Tel Aviv: Karneval auf Israelisch
 Zum Ehrenfest von Königin Esther herrscht in Israel Narrenfreiheit.

Tel Aviv: Karneval auf Israelisch

Foto: Tel Aviv Tourism
Zum Ehrenfest von Königin Esther herrscht in Israel Narrenfreiheit.
Lifestyle 4 Min.08.02.2018

Tel Aviv: Karneval auf Israelisch

Zu Purim feiern Juden in aller Welt ausgelassene Partys. In Israel nimmt man es dann selbst in den Orthodoxenvierteln mit der Gottesfurcht nicht ganz so genau. Wie man in Tel Aviv den heroischen Einsatz von Königin Esther feiert.

von Win Schumacher

Ist das da Melania Trump auf dem Rothschild-Boulevard? Sie hat die Augen zu zwei dunkelgrauen Schlitzen geschminkt, die Haare säuberlich nach hinten gesteckt und trägt ein türkises Kostümchen. Zwischen all den Supermännern, Teufeln und beschwipsten Krankenschwestern wäre sie fast nicht aufgefallen. Mit ihren hochhackigen Schuhen fällt es der Präsidentengattin sichtlich schwer, sich dem dumpfen Beat des Elektro-Sounds hinzugeben, der aus irgendeinem Lautsprecher dröhnt. Die Tel Aviver Melania ist in Wahrheit ein Mann und sogleich wieder in der tanzenden Menschenmenge verschwunden.

Wenn Israel im Februar oder März Purim feiert, so etwas wie der jüdische Karneval, wetteifern die Tel Aviver um die schrillsten Kostüme. Eigentlich gedenkt das Fest dem heroischen Einsatz von Königin Esther, die mit einer mutigen Vorsprache beim Perserkönig Ahasveros einst ihr Volk vor einem Pogrom rettete. Deshalb verkleiden sich jüdische Mädchen traditionell als Prinzessinnen und die Jungen als Esthers weiser Cousin und Adoptivvater Mordechai.

„Die Stadt nimmt jeden wie er ist“

In Israel ist das Fest heutzutage vor allem willkommener Anlass für ausgelassene Kostümpartys und durchzechte Nächte. Dann ziehen in Tel Aviv Horden von kunstbluttriefenden Zombies durch die Straßen, falsche Orthodoxe zupfen an ihren überlangen Schläfenlocken, spärlich bekleidete Sioux-Häuptlinge und schillernde Schmetterlinge tänzeln gemeinsam durch die Nacht. Mit Purim beginnt in Tel Aviv der Sommer. Dann trägt Israels Kulturmetropole und Ideenschmiede ihre Kreativität und Lebensfreude auf die Straße.

„In Tel Aviv kann sich jeder selbst erfinden“, sagt Lucas Chauvet in seinem Atelier nicht weit vom zentralen Geula-Strand, „die Stadt nimmt jeden wie er ist. Und zu Purim wird das besonders deutlich.“ Von seiner Terrasse blickt er auf einen kleinen Streifen des Mittelmeers, wo sich gerade die Menschen drängen und die Feierfreudigen schon am Morgen ihre Kostüme zur Schau tragen. Mit seinen eigenwilligen Collagen ist der 34-Jährige nur einer von vielen, die für die Experimentierfreude der jungen Kunstszene der Stadt stehen. Chauvet wanderte vor zehn Jahren aus Argentinien nach Israel aus. „Ich wollte hier einfach etwas Neues anfangen“, sagt er, „ohne meine Wurzeln zu kappen.“ In der Objektkunst Chauvets prallt die indigene Formensprache Südamerikas auf die grelle Gegenwart des Nahen Ostens. Pachamama, die Mutter Erde der Andenvölker, steht den Panzern der israelischen Armee gegenüber. In wilden Farbschlachten verschwimmen lateinamerikanische Spontaneität und orientalische Widersprüchlichkeit. Kein Wunder, dass Purim das Lieblingsfest des Künstlers ist. „In Israel finden die religiösen Feste vor allem in der Familie und der Synagoge statt, aber zu Purim treffen sich alle auf der Straße und feiern gemeinsam.“

Längst hat sich nicht nur in der Partyszene von Berlin, Paris und New York herumgesprochen, dass Tel Aviv zu Purim locker so mancher Karnevalshochburg Konkurrenz in Sachen Farbenfreude und Lebenslust machen kann.

„Tel Aviv schleppt nicht Jahrtausende von Kriegen und religiösen Konflikten mit sich herum wie Jerusalem“, sagt Chauvet, „Die Menschen hier interessieren sich viel mehr für das Jetzt als für das Jenseits. Das prägt auch die Kultur und natürlich das Feiern.“

Zwischen Fluch und Segen

Doch nicht nur in Tel Aviv ist zu Purim Feierlaune angesagt. Auch in den Orthodoxenvierteln von Jerusalem, Bnei Brak und Bet Shemesh, mischt sich unter das sonst vorherrschende Schwarz-Weiß der Mäntel und Hemden urplötzlich ein wenig Farbe.

Dann haben kleine Mädchen einmal im Jahr ihren Auftritt als Prinzessin im weißen Tüll und die Jungen verkleiden sich als Indianer, Spiderman oder Soldat – wohlwissend, dass der Wehrdienst in der israelischen Armee von vielen Ultraorthodoxen abgelehnt wird. Auch einige Erwachsene tauschen den schwarzen Filzhut oder die Schtreimel genannte Kopfbedeckung aus Pelz gegen bunte Kronen und Narrenkappen. So mancher Gottesfürchtige lässt es dann so richtig krachen und betrinkt sich bis zum Morgengrauen. Die Rabbis schauen nicht nur zu, viele machen mit. Es gilt traditionell, man dürfe in dieser einen Nacht so viel saufen, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem Ausspruch „Gesegnet sei Mordechai“ und „Verflucht sei Haman“. Der gerissene Regierungsbeamte Haman hatte laut dem Buch Esther den Pogrom unter den Juden Persiens geplant.

Einmal im Jahr, so scheint es, hat Gott Pause bei der Überwachung seiner Gläubigen und die Religiösen haben sogar eine triftige Begründung: Weil im Buch Esther der Name Gottes kein einziges Mal erwähnt wird, nimmt er es mit kleinen Sünden zu diesem Fest anscheinend auch nicht so genau.

In Tel Aviv ist es Nacht geworden und in den großen Diskotheken tanzt die verkleidete Menschenmenge im Alkohol- und Drogenrausch. In Jerusalem endet das Fest am frühen Morgen. In Tel Aviv mag sie für viele jetzt erst so richtig beginnen. Und selbst wenn die Purim-Maske wieder im Schrank verschwindet, ist die Party noch lange nicht vorbei. Hier in Israels Feiermetropole drückt Gott anscheinend öfter ein Auge zu – vielleicht sogar bis zum nächsten Purim-Fest.

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