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Traunstein: Wenn der Salzmaier lebendig wird
Lifestyle 7 Min. 05.06.2019

Traunstein: Wenn der Salzmaier lebendig wird

Zum Jubiläum der Soleleitung wieder zum Leben erweckt wurde der Salzmaier, der hier in Persona von Sepp Knott am Brunnen des Stadtplatzes von Traunstein steht.

Traunstein: Wenn der Salzmaier lebendig wird

Zum Jubiläum der Soleleitung wieder zum Leben erweckt wurde der Salzmaier, der hier in Persona von Sepp Knott am Brunnen des Stadtplatzes von Traunstein steht.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida
Lifestyle 7 Min. 05.06.2019

Traunstein: Wenn der Salzmaier lebendig wird

Auf den Spuren der Salzverarbeitung: Die Gegend um Traunstein in Südbayern ist ein wahres Wanderparadies.

von Birgit Pfaus-Ravida

Der Salzmaier war der wichtigste Mann der Stadt. Noch vor dem Bürgermeister. Er stolzierte in schicker Uniform, mit Dreizack und grauer Lockenperücke durch Traunstein. Er besaß Macht über das kostbarste Gut, das es damals in der Gegend gab: Salz. Nun wurde im Traunstein des beginnenden 19. Jahrhunderts zwar kein Salz abgebaut – das kam von der Saline in Bad Reichenhall. Aber der kostbare weiße Stoff wurde dort weiterverarbeitet. Und damit alles mit rechten Dingen zuging, damit die Holzknechte gut arbeiteten und nichts vom Salz für sich abzweigten, wachte der Salzmaier als Herr der Saline über Produktion und Handel.


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Hüter über das „weiße Gold“

Wer den Salzmaier kennenlernen will, der begibt sich auf Tour in die Vergangenheit mit Sepp Knott. Seit neun Jahren führt der gebürtige Traunsteiner Touristen im prächtigen Ornat und mit viel Humor und Hintergrundwissen durch die hübsche oberbayerische Stadt, grüßt mit huldvollen Handbewegungen alte Bekannte und Fremde gleichermaßen und scheint ganz und gar im Jahr 1800 unterwegs zu sein.

Bei der rund zweistündigen Tour macht er unter anderem am Stadtplatz mit dem Lindlbrunnen, am Maxplatz mit dem Rupertusbrunnen, an der Salzmaierstiege, am Salzmaieramt, an der Salinenkapelle, an den Arbeiterwohnhäusern und an der Nepomukkapelle Station. „Die Führungen waren eine Zeit lang eingeschlafen, aber wir wollten sie wiederbeleben. Ich erzähle die Geschichte des Salzes Bürgern genau wie Touristen – denn lange war sie in Vergessenheit geraten“, sagt Sepp Knott.

Dabei hatten bereits vor 400 Jahren die Menschen im Chiemgau eine technische Meisterleistung vollbracht, die eigentlich nicht so leicht vergessen werden sollte: Sie bauten von 1619 an Leitungen aus Holz, in denen das in Wasser gelöste Salz, die sogenannte Sole, sogar über Steigungen hinweg von Bad Reichenhall bis Traunstein transportiert werden konnte. In Traunstein wurde das Salz dann in den Sudpfannen behandelt. Denn rund um Traunstein gab es massenhaft Holz, und statt dieses nach Bad Reichenhall zu bringen, verarbeitete man das Salz lieber gleich in Traunstein.

Herzog Maximilian ließ seinen Hofbaumeister Hans Reiffenstuel eine Konstruktion erschaffen, die mit sieben Pumphäusern arbeitete, welche die Sole über Wasserräder bis zu je 60 Metern in die Höhe pumpten. So konnte das flüssige „weiße Gold“ 31 Kilometer und insgesamt 253 Höhenmeter bis Traunstein überwinden. In späteren Jahren wurden die Leitungen erweitert und führten schließlich von Berchtesgaden bis Rosenheim. Tausende Holzstämme wurden für diesen Zweck durchbohrt – und viele davon findet man, mehr oder weniger verwittert, heute noch entlang von Wanderwegen. Auf den Spuren des „Salzalpensteigs“.

Eine noch erhaltene alte Soleleitung zieht sich durch die Landschaft um Traunstein.
Eine noch erhaltene alte Soleleitung zieht sich durch die Landschaft um Traunstein.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida

Wer der Soleleitung ein Stück weit folgen und nicht gleich den ganzen 183 Kilometer langen „Salzalpensteig“-Fernwanderweg gehen will, kann in Traunstein starten, zehn Kilometer östlich des Chiemsees und 15 Kilometer nördlich der Chiemgauer Alpen. Dort gibt es seit diesem Jahr den Salinenpark als „neue Visitenkarte der Stadt“, denn 2019 feiert man den 400. Geburtstag der Soleleitungen.

Erfolgreiche Bürgerinitiative

Im Freiluftmuseum, das um eine Ausstellung zum Thema erweitert wurde, erfährt man vieles rund um die Salz-Geschichte. Der Förderverein Alt-Traunstein und viele Bürger hatten sich jahrelang dafür eingesetzt, dass der Park entstehen konnte – und nicht ein Hotelkomplex auf dem ehemaligen Salinengelände gebaut wurde.

„Das war ein ziemlicher Kampf gegen verschiedene politische Interessen“, erinnert sich der ehemalige Verlagsmanager Otto Huber, der den Salinenpark mit Feuereifer vorangetrieben hat. Der 76-Jährige stammt aus einer Familie von Brunnenwärtern; sein Großvater betreute eine Pumpstation bis zur politisch begründeten Schließung der Leitung im Jahr 1958. Otto Huber erklärt gerne die Ausstellung, die Baupläne, die Solehebemaschine und die Wassersäulenmaschine.

„Im Prinzip war die Soleleitung die erste Pipeline weltweit“, sagt er. Und das in einem komplizierten Gebiet mit vielen Steigungen. „Die Brunnenwärter, welche die Brunnen und Pumphäuser betreuten, mussten täglich viele Stufen entlang der Leitungen steigen und weite Wege bergauf und bergab zurücklegen, um alles zu kontrollieren – damit auch ja kein Leck irgendwo war, aus dem die wertvolle Sole austreten konnte“, erklärt Otto Huber.

Trittfeste und schwindelfreie Wanderer können selbst einen solchen steilen Aufstieg erleben, wie ihn die Brunnenwärter täglich zu absolvieren hatten. Die „Himmelsleiter“ nahe Inzell – in der Nähe der spektakulären Weißbachfälle sowie des Gletschergartens gelegen – zählt 436 Stufen und führt zu einem historischen Hochbehälter, der Teil der Soleleitung war. Diesen Weg zeigt Heimatpfleger Werner Bauregger gerne interessierten Gästen – und den Behälter, an dessen Holzwänden sich immer noch Salzreste befinden, darf man auch nur mit seiner Begleitung betreten.

Über 436 Stufen führt die „Himmelsleiter“ zu einem historischen Hochbehälter der einstigen Soleleitung.
Über 436 Stufen führt die „Himmelsleiter“ zu einem historischen Hochbehälter der einstigen Soleleitung.
Foto: Birgit Pfaus-Ravida

Eine technische Meisterleistung

„Alle Leitungsteile mussten begehbar sein“, erklärt er, während er die steilen Stufen erklimmt und auf Reste der alten Leitungen zeigt. Ein Felssturz habe vor sechs Jahren hier große Schäden angerichtet und die Station rund um die Aufschlagswasserleitung einstürzen lassen. Generell gebe es viele Gefahren, die von der unsicheren geologischen Situation herrührten. Doch manche Teile, wie etwa das eiserne Geländer, stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.

Mit Werner Bauregger geht es weiter den Salzalpensteig entlang. Bis nach Schmelz dauert es etwa eineinhalb Stunden. Der Weg führt über saftige Wiesen und durch Wälder, in denen im Frühling endlose Bärlauchfelder mit ihrem Duft Lust auf ein deftiges Essen machen. Das kann man dann auf der Moaralm zu sich nehmen. Die urige Hütte liegt am kleinen Kienberg auf 802 Höhenmetern und ist von Mitte Mai bis Mitte Oktober bewirtschaftet. Hier gibt es almtypische Brotzeit – und einen tollen Ausblick auf die Berge.

Wer noch mehr rund um Salz und Holz in der Geschichte der Salinenleitung erfahren will, ist im Holzknechtmuseum im nahen Ruhpolding richtig. Schon im Jahr 1619 gründeten die Holzknechte mit dem Ruhpoldinger Vinzenzi-Verein die frühe Form einer Gewerkschaft.

„Sie mussten sich gegenseitig helfen, es gab keine Krankenversicherung und auch keine anderen Sozialleistungen“, erzählt Museumsleiterin Ingeborg Schmid. Alles rund um die Geschichte der Holzknechte, wie wild und arm sie lebten, wie hart sie arbeiteten und für ihre Rechte kämpften, oder wie die Holzleitungen hergestellt wurden, findet sich im Museum.

Ergänzend lohnt sich ein Besuch im „Klaushäusel“ bei Grassau. Das kleine Museum „Salz & Moor“ informiert über die zweite Soleleitung, die später bis nach Rosenheim führte. Unter anderem steht hier die weltweit letzte Reichenbachpumpe in ihrer Originalumgebung – und auch hier kann man die vielen Stufen ersteigen, die ein Brunnenwärter täglich zu meistern hatte. Museumsdirektor Stefan Kattari freut sich, dass die Erinnerung rund um die Soleleitungen nicht erlischt. „Es ist toll, dass jetzt auch Traunstein zeigt, wie wichtig das Salz in der Vergangenheit war.“ 


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