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Kunst aus Kaffee am Genfer See
Lifestyle 5 Min. 26.08.2021
Urlaub in der Schweiz

Kunst aus Kaffee am Genfer See

Kunst aus Kaffee: Die Wandgemälde mit Straßenszenen aus 1900 befinden sich in der Ruelle du Lapin Vert, der Gasse zum Grünen Hasen.
Urlaub in der Schweiz

Kunst aus Kaffee am Genfer See

Kunst aus Kaffee: Die Wandgemälde mit Straßenszenen aus 1900 befinden sich in der Ruelle du Lapin Vert, der Gasse zum Grünen Hasen.
Foto: Geraldine Friedrich
Lifestyle 5 Min. 26.08.2021
Urlaub in der Schweiz

Kunst aus Kaffee am Genfer See

Eine Riesengabel mitten im See und Kunstwerke aus Lebensmitteln - das und noch vieles mehr erwartet die Besucher in diesem Teil der Schweiz.

Von Geraldine Friedrich

„Ja, ich habe meine Bilder wirklich mit Kaffee gemalt“, erzählt Sebastien Pridmore neugierigen Touristen, die per Zufall sein Wandgemälde in einem versteckten Seitengässchen der Altstadt Lausannes entdecken. Zartes helles Beige wechselt mit rötlichem Braun bis zu fast Schwarz. Das Kaffee-Kunstwerk zeigt Frauen, Kinder und Männer in einer Szene um 1900. Aber: Der französischsprachige Baselbieter setzt nicht nur auf Kaffee, sondern malt auch mit anderen Naturpigmenten aus Tee, Rotwein, Roter Bete oder Safran. Letzteres dürfte bei größeren Flächen recht kostspielig werden. Umso wichtiger ist, dass das Wandgemälde in der Ruelle du Lapin Vert, der Gasse zum Grünen Hasen, Wind und Wetter standhält. 

Sebastien Pridmore malt Bilder aus Lebensmitteln.
Sebastien Pridmore malt Bilder aus Lebensmitteln.
Foto: Geraldine Friedrich

Die Reben des Lavaux, die den Chasselas (= Gutedel) hervorbringen, die hervorragenden Restaurants in den Dörfern der Weinberge, wie die Auberge de L’Onde in Saint-Saphorin und die Auberge de la Gare in Grandvaux, vor allem aber die schon fast kitschig-schöne Postkartenlandschaft reichen eigentlich als Grund, um an den Genfer See zu reisen. Lausanne, Hauptstadt des Kantons Waadt, ist vielleicht nicht so mondän wie ihr Nachbar Genf, aber mit ihrer Mischung aus Studentenstadt und unkonventioneller Kunst hat sie ihren eigenen Charme. 

So kommen beispielsweise auch in der Collection de l’art brut, außerhalb des Zentrums, bei der Kunst Lebensmittel zum Einsatz: Der als „Gefangener von Basel“ bekannte Joseph Giavarini (1877-1934) formte im Gefängnis Figurengruppen aus Brotkrümeln. Der aus Italien stammende Familienvater und erfolgreiche Bauunternehmer musste mit 51 Jahren ins Gefängnis, weil er eine untreue Geliebte im Affekt erschoss.

Werke von Quereinsteigern 

Die Collection de l’art brut vereint nur Werke von Künstlern, die als Quereinsteiger gelten und nicht wie etwa Pridmore in den Genuss einer Kunstausbildung kamen. Für viele der Künstler und Künstlerinnen, darunter auch psychisch Kranke, war die Kunst schlicht auch Therapie und vielleicht der einzige Weg ihr Schicksal zu meistern. Ein Beispiel hierfür ist die Künstlerin Madge Gill (1882-1961) aus London, die als uneheliches Kind ihre ersten acht Lebensjahre versteckt im Keller verbringen muss. Als ihr Sohn stirbt, sie eine weitere Fehlgeburt erleidet und auf dem linken Auge erblindet, beginnt sie riesige Zeichnungen anzufertigen. Darauf finden sich unendlich viele Frauengesichter, die den Betrachter anblicken und verstören. 

Die Kunst im Museum de l'Art brut in Lausanne besticht durch unkonventionelle Motiv- und Materialwahl.
Die Kunst im Museum de l'Art brut in Lausanne besticht durch unkonventionelle Motiv- und Materialwahl.
Foto: Geraldine Friedrich

Auch der Berner Maler Adolf Wölfli (1864-1930) findet sich in der Collection. Er ist mit acht Jahren bereits Waise, muss als Verdingbub auf Bauernhöfen arbeiten und wird dort misshandelt. Nach mehreren versuchten Vergewaltigungen landet er im Zuchthaus, und später in der Psychiatrie. Da passt es, dass die Wände der Collection schwarz sind und viele Werke eine eher düstere Stimmung verströmen. 

Die Institution gehört weltweit zu den wenigen Museen – wie etwa auch die Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg – die sich der rohen Kunst widmen. Das wissen jedoch nur wenige Touristen: Die strömen weiterhin tapfer ins Olympische Museum mit seinen glitzernden Exponaten, welches nur 300 Meter entfernt von der Metrostation Ouchy liegt. Lausanne ist übrigens auch die einzige Schweizer Stadt, die über eine U-Bahn verfügt. 

Mitmachmuseum von Nestlé  

Hell und lichtdurchflutet sind dagegen die Gebäude des neuen Museumsviertels „Platforme 10“. Das bereits eröffnete erste Gebäude beherbergt das sehenswerte Kunstmuseum des Kantons Waadt. In einem zweiten Gebäude kommen 2021 das auf Fotokunst spezialisierte Musée d’Elysée und das Mudac mit zeitgenössischer Kunst und Design dazu. Die Gebäude liegen neben dem Hauptbahnhof und passen mit ihrem schlicht-eleganten Stil in die Architekturtradition jüngerer Kunstmuseen wie etwa dem Kunstmuseum in Basel. 

Die acht Meter hohe Gabel markiert den Eingang zum Alimentarium in Vevey, das von Nestlé betrieben wird.
Die acht Meter hohe Gabel markiert den Eingang zum Alimentarium in Vevey, das von Nestlé betrieben wird.
Foto: Geraldine Friedrich

Nur wenige Kilometer weiter östlich Lausannes liegt das hübsche Städtchen Vevey. Zusammen mit dem durch das Jazzfestival bekannten Ort bildet es die Region Montreux Riviera. An heißen Tagen ist der Weg zur Erfrischung angenehm kurz, stets kann man über einen Steg oder große Steine schnell in den See hüpfen. An einer Stelle ragt plötzlich eine acht Meter hohe Gabel aus dem Wasser. Sie markiert, wo das Alimentarium liegt, ein vom Nahrungsmittelkonzern Nestlé betriebenes „Museum für Ernährung“. 


Blick von Veysonnaz auf das Rhône-Tal - rechts das Hotel Chalet Royal.
Wandern am Walliser Wasser
Kühe, Reben, Aprikosen – all das wäre im Rhônetal nicht möglich ohne die Suonen.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der firmeneigenen Historie – Stichwort Kommerzialisierung von Wasser – sollte man hier nicht erwarten. Aber auch hier in der mondänen Sandsteinvilla, dem ersten Firmensitz Nestlés, kommen Speisen, Kunst und Kultur auf interessante Art zusammen: Bei Künstlern wie Pridmore dienen Lebensmittel als Material für die Kunst. Das Mitmach-Museum Alimentarium macht es dagegen genau umgekehrt: Es zieht alle Register der digitalen Technik um verschiedene Speisen, ihre Funktion, Geschichte und Wirkung zu präsentieren. Einen Heidenspaß bietet etwa ein dunkler Nebenraum, in dem Besucher durch Hüpfen und Springen die Verdauung des auf den Boden projizierten Darms anregen müssen. Das funktioniert überraschend gut – vielleicht hat der Inhaber des virtuellen Verdauungstrakts ja vorher viel Kaffee getrunken? 

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