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Trend zur Natürlichkeit: Graue Haare – na und?
Carole steht zur ihren grauen Haaren.

Trend zur Natürlichkeit: Graue Haare – na und?

Foto: Lex Kleren
Carole steht zur ihren grauen Haaren.
Lifestyle 1 5 Min. 31.01.2018

Trend zur Natürlichkeit: Graue Haare – na und?

Immer mehr Frauen stehen zu ihren grauen Haaren – auch schon im jungen Alter. Nachdem Hollywood und Co den Trend vorgemacht und sich sogar Teenager die Mähnen silbergrau gefärbt haben, hält der Trend nun Einzug im Leben – und versöhnt die Menschen mit ihrem weißen Schopf.

Von Birgit Pfaus-Ravida

Lächelnd betritt die junge Frau das Friseurgeschäft „The Cutting Room“ in Düdelingen. Schlanke Figur, senfgelber Pullover, sportliche Jeans, eine coole Frisur mit langem Pony. Eine ganz normale 27-Jährige. Und doch schauen die meisten Kunden zwei Mal hin, ziehen erstaunt die Augenbrauen hoch, drehen sich diskret noch einmal nach der jungen Frau um.

Ich arbeitete damals im Verkauf, und der Vater meines Chefs meinte, das sähe nicht gepflegt aus mit grauen Haaren bei einer so jungen Frau.

Denn ihre kräftigen, langen Haare sind grau. In Schattierungen. Und die Haarspitzen sind dunkelbraun – die Farbe, mit der Carole jahrelang ihre immer grauer werdenden Haare chemisch überdeckt und durchgefärbt hat. Seit ihrem 17. Lebensjahr. Die ersten grauen Haare entdeckte sie nämlich schon mit 15 auf ihrem Kopf. Ein Alter, in dem niemand damit rechnet. Sie begann, die Haare mit Farbe zu behandeln. Einen ersten Versuch, dem Naturton freien Lauf zu lassen, gab sie auf. „Ich arbeitete damals im Verkauf, und der Vater meines Chefs meinte, das sähe nicht gepflegt aus mit grauen Haaren bei einer so jungen Frau.“

Szenenwechsel. Die Autorin dieser Zeilen im Alter von 13 Jahren bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter. Dieser entfährt bei einem beiläufigen Seitenblick auf den Scheitel ihrer Tochter ein plötzlicher, ungläubiger Aufschrei. „Das gibt‘s nicht! Du hast da drei graue Haare!“ Der Spaziergang wird gestoppt, die drei grauen Haare werden ausgerissen. Diese kleine Episode sollte der Beginn einer über viele Jahre problematischen Beziehung zum eigenen Haar sein.

Wer als Kind schon graue Haare bekommt, der muss einfach anders über Jugend, Erwachsensein, Alter und Mode nachdenken als andere. Und er greift natürlich zur Farbtube, zum Pinsel, probiert alles aus – den Naturton als vermeintlich gesunde Tönung oder schräge Kombinationen, heute Rot, morgen Schwarz, Hauptsache, keiner erkennt diese pigmentlose Anomalie. Denn graues Haar bei jungen Frauen, das suggeriert Wahnsinn, Andersartigkeit, Krankheit, in keinem Fall spiegelt es Lebensfreude, Fruchtbarkeit oder Gesundheit wider.

Bei Männern sind graue Schläfen cool

Das Herauswachsen-Lassen ginge eigentlich nur, wenn man ein so cooler Typ wie George Clooney sei. Stimmt, genau, der ist ja auch ein Mann. Männer werden im Alter sowieso interessanter. Erfahrener. Das darf man dann auch gerne am Haupthaar sehen.

Und dann kam, wie aus dem Nichts, der „Granny Hair“-Trend. Lady Gaga und andere Stars und Sternchen ließen sich ihre Haare absichtlich zuerst ultra-blondieren und dann mit Silbergrau überfärben.

Grauschopf auf dem Laufsteg

Zahlreiche Promis haben das Silberhaupt zu ihrem Markenzeichen gemacht – wie Sängerin Annie Lennox (heute 62), Oscar-Preisträgerin Helen Mirren (71) und Topmodel Carmen Dell‘Orefice (86).

Birgit Schrowange trug ein Jahr lang eine Perücke und präsentierte sich dann mit neuer grauer Mähne.
Birgit Schrowange trug ein Jahr lang eine Perücke und präsentierte sich dann mit neuer grauer Mähne.
Foto: Getty Images

Und natürlich die deutsche Moderatorin Birgit Schrowange, die ein Jahr lang eine Perücke trug und darunter ihr weiß-graues Haar herauswachsen ließ. Sie bekam viel positiven Zuspruch für diese Veränderung – hatte sie doch selbst schon vor Jahren den Jugendwahn speziell bei den Fernsehsendern angeprangert, ohne wirklich dagegen angehen zu können, weil es sonst ihrer Karriere geschadet hätte. Heute steht Schrowange selbstbewusst mit flotter, silber-schimmernder Frisur mehr denn je im Rampenlicht.

„Eine Frau mit grauem Haar hebt sich von der eintönigen Masse ab“, sagte Top-Stylist Kevin Murphy im Interview mit der Vogue. „Der Mut zu grauem Haar, sei es natürlich oder gefärbt, zeugt von einer starken Persönlichkeit.“ Und ist eben kein graue-Maus-Syndrom.

Schluss mit Chemie

Das spürte auch die heute 27-jährige Carole. „Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die viele Chemie“, erzählt sie. Vor eineinhalb Jahren beschloss sie deshalb, wirklich damit aufzuhören. Kein Färben mehr, Schluss mit dem schnell herauswachsenden Ansatz. „Es hat eh nie geklappt, den exakten Farbton für den Ansatz hinzubekommen.“ Ihr Freund und auch andere ihr nahe stehende Menschen bestärkten sie dabei. Jetzt aber begann die Herausforderung. Denn Carole hatte schon einmal schlechte Erfahrungen damit gemacht, die Haare „grau werden zu lassen“.

Alle sagten, sie würden färben, und eine Friseurin sagte sogar, sie fände mein Haar hässlich.

Vor etwa vier Jahren wollte sie einen grauen Farbton hinbekommen, ließ das Haar bleichen. „Das Ergebnis war fürchterlich!“, erinnert sie sich lachend. Also gab es für sie nur eins: Den Ansatz herauswachsen zu lassen. „Ich wollte dabei aber Unterstützung von einem guten Friseur. Darum habe ich den Test gemacht, bin mit meinem krassen Haaransatz in verschiedene Friseursalons spaziert und habe gefragt: Was würden Sie mit diesen Haaren machen?“ Die Antworten waren teils erschreckend und nicht unbedingt motivierend. „Alle sagten, sie würden färben, und eine Friseurin sagte sogar, sie fände mein Haar hässlich.“ Verständlich, dass Carole diese Salons stehenden Fußes wieder verließ.

Paradigmenwechsel

Nach einigen Fehlversuchen dann der Gang nach Düdelingen – wo ihr im Salon „The Cutting Room“ die 40-jährige Friseurin Sabrina Di Rosa begegnete. „Sie war die erste, die sagte: Ja, wir lassen das rauswachsen. Da wusste ich, dass ich hier richtig bin“, erinnert sich Carole. Sabrina lächelt. „Früher habe ich auch gedacht, dass junge Menschen auf keinen Fall graue Haare haben sollten. Aber ich muss zugeben, dass ich im Laufe der Zeit meine Meinung geändert habe. Natürlichkeit ist gut. Es ist nur wichtig, dass man die Kunden dabei begleitet, damit das Ergebnis schön wird.“

Denn jenseits von extravaganten Looks ganz junger Frauen, die die Haare extra aufblondieren und Grau färben, gebe es heute immer mehr Frauen auch mittleren Alters, die zum ergrauten Haar stehen, es nicht mehr verstecken, sondern es möglichst gut in Szene setzen wollen. Aus gesundheitlichen Gründen – keine Chemie –, aber auch aus Gründen eines neuen Selbstbewusstseins. Ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel. Was sich noch geändert habe: Althergebrachte, so genannte Prinzipien, etwa, dass graue Haare niemals lang sein dürfen, seien nicht mehr gültig. Gleichwohl sei eine gute Frisur sehr wichtig.

Während manche ganz junge Frauen die Haare grau wollen, können das die älteren Damen nicht verstehen.

Bei allen Kundinnen sei diese Veränderung aber noch nicht angekommen. „Während manche ganz junge Frauen die Haare grau wollen, können das die älteren Damen nicht verstehen. Sie färben weiterhin“, erzählt Sabrina. Und die Autorin? Hat es geschafft. Alle künstliche Farbe ist raus. Nur manchmal gibt es eine Tönung. In coolem Silber. Die gab es früher auch nicht.

(Der vollständige Artikel erschien in der Télécran-Ausgabe Nr. 3)


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(ACHTUNG - HANDOUT - Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des nachfolgenden Credits.) Foto: L´Oréal Professionnel/dpa-tmn