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Superfood : Zurück zu den Wurzeln
Lifestyle 3 Min. 07.06.2016

Superfood : Zurück zu den Wurzeln

Superfood ist nicht nur bei Promis angesagt.

Superfood : Zurück zu den Wurzeln

Superfood ist nicht nur bei Promis angesagt.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 3 Min. 07.06.2016

Superfood : Zurück zu den Wurzeln

Manon KRAMP
Manon KRAMP
Chia-Samen, Acai-Beeren und Maca-Pulver – wer heutzutage etwas auf sich hält, setzt Superfoods auf seinen Speiseplan. Hollywood macht es vor.

VON NATHALIE BAUMANN

Wo Kefir getrunken wird, werden die Menschen 120 Jahre alt. Das wussten vor dreißig Jahren alle im Dorf. Eines Tages brachte auch meine Mutter eine Kefirkultur nach Hause. Ab dann gehörte das Wundergetränk zu unserem täglichen Brot. Im Jahr davor war es Melasse gewesen, der Honig des Zuckerrohrs. Gut gegen alles, von Angina Pectoris bis zu Verstopfung.

Das waren die 1980er Jahre. Heute gibt es ein knackiges englisches Wort für Heil versprechende Lebensmittel: Superfoods. Das sind Chia-Samen, Acai-Beeren oder Cranberrys, die inzwischen in jeder Hausapotheke zur Hand sind und besonders viele gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe haben sollen. Die Promis machen es vor. Die elfenhafte Gwyneth Paltrow rät zu einer Entgiftungskur mit Chia-Pudding zum Frühstück. Entschlacken mit Samen, die bereits die Maya zu sich nahmen. Sie enthalten mehrfach ungesättigte Fettsäuren und liefern Eiweiß. Deshalb sind sie besonders bei Veganern beliebt.

Eine Knolle gegen Stress

Matthew McConaughey schwört auf Acai-Beeren. Die Wunderfrüchte haben einen hohen Anteil an Antioxidantien und sollen schlank machen. Letzteres lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Aber McConaughey hat sich für seine Rolle als HIV-positiver Rodeo-Cowboy in „Dallas Buyers Club“ bis auf die Knochen heruntergehungert. Damit sollte die Wirkung der Beere bewiesen sein.

Reife Cranberrys haben eine knallig rote Farbe und sind reich an Vitaminen.
Reife Cranberrys haben eine knallig rote Farbe und sind reich an Vitaminen.
Foto: AFP

Jennifer Aniston fügt ihrem Schokosmoothie einen halben Teelöffel Maca-Pulver hinzu. Bereits die Inkas haben Maca als Aphrodisiakum eingesetzt. Die Knolle helfe auch gegen mangelnde Leistungsfähigkeit und Stress, hört man sagen. „Die Macapflanze wird in den peruanischen Anden in über 4 000 Metern Höhe unter extremen klimatischen Bedingungen angepflanzt“, heißt es auf dem medizinisch anmutenden Etikett. Man merkt es sofort: Superfoods sind speziell. Spezielle  Lebensmittel für spezielle Menschen. Und was die Reichen und Schönen machen, übernehmen nach und nach die Normalsterblichen.

Essen muss heute nicht nur nähren und schmecken, sondern auch heilen. Das ist es, was Superfoods versprechen. Sie helfen gegen Übersättigung, Lustlosigkeit und überhaupt alle Beschwerden, mit denen sich die Überflussgesellschaft herumplagt.

Tradition und Mode

Chia-Samen und Co. haben zwei Dinge gemeinsam, die die Sehnsucht entfachen. Erstens, sie stammen aus fernen Ländern, und zweitens, sie werden schon seit Urzeiten verwendet. Zumindest der Legende nach. Sie verheißen Exotik und Tradition in einer Zeit, in der man schon alles gesehen und sämtliche Bräuche aus dem Leben gestrichen hat. Religiös im klassischen Sinn sind wir nicht mehr, aber beim Essen gilt das absolute Reinheitsgebot.

Viele Ernährungsbewusste schwören auf Chiasamen, doch dessen positiven Auswirkungen sind bei Medizinern umstritten.
Viele Ernährungsbewusste schwören auf Chiasamen, doch dessen positiven Auswirkungen sind bei Medizinern umstritten.

Superfood ist der letzte Schrei. Natürlich eine Mode. Aber nicht nur. Gerade bei der Ernährung herrscht große Orientierungslosigkeit. Es gibt Dutzende von Theorien darüber, was richtig und falsch ist. Und zu praktisch jeder Theorie gibt es eine wissenschaftliche Studie, die das Gegenteil beweist. Was soll ich noch ohne Gewissensbisse essen? Das, was die Natur immer schon hergegeben hat: Samen, Beeren und Wurzeln.

Vorläufer Birchermüesli

Zurück auf den richtigen Weg, nämlich zur Natur, führte Max Bircher-Benner ab 1904 auch die wohlhabende, aber zivilisationsmüde Klientel seines Sanatoriums „Lebendige Kraft“. Nicht zufällig stand das Kurhaus in der Nähe des Dolder-Grand-Hotels.

Zu Bircher-Benners Gästen zählten die Reichen und Schönen der Belle Epoque, darunter Thomas Mann, Wilhelm Furtwängler und der König von Siam. Ihnen verabreichte der charismatische Doktor zum Frühstück schlicht „d Spys“. Sie sollte später als Birchermüesli Weltruhm erlangen. Der Prototyp eines Superfoods. Nur dass die heutigen Ernährungsbewussten den Apfel, das Kernstück des Originalrezepts, durch Acai-Beeren ersetzen.

Ein kerniges Müsli mit Früchten wie Aprikose und Blaubeeren ist wieder angesagt.
Ein kerniges Müsli mit Früchten wie Aprikose und Blaubeeren ist wieder angesagt.
Foto: Shutterstock

Eine gute Story liegt schon dem Müsli zugrunde. Nach Bircher-Benner ist es die Kost der Schweizer Alphirten. Sie waren deswegen seit Urzeiten besonders gesund. Johanna Spyris Heidi, die in die Stadt fuhr und krank wurde, bestätigt diese Formel. Wer gesund bleiben will, der kehre zurück zu den Wurzeln und einem Leben im Einklang mit der Natur. Als könne man das Rad der Zeit zurückdrehen, durch das, was man isst.

Welche Promis in den 1980er Jahren auf Melasse und Kefir als Gesundmacher setzten, weiß ich nicht mehr. Jane Fonda, Sophia Loren, Bernhard Russi? Jedenfalls landeten die Superfoods, bevor es das Wort überhaupt gab, in unserer Küche. Die Kefirkur boykottierten wir Kinder nach drei Wochen. Doch unsere Mutter hatte bereits einen würdigen Ersatz aufgetrieben: Spirulina, die Alge der Azteken. Natur pur.

Artikel aus der "Neue Zürcher Zeitung", Syndizierungspartner des "Luxemburger Wort"


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