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Wandern am Walliser Wasser
Lifestyle 5 Min. 21.08.2021
Rhônetal

Wandern am Walliser Wasser

Die Suone  Saxon beeindruckt mit überirdischen Holzkonstruktionen, in denen das Wasser bergab plätschert.
Rhônetal

Wandern am Walliser Wasser

Die Suone Saxon beeindruckt mit überirdischen Holzkonstruktionen, in denen das Wasser bergab plätschert.
Foto: Geraldine Friedrich
Lifestyle 5 Min. 21.08.2021
Rhônetal

Wandern am Walliser Wasser

Kühe, Reben, Aprikosen – all das wäre im Rhônetal nicht möglich ohne die Suonen.

Von Geraldine Friedrich

„Bonjour – ich heiße Hans Weihnachten“, stellt sich Wanderführer Jean-Noël Glassey, genannt Jackson, vor. Der 55-Jährige führt seine Gruppe an eine etwa vier Meter hohe Holzskulptur, eine eigenwillige Mischung aus Kreuz und Totempfahl. Diese markiert den Beginn der Suone Vex. „Die meisten Wanderer haben Probleme, die Wasserkanäle zu finden, diese einheitlichen Skulpturen sollen das Auffinden der Start- und Endpunkte erleichtern“, erklärt Glassey. Die 13,4 Kilometer lange Suone Vex ist die breiteste und sogar mit Kinderwagen und Rollstuhl begehbar. Sie führt von Veysonnaz vorbei am rund 2 500 Meter hohen Monte Rouge über Planchouet bis nach Lavantier und ist im Sommer stark frequentiert.

„Suonen“, das klingt eher nach Indianerstamm in Kanada als nach Schweizer Bewässerungskanal. Woher der Begriff kommt, der so ganz anders als das französische „bisse“ klingt, vermag niemand zu sagen. Möglicherweise stammt er von dem althochdeutschen „Suoha“ ab, was so viel wie Furche bedeutet. Und tatsächlich ziehen sich die künstlichen Bewässerungsgräben wie Furchen durch die Schweizer Alpen, stets befinden sie sich auf der Bergseite entlang mal breiterer, mal schmalerer Wege. Auch in anderen Regionen gibt es diese Form der künstlichen Bewässerung: In Südtirol heißen sie Waale, im Südschwarzwald nennt man sie Wühre.

Zeugnisse der Vergangenheit

Zehn Suonen liegen auf dem Terrain der Gemeinden Nendaz und Veysonnaz, davon führen acht heute noch Wasser. Sechs der Kanäle entnehmen ihr Wasser aus dem Flüsschen Printse, welches sich wiederum aus dem Wasser der Gletscher Grand-Désert und Tortin speist. Die Walliser Bauern legten nachweislich seit dem 12. Jahrhundert Suonen an, um im Sommer das aus Gletschern gewonnene Wasser bergab zu ihren Weinreben, Aprikosenbäumen und Kuhweiden zu führen, denn die Hänge rund um Sion im Rhône-Tal gehören zu den trockensten Regionen der Schweiz. Typisch für die Suonen ist, dass sie mit einem sehr geringen Gefälle von 0,1 bis 0,15 Prozent arbeiten.

Wanderführer Jean-Noël Glassey mit Hund Renzi.
Wanderführer Jean-Noël Glassey mit Hund Renzi.
Foto: Geraldine Friedrich

Einer der schönsten Wege führt entlang der Suone Saxon. Sie ist mit 32 Kilometern die Längste ihrer Art und startet auf 1.850 Metern über dem Meeresspiegel bei Siviez und endet in Saxon. Der Einstieg findet sich oberhalb der Seilbahnstation in Siviez rechts, man muss etwa fünf Minuten einen steilen Zickzackweg bergauf gehen bis besagter „Totempfahl“ erscheint.

Wilde, fast zugewachsene Wasserkanäle wechseln ab mit offenen Holzrinnen, die teils zwei bis drei Meter oberhalb des Weges entlang führen. Der Großteil der Strecke führt durch den Wald, das Wasser aus der Suone spendet Kühle – es ist die ideale Wanderung für bratpfannenheiße Sommertage.

Die Bauern legten seit dem 12. Jahrhundert Suonen an, um Wasser bergab zu führen.

Im Gegensatz zu anderen ist die Suone Saxon selbst in Ferienzeiten fast menschenleer, da sie eine gewisse Trittsicherheit erfordert: Mal geht der Wanderer in dem gelegentlich ausgetrockneten Bewässerungskanal selbst, teilweise daneben über unebene Hügel. Große Menschen müssen häufig ihren Kopf einziehen, damit sie sich nicht an überhängenden Felsen stoßen. Romantische Holzbrücken sowie schmale Pfade mit und ohne Holzgeländer verleihen der Route einen besonderen Charakter.

Tourismus seit 40 Jahren

Erst vor etwa 40 Jahren entdeckten die Walliser das touristische Potenzial der Suonen. Wein, Wasser, Wandern – wer einige Tage im zweitgrößten Kanton der Schweiz verbringt, erkennt mit der Zeit, wie alles mit allem zusammenhängt. Gemeinden wie Veysonnaz stellen in den Sommermonaten einen eigenen Suonen-Wächter ab, der dafür sorgt, dass alles läuft – im wahren Wortsinne. „Er muss nach einem Gewitter angeschwemmte Äste aus den Kanälen entfernen, damit diese nicht überlaufen“, erläutert Glassey.

Die Suonen sind Gemeinschaftseigentum der Bauern, das heißt auch, dass diese für Schäden, die durch Überschwemmungen entstehen, haften müssen. Bei anderen Gemeinden gibt es Vereinigungen, die für das Warten ihrer Suone zuständig sind. Mitglieder sind die Bauern, die ihre Felder an dem jeweiligen Kanal haben. Diese Form der Selbstorganisation war sogar der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom eine Untersuchung wert. Ostrom stellte die These auf, dass durch kollektives Eigentum natürliche Ressourcen wie Wasser langfristig besser bewirtschaftet werden als durch privates oder staatliches Eigentum.


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„Viele Touristen denken, die Wege neben den Suonen seien für die Wanderer gebaut worden. Doch die Wege sind schon sehr alt, auch heute sind die Suonen in erster Linie dazu da, damit die Bauern die Kanäle instand halten können“, erklärt Yvette Martignoni. Die 53-jährige Wanderführerin aus Nendaz schrieb vor gut 15 Jahren ihre Abschlussarbeit über die Suonen des Wallis und zeigt alte Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen Frauen Äste sammeln. Zusammen mit einer speziellen Erde bildeten die Bäuerinnen die wasserdichten Rinnen, in denen das kostbare Nass über Kilometer bergab transportiert wurde. Die Männer waren dagegen fürs Grobe zuständig und mussten Schlamm und Unrat aus den Suonen schöpfen.

Kanäle wie die Suone Vex existieren schon seit 1493, also ein Jahr nachdem Christoph Kolumbus Amerika entdeckt hat. Suonen, das waren einst die Lebensadern der Walliser Bauern. Und sie sind es im übertragenen Sinne heute noch, denn ohne die Wasserrinnen gäbe es keinen Suonen-Tourismus und das Wallis wäre nicht das, was es heute ist: der Aprikosen- und Weinproduzent der Schweiz.

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