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Seychellen: Paradies auf Probe
Lifestyle 6 Min. 05.03.2020

Seychellen: Paradies auf Probe

Bilderbuchparadies: Auf der kleinen Insel Frégate erobert sich die Natur langsam ihren Platz zurück. Für die Postkartenidylle sorgen bereits jetzt der weiße Sandstrand, das türkisblaue Wasser und die Palmen.

Seychellen: Paradies auf Probe

Bilderbuchparadies: Auf der kleinen Insel Frégate erobert sich die Natur langsam ihren Platz zurück. Für die Postkartenidylle sorgen bereits jetzt der weiße Sandstrand, das türkisblaue Wasser und die Palmen.
Foto: Win Schumacher
Lifestyle 6 Min. 05.03.2020

Seychellen: Paradies auf Probe

Die Naturschutzprogramme tragen auf den Seychellen erste Früchte. Doch der Ökotourismus steckt weiterhin in den Kinderschuhen.

von Win Schumacher

Der Garten Eden hüllt sich in Grau. Dunkle Wolken liegen über den Inseln. Irgendwo vor Madagaskar wirbelt ein Zyklon und schiebt eine Regenfront über die Seychellen. Joel Louise halten jedoch auch die unaufhörlichen Schauer nicht von seiner Patrouille im Curieuse-Meeresnationalpark ab. Gerade krault der Ranger eine gewaltige Riesenschildkröte am Kiefer. Der gepanzerte Gigant scheint das morgendliche Treatment sichtlich zu genießen.

„Captain Morgan ist auf dieser Seite der Insel unser ältester Schützling“, erklärt der 24-Jährige. Mit über 110 Jahren ist die Schildkröte fast fünf Mal so alt wie ihr Masseur. „Sie sind die letzte Generation der Dinosaurier“, sagt Joel. Er ist einer von etlichen jungen Seychellois, die sich dafür einsetzen, dass die berühmten Aldabra-Riesenschildkröten wieder auf die Inseln zurückkehren, die sie einst regierten, bevor im 16. und 17. Jahrhundert die ersten europäischen Seefahrer den paradiesischen Archipel im Indischen Ozean eroberten und die trägen Riesen fast überall ausrotteten.

Friedvolle Bewohner auf Curieuse: Ranger Joel Louise und eine der eindrucksvollen Riesenschildkröten.
Friedvolle Bewohner auf Curieuse: Ranger Joel Louise und eine der eindrucksvollen Riesenschildkröten.
Foto: Win Schumacher

Auf Curieuse, einem Eiland vor Praslin, der zweitgrößten Insel der zentralen Granitinseln, leben heute wieder etwa 300 Schildkröten. Die Zahl ihrer Verwandten aus dem Ozean, die Echte Karett- und Grüne Meeresschildkröte, hat hingegen in den letzten Jahrzehnten um die Hauptinseln kontinuierlich abgenommen. „Noch immer werden sie gewildert und ihre Gelege geplündert“, sagt Joel, „die Polizei reagiert viel zu langsam. Kaum jemand wird festgenommen.“

Neben der Wilderei machen Naturschützer auch die Meeresverschmutzung, Überfischung, Störung durch den Menschen und den Klimawandel für die Bedrohung der Schildkröten verantwortlich. Auf Mahé und Praslin gibt es kaum noch unbebaute Buchten für ihre Eiablage. Hotelstrände meiden sie.

Bedrohtes Naturidyll

Die Seychellen gelten eigentlich als Rückzugsort für Ökotouristen mit grünem Gewissen. Die Inselnation hat als eines der ersten Länder der Welt den Naturschutz in ihrer Verfassung verankert, mehr als die Hälfte der Landesfläche ist geschützt.


El Salvador Schildkrötenuntersuchung
Zwischen Wildnis und Hochkultur
Das kleinste Land Zentralamerikas rettet Meeresschildkröten und alte Maya-Handwerkstraditionen. Wer will, kann dabei helfen: in der Jiquilisco-Bucht mit Wissenschaftlern auf Kontrolltour oder bei einem Indigo-Workshop in Suchitoto.

Auf den Seychellen wurde dem Mythos nach nicht nur die Fototapete mit tief geneigten Kokospalmen über türkisblauem Meer und puderzuckerweißem Sand entdeckt – auch das Modell eines hochpreisigen Ökourlaubs auf der Trauminsel. Honeymooner und Besserverdiener sollten für ihre Detox-Robinsonade all das für sich allein haben, was auf den Urlaubsinseln der Welt längst Mangelware geworden ist: einsame Strände, üppige Romantik und eine intakte Natur. Der Luxustourismus und wohl auch undurchsichtige Offshore-Geschäfte haben dem Archipel einen beachtlichen Wohlstand eingebracht. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf landeten die Seychellen als reichstes Land Afrikas im letzten Ranking des IWF sogar vor einigen EU-Ländern wie Ungarn und Polen.

Die Seychellen mögen in Sachen Umweltschutz Mauritius und den Malediven, ihren größten Rivalen unter den Reisezielen im Indischen Ozean, um Jahrzehnte voraus sein. Auf Mauritius hat längst der Massentourismus Einzug gehalten. Die Malediven erlebten jüngst einen regelrechten Bauboom. In den letzten beiden Jahren wuchs die Zahl der Resorts um 40 auf mehr als 150. Zwar gibt es dort kaum ein Eiland, das sich nicht als Ökoresort vermarktet – angesichts zubetonierter Koralleninseln und einer Hotel-Logistik, die fast komplett von Importen aus dem Ausland lebt, bleibt das Siegel der Nachhaltigkeit jedoch bei den meisten zweifelhaft. Greenwashing gehört im Indischen Ozean vielerorts zum Geschäftsmodell.

Auch auf den Seychellen ist nicht alles so strahlend, wie es die Hochglanzbroschüren versprechen. Etliche Hotelketten und einige Milliardäre erfüllten sich hier im vergangenen Jahrzehnt ihren Traum vom Insel-Paradies – bisweilen auch auf Kosten der Natur. Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Premierminister Abu Dhabis, stellte sich gleich einen gigantischen Wohnpalast auf einen Bergrücken der größten Seychelleninsel Mahé. Anwohner demonstrierten gegen die Verschmutzung durch den Bau. Die Proteste blieben jedoch weitgehend folgenlos.

Kritik an Großprojekt

Nicht weit vom Sainte-Anne-Marine-Nationalpark entstand Anfang der 2000er-Jahre eine 56 Hektar große künstliche Insel, auf der inzwischen mehr als 500 Residenzen gebaut wurden. Bei Kauf einer der Luxusimmobilien von Eden Island winkt den neuen Besitzern gleich eine Aufenthaltsgenehmigung auf den Seychellen. Nach Angaben der Regierung sollte das Projekt Mahé und seine wachsende Bevölkerung vor noch dichterer Bebauung bewahren. Der mittelverdienende Einheimische wird jedoch wohl weiter an den von Erdrutschen gefährdeten Berghängen der Insel nach Bauland Ausschau halten. Naturschützer sehen mit dem Großprojekt zudem einen wichtigen Lebensraum zahlreicher Tierarten zerstört. Haien und Meeresschildkröten bleibt wohl nur der Rückzug in Richtung entfernter Inseln.

Die italienische Meeresbiologin Anna Zora kümmert sich auf der Insel Frégate um die bedrohten Reptilien.
Die italienische Meeresbiologin Anna Zora kümmert sich auf der Insel Frégate um die bedrohten Reptilien.
Foto: Win Schumacher

Etwa eine Bootsstunde weiter draußen auf dem Ozean liegt die entlegenste Granitinsel der Seychellen: Frégate. Um die mehr als 3 500 Riesenschildkröten des Eilands kümmert sich Anna Zora. Die italienische Meeresbiologin lebt seit 13 Jahren im Indischen Ozean. Gerade hat sich die 37-Jährige aufgemacht, um die Strände nach Spuren von Meeresschildkröten abzusuchen, die in dieser Jahreszeit zu Dutzenden die Insel zur Eiablage aufsuchen. Auf den Dschungelpfaden von einer Bucht zur nächsten erzählt sie von Ylang-Ylang, Vanille und endemischen Heilpflanzen. Aus ihren Extrakten und Kokosöl stellt sie selbst Seifen und Shampoos her.

Besonders gerne zeigt sie Gästen auch seltene Vogelarten wie den schwarz-weißen Seychellendajal, der einst nur auf Frégate überlebte und dank eines engagierten Artenschutzprogramms vor dem Aussterben bewahrt wurde. „Frégate ist anderen Inseln, die gerade erst mit der Renaturierung beginnen, um viele Jahre voraus“, sagt Anna.

Naturprojekt auf Frégate

Seit den späten 1970er-Jahren versucht man auf Frégate, die einstige Kopraplantage in einen Zustand vor der Ankunft des Menschen zurückzuversetzen. Im Inselinneren wuchert nun wieder Tropenwald. Heerscharen von Seevögeln sind auf die Insel zurückgekehrt. Coralive, eine Schweizer NGO zum Schutz der Riffe, unterhält hier eine ihrer Korallenaufzuchtstationen.

Vor dem Aussterben bewahrt: der seltene Seychellendajal.
Vor dem Aussterben bewahrt: der seltene Seychellendajal.
Foto: Win Schumacher

Ein Großteil der Riffe der Seychellen ist in den vergangenen 20 Jahren durch die Meereserwärmung abgestorben. Frégate steht mit seinem Engagement mittlerweile Modell für Ökoresorts weltweit. Das Geld für den Naturschutz kommt von Firmenbossen und Weltstars aus Sport, Kino und Showbiz, die auf Frégate urlauben. Dafür zahlen sie mindestens 4 000 Euro pro Nacht.

„Den meisten ist die Umwelt wichtig“, sagt Anna, „aber es gibt natürlich auch Ausnahmen.“ Sie weiß, wie schwierig es ist, die hohen Ansprüche mit den Nachhaltigkeitsstandards der Insel zu vereinbaren. Frégate muss wie alle Seychelleninseln sämtliches Fleisch einführen. Darauf will beim Traumurlaub aber kaum jemand verzichten. Immerhin deckt der organisch geführte Inselgarten je nach Saison 40 bis 80 Prozent des Inselbedarfs. Da der Archipel keine eigenen Recyclinganlagen hat, muss geschredderter Plastik- und Aluminium-Müll nach Indien ausgeschifft werden. „Nachhaltigkeit ist ein langwieriger Prozess“, sagt Anna. Plastik hat Frégate inzwischen fast komplett abgeschafft. Solarenergie soll irgendwann den Diesel-Generator überholen, der noch immer für einen Großteil des Strombedarfs aufkommt.

Wenn man bei Sonnenuntergang vom Mount Signal, dem höchsten Punkt Frégates, über den Tropenwald auf den Ozean blickt, ist die Luft vom Rufen der Seevögel erfüllt. Zu Hunderten kehren die Feenseeschwalben auf die Insel zurück. Die Abendsonne lässt ihr Gefieder wie Engelsgewänder leuchten. Plötzlich ist das Paradies ganz nah, das einst die ersten Seefahrer beschrieben. Der Mensch als Gärtner im Garten Eden ist fast vergessen. Er vermag mühsam, ein paar Inselchen zu bewahren – in einem Ozean, den er weiter hemmungslos ausbeutet. 


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