichew nicht verstehen. Ihre dreistöckige Herberge hat ein Walmdach und wurde mit einem gewagten Mix aus europäischen und orientalischen Dekorelementen versehen. Das ist schick, weil europäisch. „Man muss aufklären. Mit Druck funktioniert es nicht“, sagt Klichew. Er wird deshalb nicht müde, Bauherren, Investoren und Behörden zu predigen, alte Häuser nicht abzureißen, sondern zu restaurieren, und neue so zu bauen, dass sie sich in die Umgebung einfügen.

In den Augen des strengen Baumeisters würde dagegen Valentina Romanenkos Hofhaus in der Neustadt Samarkands Zustimmung finden. Es ist kein ganz altes Bauwerk aus getrockneten Lehmziegeln, sondern ein Gebäude aus weiß getünchten Backsteinen. Doch mit seinem leicht zu übersehenden Eisentor reiht es sich bescheiden in die Gassenzeile ein. Wer würde dahinter eine Kleidermacherin vermuten?


Rencontre de presse du "New Silk Road Rallye" / Présentation équipe Luxembourgoise participant au Rallye/  Merbag/ Mercedes 300SL/ Foto : Caroline Martin
Auf der „New Silk Road“ unterwegs
Mit einem Oldtimer Mercedes 300 SL von Luxemburg quer durch Asien nach Peking.

Valentina ist hin- und hergerissen. Einerseits lebt sie unter anderem auch von Reisegruppen, die ihre originelle Modenschau besuchen und das ein oder andere Kleidungsstück kaufen. Andererseits liebt sie den Orient und fürchtet, dass mit dem Aufbruch in die Moderne und immer mehr Besuchern die Traditionen verschwinden. Wo bleibt der Respekt gegenüber alten Leuten? Was ist aus den Basaren geworden?

Einst gab es überall Märkte, und sie waren magische Orte voller Leben und Chaos sowie der Inbegriff von Exotik. Übrig geblieben sind davon heutzutage wohlgeordnete Basare in historischer Hülle, die Souvenirs an Touristen verkaufen und in die sich kein Einheimischer verläuft, weil es dort weder Lebensmittel noch Alltagsgegenstände gibt. Mit den früheren Basaren verschwindet jedoch auch ein gutes Stück Orient. „Und damit würden wir etwas von unserer Magie und unserem Geheimnis verlieren“, so Valentina.


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