Spiekeroog

Eine Insel als Familienerbe

Ebbe und Flut bestimmen auf Spiekeroog die Badezeiten.
Ebbe und Flut bestimmen auf Spiekeroog die Badezeiten.
Foto: Rainer Holbe

von Rainer Holbe

Ein 15 Kilometer langer Sandstrand, Dünen, Salzwiesen, ein Hallenbad sowie ein romantisches Dorf mit putzigen Häusern – sie sind die Insel Spiekeroog, oben im Norden Deutschlands. Es gibt keinen Flugplatz, keinen Fahrradverleih und keine Autos. Mitgebrachte Räder dürfen nur außerhalb des Ortes benutzt werden.

In 50 Minuten geht es mit der Fähre vom Festland auf die Insel. Die Fahrzeiten variieren nach Ebbe und Flut.
In 50 Minuten geht es mit der Fähre vom Festland auf die Insel. Die Fahrzeiten variieren nach Ebbe und Flut.
Foto: Rainer Holbe

Eine Alternative für müde Urlauber ist die Museumsbahn. Wie in alten Zeiten zieht ein Pferd den Waggon zwischen dem alten Bahnhof und dem Westend. Mehrmals täglich startet das Gefährt auf der 1 300 Meter langen historischen Strecke, die früher von einer Diesellok bedient wurde.

Ein wenig Disneyland

Spiekeroog, das ist ein bisschen wie Bullerbü und ein wenig wie Disneyland. Die Insel hat 70 Prozent Stammgäste, die nicht erst seit Jahren, sondern seit Generationen hierher fahren. Für viele Gäste ist das winzige Eiland ein Familienerbstück. Man kommt zum ersten Mal als Kind, bringt irgendwann die eigenen Kinder mit und später dann die Enkel.

Bei der Abreise bucht man bereits für das nächste Jahr dasselbe Hotelzimmer, dasselbe Ferienhaus und denselben Tisch. Was für die Sommerferien besonders sinnvoll ist, denn da gibt es in den begehrten Restaurants am Abend zwei Essenszeiten. Ohne Reservierung geht im „Capitänshaus“ – neben der „Linde“ die beste Adresse – gar nichts.

Wie anderswo auch, isst man hier früh, die Küche schließt um 21 Uhr. Dafür offeriert sie originelle Meeresfrüchte-Tapas, und überhaupt Fisch in allen Variationen. Für den Nachmittag empfiehlt das „Teetied in’t Witthaus“ Ostfriesentee auf Messingstövchen, Sanddorngrog und mächtigen hausgemachten Kuchen, aber auch Herzhaftes in der knuffigen Gaststube mit den knarrenden Dielen.

Wie im Bilderbuch

Das Dorf in der Inselmitte wirkt so, als hätte es ein Kind mit Buntstiften in ein Bilderbuch gemalt. Es gibt den Bäcker, den Polizisten, den Briefträger, die Ponyhofbesitzerin, den Redakteur mit seinem „Inselboten“ und während der Saison auch Blümchen, den Typen mit der Margerite im Bart, von dem keiner genau weiß, was er tut. Hier regelmäßig Urlaub zu machen ist, als ob man in eine alte Familie einheiratet: Ein paar Wochen im Jahr lebt man einen Traum von Gemeinschaft, wie man sie zu Hause schon längst nicht mehr kennt.

Das Dorf ist als einziges der ostfriesischen Inseln seit Jahrhunderten an seinem ursprünglichen Platz geblieben und wurde nur einmal nach der Allerheiligenflut im Jahr 1570 wegen Landverlusten verlegt. Deshalb gibt es noch so viele denkmalgeschützte Friesenhäuser und alte Bäume in Kopfsteinpflastergassen. Und es existieren weder betonierte Spazierwege noch Hotelklötze, die anderswo die Promenaden verschandeln.

Für Regentage bietet sich das warme Meerwasser-Schwimmbad an, mit einem Süßwasserplanschbecken für Kinder und einer geräumigen Saunalandschaft für die Großen. Im Sommer gastiert der Mitmach-Inselzirkus „Tausendtraum“ im Kurpark, mit Spielfesten, Varieté-Abenden, Zauberei, Artistik und allerlei Schnickschnack.

Glockengeläut vom Küster

Zur stillen Einkehr öffnet sich die eher unscheinbare „Alte Inselkirche“ aus dem Jahre 1696, das älteste erhaltene Gotteshaus aller ostfriesischen Inseln. Im Inneren funkeln Sterne am blauen Himmel, es gibt eine wertvolle Renaissancekanzel sowie eine Pietà, Maria mit dem toten Jesus im Arm. Die Kirchenglocke läutet der Küster noch immer von Hand.

Durch eine malerische Dünenlandschaft geht es zum 15 Kilometer langen Strand.
Durch eine malerische Dünenlandschaft geht es zum 15 Kilometer langen Strand.
Foto: Rainer Holbe

Ob vom Ferienhaus oder dem Hotelzimmer: In einer knappen halben Stunde ist die Nordsee mit ihrem 15 Kilometer langen Strand und den berühmten weißen Strandkörben bequem zu erreichen. Familien starten mit dem Bollerwagen. Und wer Glück hat, übt sich im Dünensingen, einer weltweit einzigartigen Veranstaltung. Seit fünfzig Jahren singt dort der inzwischen pensionierte Französisch- und Sportlehrer Eckart Strate mit seiner Gitarre Popsongs, Choräle und Chansons. Um ihn herum sitzen Urlauber in Badeshorts auf sandigen Handtüchern und singen achtstimmig Kinderlieder und Beethoven-Kanons.

Der „Utkieker“ als Spiegelbild

Von Wittdün, dem mit 24 Metern höchsten Punkt der Insel und zugleich die höchste Erhebung von ganz Ostfriesland, blickt man weit über eine grün-braune Dünenlandschaft zum „Utkieker“, einer zwei Mann hohen Bronzestatue, die mit den Händen die Augen beschirmt: ein Spiegelbild des eigenen In-die-Ferne-Schauens.

Der „Utkieker“ – eine zwei Mann hohe Bronzestatue – schaut über die grün-braune Dünenlandschaft.
Der „Utkieker“ – eine zwei Mann hohe Bronzestatue – schaut über die grün-braune Dünenlandschaft.
Foto: Rainer Holbe

Im Osten der Insel liegt der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und durch Sandanlandung ständig wächst. Diese Ruhezone darf nur auf wenigen markierten Wegen betreten werden.

Die sieben Kilometer lange und 2,5 Kilometer breite Ostplatte zeigt alle Stadien einer Inselentstehung. Hier ist die Heimat der Steinschmätzer, Eiderenten und Ohrenlerchen. Geschnatter und Geflatter von allen Seiten. Es ist, als ob die Vögel – genau wie die Gäste – Spiekeroog für sich entdeckt hätten. Als einen Ort, der beides bietet: Zugehörigkeit und Freiheit.