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In eine sooo grüne Landschaft

In eine sooo grüne Landschaft

In eine sooo grüne Landschaft
Stippvisite in die Großregion

In eine sooo grüne Landschaft


von Henri LEYDER/ 31.08.2019

Voll im Grünen: kleiner Campingplatz am Semois-Ufer vor Herbeumont; „Auberge du Moulin hideux“ unterhalb von Noirefontaine.Foto: Chris Karaba

Im letzten Teil "Stippvisite in die Großregion" geht es den belgischen Fluss Semois entlang in eine außerordentlich grüne Landschaft.

Ein Ausflug, den belgischen Fluss Semois entlang, ist, ob mit Automobil oder Motorrad, ein ungeahnt schöner Ausflug in eine außerordentlich grüne Landschaft. Von der Quelle bis zu Mündung!

Text: Henri Leyder / Fotos: Chris Karaba

Die Semois ist eigentlich ein atypischer Fluss. Die meisten entspringen in gebirgigem Umfeld, verbringen den Rest und damit den weit längsten Teil ihres Daseins im Flachland. Nicht so die Setzbaach, wie die Areler ihre Semois nennen. Bis hinter Florenville meandert sie durch ein breites Tal, anschließend schlägt sie große Bögen um nicht enden wollende Anhöhen und Bergrücken.

So als wolle sie nicht aus Arlon hinaus, windet und krümmt sie sich, bevor sie die westliche Richtung einschlägt. Über Viville (Alenuewen), Freylange (Frellen), Stockem (Stackem), Fouches (Affen), Sampont (Suess) und Villers-Tortru (Weller-Täerchen) verabschiedet sie sich aus dem Arelerland, um in die Region Gaume hinein zu schleichen.

Zuerst das breite Wiesental

Wie bereits zuvor, aber von nun an ganz besonders, bewässert – oder entwässert! – die Semois ein breites Wiesental, das nördlich und südlich von großen Wäldern gesäumt wird.  Sie schlägt größere und zahlreiche kleine Bögen, meandert fleißig sich dahin – ganz im Gegenteil zu der Straße, die wir als Route vorschlagen. Wenigstens vorerst.

Von Luxemburg kommend verlassen wir hinter Arlon die Autobahn E411/E25 über die Ausfahrt Stockem/Fouches, um dann sofort links ab die Richtung Florenville einzuschlagen – wohin wir (über die N83) auch gelangen wollen. Bis dahin genießen wir das satte, richtig entspannende Grün der Landschaft und die nett herausgeputzten Ortschaften, u. a. Vance, Etalle, Tintigny und Jamoigne. Letztere  überrascht  mit einem Schloss, das strahlt wie ein Neubau. Was es  auch ist. Es handelt sich um das Château du Faing. Im neugotischen Stil erbaut, ist es heute im Besitz und Sitz der Gemeinde Chiny . Eine architektonische Perle mit einer bewegten, 700 Jahre alten Geschichte.

Florenville ist ein lebhaftes Geschäftszentrum, aber ohne herausragende Sehenswürdigkeit, es sei denn ihr Belvédère mit nordwärts einem weiten Blick auf das Semois-Tal – das uns bald aufnehmen wird. Zuerst folgen wir der N83 weiter Richtung Bouillon, vom Zentrum von Florenville aus gesehen, nur etwa drei Kilometer. Wir biegen nach rechts ab Richtung Chassepierre, erreichen das typische Dörfchen mit dem offiziellen Prädikat „Eines der schönsten Belgiens“ nahezu sofort. Seit mehr als 40 Jahren bietet es am vorletzten August-Wochenende den Rahmen für ein weit über die Grenzen Belgiens hinaus bekanntes „Festival international des Arts de la rue“.

Ab jetzt bergauf, bergab

Bis dahin wollen wir nicht in Chassepierre bleiben, sondern biegen vor der 1702 erbauten und seit den 1990er Jahren klassierten Pfarrkirche nach links ab, d. h. weiter talwärts, bis an das linke Ufer der Semois, die in der Zwischenzeit zu einem Fluss angewachsen ist. Von nun lassen wir uns auf ein Versteckspiel mit ihr ein. Sie neckt uns mal weit unten im Tal, mal rechts, mal links der Straße, mal in lauschigen Dorfecken, mal schimmernd hinter hohen Hecken. Derweil sie stets gemächlich dahinfließt, verläuft unsere Route immer wieder bergauf, bergab, fast nur noch durch tiefe Laubwälder und verträumte Ortschaften.

Nach Chassepierre erreichen wir das urgemütliche Sainte-Cécile, etwa ein halbes Dutzend Kilometer weiter das etwas vornehmere  Herbeumont (mit seinem linksseitig im Dorf auf einem Felsvorsprung seit 1658 liegenden Schlossruine). Unsere Route verläuft geradedurch. Etwa einen Kilometer später  biegen wir nach einer Rechtskurve überraschend von der N884 nach links auf die N865 ab, um in Mortehan anzulangen. Den sympathischen Flecken und das nicht minder liebliche Cugnon trennt nur unsere friedvoll dahinfließende Wegbegleiterin.

Ab und zu lädt ein Schild ein, die schöne Aussicht zu genießen, exakt 6,8 Kilometer hinter Mortehan (kurz vor Dohan) rechts  von einer scharfen Linkskurve eine der schönsten entlang unserer Strecke.

Im historischen Bouillon

Nach Dohan ist Noirefontaine das nächste Ziel. Etwa vier Kilometer hinter Dohan zeigt an einer von links einmündenden Straße, einer Sackgasse, ein diskreter touristischer Wegweiser die „Auberge du Moulin hideux“ an. Allein das Gebäude und seine Umgebung sind  den nur einige hundert Meter weiten Abstecher wert. Das luxuriöse Hôtel-Restaurant wird seit 1958 regelmäßig mit einem Michelin-Stern beehrt.

Durch Noirefontaine hinauf erreichen wir die vielbefahrene Schnellstraße Liège-Reims. Wir biegen nach links Richtung Bouillon ab, einen Kilometer weiter nach rechts hinab in das geschichtsträchtige, wunderschön an den Ufern der Semois gelegene Städtchen. Dessen Burgruine mit Teilen aus dem neunten Jahrhundert spiegelt sich auf der Oberfläche des träge dahinfließenden Flusses.

Chris Karaba

Von Bouillon aus führt eine weitere kurvenreiche Straße  uns nach Corbion hinauf und nach Poupehan hinüber. Und wieder geht es bergauf, diesmal nach Rochehaut, „Hoher Fels“.  Dort angekommen, folgen wir nach links dem etwas diskreten Wegweiser „Alle“, um am Ortsausgang rechtsseitig einen Parkplatz anzusteuern. Dieser Zwischenstopp lohnt sich ganz besonders, der Ort gibt nämlich einen wunderschönen Blick frei über eine Semois-Schleife, die den Flecken Frahan förmlich umschmeichelt.

Von Rochehaut geht es, wie könnte es auch anders sein, wieder bergab, wieder in die Nähe der Semois. Auf den zwölf Kilometern bis zu unserem nächsten und letzten Etappenziel Bohan kündigen wir ihr nur mehr kurzzeitig die Treue.  Die Ortschaften Alle, Vresse, Mouzaive, Chairière, Membre und Bohan profitieren als Touristenzentren von ihrer günstigen Lage an den Ufern unseres Gastflusses. Alle liebliche Ortschaften, stille, blumengeschmückte und einladende. Ganz besonders Bohan. Alle-sur-Semois wirbt gerne mit seinem Schieferabbau…

Semois-Tabak nicht ganz verglüht

Von Bouillon herüber fallen unterwegs einige Holzgerippe auf, die Überbleibsel von nutzlos gewordenen Schuppen sein könnten. Sie sind das auch, dienten allerdings einstigen Tabakmanufakturen zum Lufttrocknen der an den Ufern der Semois geernteten Tabakblätter. Gegen den günstigen Tabak aus Übersee war letztendlich kein Kraut, pardon: Tabak am Setzbach gewachsen.  Dennoch: in Dohan überlebt an der Straße nach Les-Hautes-Rivières die Manufacture du Tabac, die noch selbst Tabak anpflanzt  und Zigarren wickelt. Deren Trockenhäuser liegen etwas weiter außerhalb in der Nähe des (heruntergekommenen) Stade de football.  - In Corbion kann übrigens ein Musée du tabac besucht werden.

An Restaurationsmöglichkeiten fehlt es an der gesamten Strecke nicht. Wem eine Tagestour zu kurz ist, Hotels sind ebenfalls genügend vorhanden, vor allem in Bouillon und von dort aus bis Bohan. Frittenbuden sind auffallend sehr … selten anzutreffen!

Blick über die Grenze

Mit unserer Route sind wir in Bohan vor der belgisch-französischen Landesgrenze angekommen. Und damit auch am Ende der schönsten, der belgischen Semois-Strecke. Mehrere Möglichkeiten zurück nach Hause bieten sich jetzt an. Die längere beginnt mit der 18 Kilometer langen Fortsetzung der Fahrt, jetzt  in das Département Ardennes hinein, die Semoy (!) entlang über Les-Hautes-Rivières bis nach Monthermé. (siehe auch Kasten „Die Route“).  Auch sie weiß zu gefallen, bringt allerdings nicht den Charme des belgischen Teiles auf, obwohl die Region insgesamt auch landschaftlich sehr viel zu bieten hat. Das Gebiet wird eingegrenzt von den schönen Städten und Städtchen Sedan, Charleville-Mézières, Rocroi, Fumay und Haybes. Und die Meuse stellt das touristische Rückgrat. Oder ist es ihr und der Semois zu verdanken, dass es auch hier überall so prächtig grünt?  Und blüht?

Dieser Text ist ursprünglich in "AutoMoto" erschienen.