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Stolze Felsenstadt Matera
Lifestyle 7 Min. 19.11.2018

Stolze Felsenstadt Matera

Die Höhlensiedlungen der Felsenstadt Matera waren bereits in der Antike bewohnt.

Stolze Felsenstadt Matera

Die Höhlensiedlungen der Felsenstadt Matera waren bereits in der Antike bewohnt.
Foto: dpa
Lifestyle 7 Min. 19.11.2018

Stolze Felsenstadt Matera

Die malerische italienische Stadt in den Bergen ist 2019 Europäische Kulturhauptstadt. Alte Höhlensiedlungen sind nur eine der vielen Sehenswürdigkeiten der antiken Felsensiedlung.

(dpa) - Die kleine Bergstadt hat in Italien die höchste Zahl an Airbnb-Wohnungen, gemessen an der Zahl der Einwohner. Und sie sieht mit ihren antiken Gemäuern und der urzeitlichen Landschaft so altertümlich aus, dass dort gerne Bibelfilme gedreht werden. Jetzt soll der Rest der Welt Matera entdecken, die neben Aleppo in Syrien zu den ältesten Städten überhaupt zählt: 2019 ist sie neben dem bulgarischen Plowdiw Europäische Kulturhauptstadt.

„Dimenticato da dio“ (von Gott vergessen) sagen die Italiener über zwei Regionen in ihrem Land: Molise und Basilicata. Molise liegt östlich von Rom, Basilicata in den Bergen zwischen Neapel und Bari, Matera ist deren Hauptstadt. Von Gott vergessen, denkt man auch während der Anreise vom Hauptbahnhof in Bari aus. Der Zug ist laut und langsam und hält öfter an, als er müsste. Kommt man je an? Durchaus. Zunächst in einem unscheinbaren Bergdorf. Alte Männer tragen Einkäufe nach Hause, kommen aber nicht weit. Es taucht immer jemand für einen Plausch auf. In Matera wohnen 60 000 Menschen, auf dem Weg vom Bahnhof zur Innenstadt hätte man allerdings eher auf 6 000 getippt.

Eigentlich verwundert es, dass Matera in Italien heute so wenig Menschen kennen: In den 1950er-Jahren ging es als „la vergogna d'Italia“, die Schande Italiens, in die Geschichte ein, denn in den Sassi, den zwei ältesten Stadtteilen, lebten damals noch rund 15 000 Menschen in unzumutbaren hygienischen Bedingungen. „Sasso“ heißt Stein auf Italienisch. Die Wohnungen in den Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano waren Höhlensiedlungen, bewohnt seit der Spätantike. Menschen lebten dort zu Dutzenden, auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg – zusammen mit ihren Tieren. Licht war rar, die Luft schlecht, Krankheiten verbreiteten sich schnell.

Der italienische Schriftsteller und Arzt Carlo Levi machte das Land in seinem Roman „Christus kam nur bis Eboli“ (1945) darauf aufmerksam: „Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt.“ Die Sassi wurden evakuiert, die Menschen umgesiedelt, das Viertel verfiel. In den 1980er-Jahren fingen die Bewohner an, es zu restaurieren. 1993 ernannte die Unesco die Siedlungen zum Weltkulturerbe. Aus der „vergogna“ (Schande) wurde „orgogna“ (Stolz).

Dramatische historische Kulisse

Zu Recht: In den verwinkelten und treppenreichen Gassen, die durch die hügeligen Viertel führen, werden sogar Fotomuffel die Aussicht festhalten wollen. Auf die weißen Felsen und die darin liegenden Höhlen, in denen nun wieder Menschen leben und arbeiten. Und auf die Murgia. Der rund 8 000 Hektar große archäologische Park liegt gegenüber der Stadt, die am Rand einer Schlucht steht, durch die sich der Fluss Gravina schlängelt.

Der Maler Angelo Lamacchia sitzt vor seinem Atelier in Matera – schon 
seine Großmutter hat in den Sassi gewohnt.
Der Maler Angelo Lamacchia sitzt vor seinem Atelier in Matera – schon 
seine Großmutter hat in den Sassi gewohnt.
Foto: dpa

Schaut man hinüber auf die andere Seite, zur Murgia, sieht man Menschen auf den Felsen wandern. Wie sie da am höchsten Punkt entlanglaufen, wirkt es, als gingen sie auf dem Rande der Welt spazieren – oder in einer „Herr der Ringe“-Kulisse. Auch in der Murgia finden sich Höhlen – von frühesten Kirchen bis zu Fledermausgrotten.

In den Sassi wiederum rechnet man damit, hinter jeder Ecke auf Jesus zu stoßen. Hier wurden neben Mel Gibsons „Die Passion Christi“ zum Beispiel auch „Das Erste Evangelium – Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini oder „König David“ mit Richard Gere gedreht. Statt auf Jesus trifft man aber auf Cafés, Eisdielen und Restaurants.

Umsiedlung und Neubeginn

Der Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ bringt der Stadt Aufschwung, viele junge Italiener kommen zurück – manche waren nie weg. Francesco Ambrosecchia, 34, und Raffaele Giannella, 25, zum Beispiel. Die Cousins betreiben die Weinbar „Nocelleria“ in den Sassi, und zwar in jenem Gemäuer, in dem noch Ambrosecchias Großvater wohnte, dessen Foto über dem Tresen hängt. Als sein Vater zwei Jahre alt war, wurde die Familie umgesiedelt. „Das Leben in den Höhlen war schlecht für die Knochen, dieses gebückte Laufen“, sagt Ambrosecchia. Die Cousins erzählen von der Geschichte der Stadt, wissen selbst Details aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aus Matera wegzuziehen, wie viele Gleichaltrige im Rest des Landes es tun, können sie sich nicht vorstellen. Dass die Stadt nun Kulturhauptstadt wird, sehen sie auch als Chance, dass sie bald bekannter wird.

Angelo Lamacchias Großmutter hat ebenfalls in den Sassi gewohnt. Der 33 Jahre alte Maler betreibt in der Nähe der alten Wohnung ein Atelier und sagt: „Vor fünf Jahren war es hier wie in Neapel.“ Er meint damit: lebendig. Aus vielen restaurierten Höhlen wurden Airbnb-Unterkünfte oder gleich Luxushotels. Er hat sich für die Kunst entschieden und hofft, dass weiter junge Leute in die Stadt kommen und Matera wächst. „Aber nicht zu sehr.“

Tatsächlich ist das Bemerkenswerte an Matera nicht nur, wie schön es ist, sondern wie gut man diese Schönheit genießen kann. Sicher gibt es Touristennepp wie Selfie-Sticks oder Minions-Figuren zu kaufen, aber in überschaubarem Maß. Und auch wenn die Zahl der Besucher von jährlich 200 000 im Jahr 2010 auf 450 000 im Jahr 2017 schnellte, schieben sich keine Touristenströme durch die kleinen Straßen, in denen Kakteen stehen und Heiligenbilder hängen. Meistens hat man die Gassen für sich – nur ab und an mustert einen eine skeptische Katze. Aber bleibt das so?

Kultur und Geschichte: Matera hat als Europäische Kulturhauptstadt 2019 viel zu bieten und erlebt derzeit einen 
regelrechten Aufschwung.
Kultur und Geschichte: Matera hat als Europäische Kulturhauptstadt 2019 viel zu bieten und erlebt derzeit einen 
regelrechten Aufschwung.
Foto: dpa

Auf Austausch bauen

Paolo Verri, Chef der Stiftung, die das Programm für das Kulturhauptstadtjahr verantwortet, hat sich in Städten wie Amsterdam oder Barcelona umgehört, um zu vermeiden, was dort zum Problem wurde: Overtourism. Zu viele Besucher und die Verdrängung der Einheimischen. „Das Wichtigste ist der Austausch“, sagt Verri. Bewohner dürften nicht abgeschottet werden, Besucher sehe man als „temporäre Einwohner“. Beide sollten voneinander lernen – die Einheimischen, was in der Welt los ist, die Touristen die Traditionen der Region.

Die Stadt legt Wert darauf, dass die Unterkünfte nicht aussehen wie überall. Möbel stammen von einheimischen Designern, denn die Region war in der Sofa-Industrie einmal bedeutend. Das Programm für das Kulturhauptstadtjahr ist vielseitig – und nimmt das Wort „europäisch“ ernst.

Für die Projekte gilt, dass 30 Prozent der Teilnehmer aus Europa stammen müssen, 30 aus der Region Basilicata und 30 aus Matera. Im Juli etwa sollen sich die Sassi für einen Monat in eine Freilicht-Oper verwandeln, bei der jeder mitspielen kann. Eine Bedingung für eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt ist auch, die Bewohner einzubeziehen. Die scheinen sich auf 2019 zu freuen. Die Stadt brauche „un piccolo trampolino“, ein kleines Trampolin, sagt Linda Perrone, die Touristen durch die steilen Sassi führt, für die man festes Schuhwerk braucht.

Das Leben von einst zeigen

Perrone zeigt viele Kirchen, die Stelle, an der Mel Gibson die Kreuzigung Jesu gedreht hat und schließlich eine Höhle, die eingerichtet ist wie früher. In der Casa Grotta, die bis 1958 bewohnt war, stehen Möbel aus dunklem Holz, wie sie Großstädter gern auf Flohmärkten kaufen. Eine Spiegelkommode zieren Leinendecken, Wecker und Heiligenfiguren, neben dem Bett hängt eine Babykrippe. Auf den ersten Blick hübsch – bis man weiter hinabsteigt und sich vorstellt, dass auf der zweiten Ebene die Tiere lebten, kaum Luft oder Licht. Ein altes Foto zeigt neun Menschen in dem Raum und einen Hund. Museen wie der Palazzo Lanfranchi geben ebenfalls Einblick in das Leben damals. Überhaupt ist die Stadt nicht arm an Museen. Archäologie spielt eine große Rolle, eines widmet sich dem Olivenöl.

Natürlich dreht sich hier das Leben wie überall in Italien auch ums Essen. Man sieht sogar noch, woher es kommt. An einem Nachmittag trägt ein Mann Schweinehälften auf seinem Rücken über die Piazza. Dienstag ist wohl Schlachttag. Und am Ende begegnet man doch noch Jesus: Sein Bild hängt gerahmt beim Metzger. Über der Fleischtheke.


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