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Tom Dixon und das ewige Bett
Lifestyle 4 5 Min. 28.01.2019 Aus unserem online-Archiv

Tom Dixon und das ewige Bett

Tom Dixon, einer der einflussreichsten Designer der Gegenwart, entwickelte eine nachhaltige Kollektion mit Ikea.

Tom Dixon und das ewige Bett

Tom Dixon, einer der einflussreichsten Designer der Gegenwart, entwickelte eine nachhaltige Kollektion mit Ikea.
Foto: Foto: Daniel Wester
Lifestyle 4 5 Min. 28.01.2019 Aus unserem online-Archiv

Tom Dixon und das ewige Bett

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Großbritanniens Vorzeigedesigner spricht im Interview über sein jüngstes Projekt mit Ikea, Schlaf und echte Nachhaltigkeit.

Eine Design-Universität hat er nie besucht. Zumindest nicht als Student. Als Lehrer hat Tom Dixon jedoch bereits zahlreiche Studenten inspiriert. Unlängst gab der querdenkende und preisgekrönte Brite einigen angehenden Kolleginnen und Kollegen die Chance, mit ihren Ideen zur Ausarbeitung eines Gemeinschaftsprojektes beizutragen: der nachhaltigen Ikea-Kollektion „Delaktig“, die nun um ein hoteltaugliches Bett ergänzt wurde. Das „Luxemburger Wort“ hat den Träger des britischen Verdienstordens zur Kollektionsvorstellung in Lissabon getroffen.

Tom Dixon, Ihre Kooperation mit Ikea ist nun seit etwa einem Jahr offiziell. Hat diese Zusammenarbeit Ihrem Image geschadet?

Oh ... daran hatte ich gar nicht gedacht! (lacht) Nein, wir Produktdesigner sind da weniger ängstlich. Dass die Objekte, die ich unter meinem eigenen Label anbiete, etwas teurer sind, hat nichts Eklektisches, sondern mit den verwendeten Materialien und den Herstellungsprozessen zu tun. Es war keineswegs etwas Ungewöhnliches für mich, ein Konzept für den Massenmarkt zu entwickeln. Bevor ich mein eigenes Studio gegründet habe, habe ich zehn Jahre als Head of Design und Creative Director für Habitat gearbeitet, einem Unternehmen, das damals zu Ikea gehörte. Die Umgebung ist mir also vertraut. Allerdings hatten wir seinerzeit wenig Zugang zur Entwicklungszentrale in Schweden. Das ist mir erst jetzt gelungen.

Sessel und Sofas aus der Kollektion "Delaktig".
Sessel und Sofas aus der Kollektion "Delaktig".
Foto: Daniel Wester

Haben Sie dort ungeahnte Schätze vorgefunden?

In gewisser Weise. Bei Ikea betreibt man einen unglaublichen Aufwand, um im Dialog mit dem Kunden zu sein und den Markt zu kennen. Durch Umfragen und Studien weiß man unglaublich viel über die Lebensgewohnheiten und Wohnsituationen in den verschiedenen Ländern – und deren Veränderung. Damit kennt man auch die Ansprüche, die künftig an Möbelstücke gestellt werden.

Und diese Ansprüche sind?

Besonders in den Städten und Ballungszentren wird der Lebensraum immer kleiner. Damit wächst der Anspruch an die Multifunktionalität des Mobiliars. Gleichzeitig verschieben sich die Prioritäten. Während das Sofa lange Zeit als eine besonders wichtige Anschaffung galt, sind nun die Küche und zunehmend auch das Bett von großer Bedeutung. Den Siegeszug der Küche Richtung Wohnzimmer erleben wir bereits. Nun kommt das Schlafzimmer. Das Bett ist ja das einzige Möbelstück, das man unbedingt braucht. Egal, ob man im Gefängnis ist, beim Camping, im Hotel oder zu Hause. Sogar für den letzten Schlaf braucht man ein Bett.

Wie sieht es mit Ihrem Schlaf aus? Gehören Sie wie viele Kreative eher zu den Nachtaktiven und Langschläfern?

Nein, ganz und gar nicht. Meine beruflichen Jahre als Musiker im Nachtleben haben mich genug Schlaf gekostet. Ich liebe den Morgen. Und seit ich die Wahl habe, stehe ich auch recht früh auf. Ich würde mich also eher als „Early Riser“ bezeichnen.

Mit dem „Delaktig“-Bett wendet sich Ikea nun auch an eine gewerbliche Zielgruppe – an Hotels. Wie kam es dazu?

Bei der Ausarbeitung der Kollektion haben wir von Anfang an sehr auf Qualität und Langlebigkeit geachtet. Die Möbel sollen den Umzug aus dem Kinderzimmer in die Studentenwohnung bis ins eigene Heim unbeschadet überstehen – und idealerweise an die nächste Generation weitergegeben werden. Wir hatten also ein hohes Maß an Beanspruchbarkeit erreicht, das wir sorglos den entsprechenden Prüfungen aussetzen konnten, die für den öffentlichen Bereich notwendig sind.

Anders als einige Ihrer Kollegen scheinen Sie wahre Freude an der Auseinandersetzung mit den Herstellungsprozessen zu haben.

Ja, ich finde es tatsächlich spannend, in verschiedene Bereiche einzutauchen und deren Besonderheiten zu erfahren. Kreative Prozesse und neue Ideen entstehen bei mir häufig in der Auseinandersetzung mit der Fertigung. Da kann es auch sein, dass ein Bereich als Inspiration für einen ganz anderen dient. So war es auch bei diesem Projekt. Wir haben die bislang übliche Herstellung von Polstermöbeln komplett über Bord geworfen und uns stattdessen mit dem Gedanken der Plattform befasst, wie das etwa in der Automobilindustrie üblich ist. Unser Chassis ist der Aluminiumrahmen. Es ändert sich lediglich der Aufbau. Will man ein Sofa in ein Bett verwandeln, tauscht man lediglich den Lattenrost und die Auflage gegen eine passende Matratze aus.

Tom Dixon, Jahrgang 1959, war Musiker, bevor er seine Leidenschaft für Design zum Beruf machte.
Tom Dixon, Jahrgang 1959, war Musiker, bevor er seine Leidenschaft für Design zum Beruf machte.
Foto: Daniel Wester

Was Aluminium und Nachhaltigkeit betrifft, scheiden sich die Geister. Gab es kein anderes Material, das sich ebenso geeignet hätte?

Wir hatten zunächst an nachwachsende Rohstoffe gedacht und mit verschiedenen Materialien experimentiert. Aber sie waren letztlich nicht langlebig genug – und damit in der Gesamtbilanz weniger nachhaltig. In diesem Segment gibt es viel Scheinheiligkeit. Man muss sich die Prozesse sehr genau ansehen, um dem grünen Anschein nicht auf den Leim zu gehen. Aluminium ist letztlich die beste Wahl. Es ist leicht, aber sehr stabil. Rund 80 Prozent des je produzierten Aluminiums ist noch immer im Umlauf – und es ist das einzige Material, das ohne Qualitätseinbußen immer wieder verwendet werden kann. Und die Menschen wissen um diesen Wert, werfen es also nicht leichtfertig weg.

Als alle mit Stahl gearbeitet haben, haben Sie zu Messing und Kupfer gegriffen – und sich mit Lichtdesign beschäftigt, als dieses Feld äußerst vernachlässigt wurde. Schwimmen Sie gerne gegen den Strom?

Natürlich. Als Designer haben wir viele verschiede Aufgaben zu erfüllen. Es geht nicht nur darum, Dinge schön und funktional zu gestalten. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir auch darauf achten, ob das, womit wir uns beschäftigen, überhaupt gefragt ist. Wir müssen uns vom Mainstream absetzen, um bemerkt zu werden.

Bei Computern und Smartphones dominiert seit Jahren das Design von Apple, das auf die Gestaltung von Dieter Rams für den Elektrogeräte-Hersteller Braun zurückgreift. Wäre es nicht an der Zeit, dem endlich etwas Neues entgegenzusetzen?

Ganz sicher. Bitte schreiben Sie das! Mich hat noch immer niemand damit beauftragt. (lacht)

Woran arbeiten Sie zurzeit?

An einem Projekt für die „Chelsea Flower Show“, ein Großereignis in Großbritannien mit Beteiligung des Königshauses, das im Mai stattfindet. Hier wird es um Lösungen für ein neues „Urban Gardening“ gehen, mit denen die Menschen ihre eigenen Pflanzen und Kräuter auf kleinem Raum anbauen können.

Wie sehen Sie dem Brexit entgegen?

Ach, das ist normalerweise die erste Frage. (lacht) Ich hoffe sehr, dass wir bald Klarheit haben werden. Es herrscht im Business eine große Planungsunsicherheit. Auch wir bereiten uns mit einem Standort auf dem europäischen Festland für alle Fälle vor. Die ganze Sache ist zweifelsohne keine gute Idee, angesichts des globalen Marktes. Aber nun müssen Lösungen gefunden werden – und das möglichst bald.


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