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Stettin: Radeln und Tanzen am Fluss
Lifestyle 5 Min. 14.09.2019

Stettin: Radeln und Tanzen am Fluss

Blick auf die Stettiner Altstadt mit dem Schloss.

Stettin: Radeln und Tanzen am Fluss

Blick auf die Stettiner Altstadt mit dem Schloss.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 5 Min. 14.09.2019

Stettin: Radeln und Tanzen am Fluss

Polens westlichste Metropole Stettin überrascht mit frischem Flair und einer spannenden Kultur- und Kunstszene.

Von Carsten Heinke 

Auf vier Beinen stehend, recken sie aus ihren grünen Leibern die Hebearme wie lange Hälse in den Ostseehimmel. Die drei ausgedienten Lastenkräne auf der Oderinsel Lastadie ähneln großen Tieren aus der Urzeit. „Dzwigozaury“ (Wortspiel aus Kran und Saurier) nennen die Stettiner diese Veteranen ihres Hafens, dem die Metropole an der Odermündung ihren Wohlstand verdankt. Die meisten kann man von der Speicherstraße aus sehen. Denn direkt gegenüber, auf der anderen Seite, liegt die Altstadt.

Links die Jakobskathedrale, das Schloss der pommerschen Herzöge in der Mitte, rechts die Hakenterrassen mit dem Nationalmuseum. Dazwischen Bürgerhäuser, Stadtpaläste, Kirchen, ein paar seelenlose Quader aus Beton, und immer mehr moderne Bauten, deren eleganter, zurückhaltender Stil für den Respekt vor ihren Nachbarn aus Gotik, Renaissance und Barock spricht.

Die neue Philharmonie, die in den Abendstunden einer transluzenten Laterne gleicht.
Die neue Philharmonie, die in den Abendstunden einer transluzenten Laterne gleicht.
Foto: Carsten Heinke

Das spektakulärste architektonische Kunstwerk ist die Mieczyslaw-Karlowicz-Philharmonie. Sie entstand an gleicher Stelle wie das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Konzerthaus von 1884. Das Gebäude erhielt kurz nach Eröffnung 2014 den internationalen Mies-van-der-Rohe-Preis. Seine zergliederte Fassade könnte sowohl einen Eisblock, die Zacken einer Krone als auch die Silhouette hoher, schmaler Bürgerhäuser darstellen. Beleuchtet ist es am schönsten zur „blauen Stunde“. Matt strahlender Glanz verwandelt dann den Musentempel in eine fragile Papierlaterne.

Ehemaliges Einkaufsparadies

Polnische Ostseebäder wie Kolberg, Misdroy oder Swinemünde waren auch zu Zeiten des Sozialismus nicht nur bei Einheimischen beliebt. Viele Menschen aus der DDR kamen hierhin nur zum Shoppen. Die meisten Lebensmittel waren deutlich billiger, und obendrein bekam man auf den Märkten Produkte aus dem Westen. Heute liegt der äußerste Nordwesten Polens nicht mehr im Schatten einer Grenze, sondern in der Mitte von Europa. Stettin (Szczecin) ist die charmante, coole Mutter-City einer aufstrebenden deutsch-polnischen Metropolregion, in der in absehbarer Zeit eine Million Menschen leben werden – und ganz Westpommern mit seinen Natur- und Kulturschätzen ein vielseitiges Urlaubsziel.


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Die heutige polnische Woiwodschaft Westpommern wurde aus dem einstigen Hinterpommern sowie kleinen Teilen des historischen Vorpommerns und der Neumark gebildet. Um die Zeitenwende lebten hier Germanen, später das westslawische Ostseevolk der Pomoranen. Vom 12. bis 17. Jahrhundert wurde das Gebiet von den pommerschen Greifenherzögen beherrscht. Ihre Hauptstadt war die Hansestadt Stettin. Weitere Residenzen hatten sie in Stargard, Stolp und Rügenwalde. Stettins Reichtum wuchs, als ihm im 14. Jahrhundert sowohl Pommern als auch Polen Privilegien verliehen. Damit machte es zeitweise dem vom Deutschen Orden besetzten Danzig seinen Rang als Handelsmetropole streitig.

Vor der Altstadt liegen der westliche Uferboulevard (Piastowski), Cafés und Restaurants mit Oderblick und die „Allee der Segler“. Dieser öffentliche Kunst-Parcour versammelt Figuren und Objekte zu maritimen Themen – wie etwa eine Bronzeplastik der polnischen Seefahrerlegende Ludek. Den Fluss selbst umrahmen Kais und feste, breite Wege mit Fahrradspuren, langen Bänken oder Stufen. Die Neuerungen sind Teil von „Szczecin Floating Garden 2050“.

„Mit dem visionären Projekt wird sich Stettin in den kommenden Jahrzehnten immer mehr zur Wasserstadt entwickeln“, erklärt Artur Pomianowski vom regionalen Tourismusverband. Das natürliche Netz aus Flussläufen und Inseln wolle man dabei zu einer „schwimmenden Gartenstadt“ ausbauen. Bereits heute besteht Stettin zu einem Viertel aus Wasser- und zu mehr als 40 Prozent aus Grünflächen.

Zentrum des Projekts wird das Gebiet rund um die Mitteloder sein. Der zukunftsweisende Boulevard ist nur der Anfang – und er wird dankbar angenommen. So sitzt, läuft und radelt man an beiden Ufern, liest und isst, schaut Schiffen, Segelbooten, Kanus hinterher – oder tanzt und flirtet.

Tango auf der Promenade

Schon unter der Schlossbrücke hört man die einschmeichelnden Klänge. Es ist Bachata, ein Stück sinnliche Karibik, das direkt in die Hüften geht – vor allem den sechs Paaren, die sich an diesem Nachmittag leidenschaftlich danach bewegen. Unter einem der drei Dino-Hafenkräne spielen die Musik und das Stelldichein der Stettiner Latin Dancers. Zwei von ihnen sind Anna und Robert. So oft sie können, kommt das Paar zum Tanzen. „Zweimal pro Woche treffen wir uns hier“, sagt Anna. Außer Bachata tanzt man Salsa, Tango und Kizomba. Für die Beschallung sorgt mobile Technik: ein Smartphone mit Lautsprechern. „Mal sind wir nur eine Handvoll, mal so viele, dass es eng wird“, erzählt Robert, der als Polizist arbeitet.

Radfahrer an der Uferpromenade.
Radfahrer an der Uferpromenade.
Foto: Carsten Heinke

„Engel der Freiheit“ könnte ein Poet die Protagonisten dieser Szene nennen. Doch das geflügelte Wort ist in Stettin bereits vergeben. Es gehört einer elf Meter hohen Bronzefigur auf dem Platz der Solidarität und erinnert an die antikommunistischen Rebellionen. 1970 wurden hier die ersten Schüsse auf friedliche Demonstranten abgefeuert. 16 starben. Doch der Widerstand wuchs. Zusammen mit den revolutionären Aktivitäten in Danzig läutete er das Ende des Sozialismus ein. Das Dialogzentrum „Umbrüche“, Teil des Nationalmuseums, dokumentiert diese Zeit in einer Ausstellung. Deren Räume befinden sich direkt unter dem Platz der Solidarität.

Mit seiner geschwungenen Oberfläche erinnert er an ein stark bewegtes Meer – was ihn zum idealen Terrain für Skater macht. „Die öffentliche Meinung dazu ist gespalten“, sagt Artur Pomianowski. Während sich die einen Friedhofsruhe wünschen und jegliche Freizeitaktivität verbannen wollen, begrüßen es die anderen. „Was die Kids dort tun, schadet niemand – und es hat Symbolkraft. Denn Skaten ist Freiheit.“ 


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