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Über steilen Klippen
Lifestyle 6 Min. 12.09.2019

Über steilen Klippen

Blick über die Verdon-Schlucht: Hier finden Besucher recht unberührte Natur vor. Das schützt auch die Tierwelt - 400 Geier haben sich wieder hier angesiedelt.

Über steilen Klippen

Blick über die Verdon-Schlucht: Hier finden Besucher recht unberührte Natur vor. Das schützt auch die Tierwelt - 400 Geier haben sich wieder hier angesiedelt.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida
Lifestyle 6 Min. 12.09.2019

Über steilen Klippen

Im französischen Departement Alpes-de-Haute-Provence gibt es eine Reihe von faszinierenden Landschaften.

Von Birgit Pfaus-Ravida 

Wer die steilen Klippen über der Verdon-Schlucht mit den Augen von Ornithologe Laurent Pichard sieht und sich vielleicht auch noch sein professionelles Fernglas ausleiht, erblickt ganz schnell einen der majestätischen Vögel. Erst nur den Schnabel, der aus einer Felsspalte spitzt, dann das ganze Tier. Ist es ein Adler? „Nein, ein Geier. Etwa 400 von ihnen leben jetzt wieder hier“, sagt der 33-jährige Bergführer und Vogelkundler begeistert. Gegen Mittag fliegen dann immer mehr Geier über die atemberaubend schöne Kulisse, die man von jedem der „Belvédère“-Aussichtspunkte der Touristenstraße „Route de Crêtes“ genießen kann. Immer wieder halten Menschen an, ob mit Auto oder Motorrad unterwegs, und blicken über das Panorama. Wellenförmig und senkrecht geschichtete Felsen wechseln sich ab mit Büschen und Bäumen, und unten fließt der türkisfarbene Fluss Verdon, von dem die Schlucht ihren Namen hat.

Die Verdon-Schlucht, französisch Gorges du Verdon, ist eine Schlucht in der französischen Provence, Departement Alpes-de-Haute-Provence. Sie beginnt flussabwärts hinter der Stadt Castellane und endet nahe Moustiers-Sainte-Marie im Stausee Lac de Sainte-Croix. Durch den etwa 21 Kilometer langen und bis zu 700 Meter tiefen Canyon fließt der Verdon. Die Gorges du Verdon sind neben der Tara-Schlucht einer der größten Canyons Europas und Hauptbestandteil des regionalen Naturparks Verdon. Und sie sind eines der schönsten Reiseziele in den Alpen der Haute-Provence – ob gemächlich und mit dem Auto oder abenteuerlich mit Steigeisen oder im Wasser.

Spaß im kühlen Nass: Im Canyon bereiten sich Abenteurer auf das „Floating“ durch den Verdon vor.
Spaß im kühlen Nass: Im Canyon bereiten sich Abenteurer auf das „Floating“ durch den Verdon vor.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida

Hat man die Aussicht oben bewundert, kann man sich in die Tiefen der Schlucht begeben. Parkplätze sind dort unten Mangelware. Viele sind von Bussen belegt, auf denen „Floating“ steht. Floating, das bedeutet, dass man sich im Neopren-Anzug und mit Auftrieb gebenden Luftkissen ausgestattet in einem seichten und sanft fließenden Fluss auf den Rücken legt und sich vom Wasser treiben lässt. Sehr viele Touristen und Einheimische probieren das im Verdon aus – „fast zu viele“, wie Laurent Pichard kritisch anmerkt, während er die Stufen in die Schlucht nimmt. Unten geht es am Fluss entlang bis zum komplett dunklen und nicht beleuchteten Tunnel, durch den sich die Besucher tastend oder teils mit kleinen Stirnlampen oder leuchtenden Handys ausgerüstet bewegen. Ab und zu gibt es Seitenausgänge, durch die der Fluss und mit ihm die „menschlichen Floating-Fische“ sichtbar werden. Im Inneren des Tunnels ist es auch an heißen Tagen recht kühl – eine nette Abwechslung.

Einzigartige Flora und Fauna

Ein ebenfalls spektakuläres, aber doch ein wenig leiseres Naturschauspiel im Departement Alpes-de-Haute-Provence ist einer der höchstgelegenen Bergseen Europas, der Lac d'Allos. Xavier Fribourg, 44 Jahre alt, führt gerne Besucher dorthin. Ein Geheimweg ist es nicht gerade – die sehr gut ausgeschilderte Wanderstrecke ist auch für Familien mit kleinen Kindern geeignet, und tatsächlich sind viele junge Leute mit Babys in Kraxen oder Tragetüchern unterwegs. „Es macht in jedem Fall Sinn, vor 9 Uhr sein Auto hier abzustellen, später kann es mit bis zu 1 000 Besuchern an Sommertagen voll werden“, sagt Xavier lachend und zeigt auf den Parkplatz. Doch obwohl es nicht wenige Menschen sind, die sich auf den Weg machen, ist es idyllisch und still. Die Wanderung geht bergauf über karge Wiesen und an großen, sanft gerundeten Steinen vorbei. Man befindet sich hier im Nationalpark von Mercantour. Und der bietet nicht nur wunderschöne Landschaften, sondern auch eine einzigartige und schützenswerte Flora und Fauna.

Natur in seiner schönsten Form: Der Bergsee Lac d'Allos ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.
Natur in seiner schönsten Form: Der Bergsee Lac d'Allos ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida

Disteln im Spätsommer, Murmeltiere in den Hängen, und auf einmal öffnet er sich: der Blick auf den klaren, ruhigen Lac d'Allos, den größten natürlichen Bergsee Europas auf einer Höhe von 2 250 Metern. Rundherum führt ein Pfad, der teilweise aufwendig und in jahrelanger Arbeit mit großen Steinplatten gepflastert wurde. Eine Kapelle etwas oberhalb des Bergsees beherbergt Dankestafeln aus Marmor, und eine bewirtete Hütte lädt zur Rast ein. Es ist ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Und das eigene Leben mit seinen Herausforderungen ein wenig kleiner und unbedeutender wird.

Vier urige Bergdörfer

Doch die Alpes-de-Haute-Provence bieten auch geschäftiges Treiben – zumindest verhältnismäßig gesehen in den kleinen Bergdörfern. Vier charakteristische Ortschaften, zwischen denen jeweils durchaus eine gewisse Wegstrecke liegt, seien jedem Reisenden empfohlen. Da ist das ein wenig heruntergekommen wirkende, aber dennoch charmante Entreveaux im Gebiet Verdon, das von Mauern umgeben ist und seit der Jahrtausend-Wende Stück für Stück restauriert wird. Die einstige Festungsstadt gehört zum Kanton Castellane. Einmal pro Jahr gibt es hier eine spektakuläre Pilgerprozession und ein Mittelalterfest. Neuzeitlicher ist das liebevoll gestaltete Motorrad-Museum, das sich ein Privatmann hier aufgebaut hat.


Fisherman's Beach auf Herm
Oase im Kanal
Auf der kleinen Insel Herm, einer Nachbarinsel von Guernsey, unterliegt nicht nur das Wetter großen Schwankungen.

Zweites „Charakterdorf“ ist Colmar. Im Maison Musée ist eindrucksvoll zu sehen, wie die Menschen in den Alpes de Haute Provence früher gelebt haben – von Wiege über Schule und Hochzeit bis zum Tode. Wer hier alles sehen will, sollte mindestens zwei Stunden einplanen. „Seit 2003 haben engagierte Bewohner über 2 000 Objekte gesammelt, die ausgestellt werden“, erzählt die Archäologin und Führerin Julie Emeric, die selbst an einem Film über das Museum mitgespielt hat, wie übrigens viele junge Leute aus dem Städtchen. Man spürt auch bei der 30-jährigen Julie die Leidenschaft für das heimatliche Erbe.

Das Städtchen Annot ist das dritte „Village de charactère“. Hier kann man wunderbar bummeln und das Urlaubsgefühl genießen – doch man kann auch einen von Kastanien und bizarren Steinformationen gesäumten abenteuerlichen und nicht ganz einfachen Weg zur „Chambre du Roi“ aufsteigen, einer beeindruckenden Felsgrotte, in der sich der Sage nach ein geflohener König mit seinem Volk versteckte – und doch gefunden und getötet wurde.

Viertes „Charakterdorf“ ist Castellane. Über dem Ort thront die Kirche Notre-Dame du Roc auf einem mächtigen Felsen, von der aus sich ein fantastischer Ausblick bietet. Unten gibt es viele malerisches Gassen und nette kleine Geschäfte. Besonders sehenswert sind der fünfeckige Turm, das Stadttor und der Platz Marcel Sauvaire. An der Nationalstraße 34 liegt das Haus, in welchem Napoleon am 3. März 1815 bei seiner Rückkehr von der Insel Elba zum Mittagessen einkehrte. Dieses Haus steht für Besucher offen und beherbergt ein Museum für Volkskunst und Volkstraditionen der Region des Verdon unterhalb von Castellane.

Gelebte Tradition: In Castellane lockt nicht nur Volkstanz – 
auch kleine Geschäfte und historische Bauten bieten Abwechslung.
Gelebte Tradition: In Castellane lockt nicht nur Volkstanz – 
auch kleine Geschäfte und historische Bauten bieten Abwechslung.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida

Und was kann man noch unternehmen in den Alpes-de-Haute Provence? Besondere Erlebnisse bietet die Flugschule Aerogliss in Saint-André, wo man sowohl das Paragliding an steilen Berghängen professionell erlernen als auch Tandemflüge machen kann. Ein sehr interessantes Industriedenkmal mit interaktivem Museum ist das Musée de la Minoterie. Hier kann man erleben, wie eine komplett automatisierte Mühle zu Beginn des 20. Jahrhunderts funktioniert hat. 


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