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Reisen in Zeiten der Corona-Krise: Kreuzfahrt ins Ungewisse
Lifestyle 6 Min. 15.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Reisen in Zeiten der Corona-Krise: Kreuzfahrt ins Ungewisse

Das Kreuzfahrtschiff "Celebrity Infinity" kehrt in den Hafen von Miami zurück: Viele Seereisen wurden aufgrund der Coronavirus-Pandemie abgesagt.

Reisen in Zeiten der Corona-Krise: Kreuzfahrt ins Ungewisse

Das Kreuzfahrtschiff "Celebrity Infinity" kehrt in den Hafen von Miami zurück: Viele Seereisen wurden aufgrund der Coronavirus-Pandemie abgesagt.
Foto: Joe Raedle/Getty Images/AFP m
Lifestyle 6 Min. 15.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Reisen in Zeiten der Corona-Krise: Kreuzfahrt ins Ungewisse

Daniel WAMPACH
Daniel WAMPACH
Das erste Mal USA, das erste Mal Karibik - ein LW-Journalist trat zu einer echten Traumreise auf einem Kreuzfahrtschiff an. Nun aber haben alle Europäer das gleiche Problem: Wie kommen sie nur nach Hause?

Sonne, Palmen und traumhafte Strände. Jeder träumt davon, einmal in der Karibik zu urlauben. Als Kreuzfahrt-Fan habe ich eine einwöchige Rundreise gebucht - auf der "Oasis of the Seas", einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt. Am Sonntag soll die Reise in Miami enden - wie es dann weitergeht, wissen wir nicht.

Doch von vorne: Fast ein Jahr ist es her, dass ich diese Reise gebucht habe. Ein paar Tage in Miami, dann auf dem Dampfer durch die Karibik. Lange kann ich mich darauf freuen - bis wenige Tage vor Beginn der Reise.

Von dem Zeitpunkt an, als sich das Corona-Virus in Europa ausbreitet, bin ich echt nervös. Die Vorfreude ist der Angst gewichen: Wird US-Präsident Donald Trump die Grenzen schließen? Dürfen wir überhaupt noch aufs Schiff? 

Die "Oasis of the Seas" ist eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt.
Die "Oasis of the Seas" ist eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt.
Foto: Daniel Wampach

Fiebermessung vor dem Einsteigen

Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag, ich kann die Zeit in Miami gar nicht genießen. Am Morgen der Einschiffung sehen wir vom Hotel aus auch noch ein anderes Schiff vor der Küste, die "Regal Princess". Wegen Corona-Verdachts bei zwei Crewmitgliedern darf es nicht anlegen. Ein echter Albtraum.

Beim Gang auf die Oasis of the Seas wird das Fieber eines jeden Passagiers gemessen und eine Menge Fragen werden gestellt: Waren Sie in Kontakt mit einer infizierten Person? Sind Sie in den vergangenen 15 Tagen durch China, Italien oder Frankreich gereist? 

Doch am Ende schaffen wir es auf die Oasis - ein echtes Traumschiff mit einem ganz speziellen Baustil. Es gibt einen Freiluftpark mit vielen Pflanzen und Cafés. Man kann sich eine Aquashow unter freiem Himmel anschauen, Minigolf spielen oder sogar auf einer Eispiste Schlittschuh laufen. 

Maya-Ruinen in Chichen Itza. Dort erfahren wir von der Streichung unseres Heimflugs.
Maya-Ruinen in Chichen Itza. Dort erfahren wir von der Streichung unseres Heimflugs.
Foto: Daniel Wampach

Es kann also losgehen, mit dem ersten Cocktail fällt die Last ab. Doch gleich holt uns das Virus wieder ein: Wir dürfen nicht in Jamaika anlegen, die Ausweichstation lautet Costa Maya in Mexiko. Doch was soll's? Wir müssen uns dann eben anderswo amüsieren. Die restlichen Stationen lauten Labadee (Haiti) und Cozumel (Mexiko). Besonders auffällig: Vor jedem Restaurant, jedem Laden und jeder Bar steht mindestens ein Spender, um die Hände zu desinfizieren.


The German cruise ship Aida Aura is pictured on March 3, 2020 at the quay in Haugesund, Norway, pending the answer, whether two quarantineed passengers have been infected with the coronavirus. (Photo by Marit Hommedal / NTB Scanpix / AFP) / Norway OUT
Corona-Verdacht: Entwarnung auf Kreuzfahrtschiff "Aida Aura"
Nicht nur Luxair bekommt die Folgen der Coronakrise zunehmend zu spüren. Auch bei Kreuzfahrten sieht die Buchungslage in Luxemburg derzeit sehr mau aus. Jüngste Medienberichte sorgen für weitere Verunsicherung.

Die Tage auf dem Schiff sind traumhaft. Kein Internet, kein Telefon, einfach nur sorgenfreier Urlaub. Lediglich die ständige Bitte von Kapitän Claus, wir sollten uns die Hände oft waschen, erinnert an die Probleme zu Hause. Der sympathische Norweger erzählt mir, er hätte früher immer in Luxemburg in einem bestimmten Restaurant Halt gemacht, als er öfter mit dem Auto aus seiner Heimat nach Spanien und wieder zurück gefahren ist. 

Du bist Europäer. Ich will dich nicht berühren.

Auf den Handschlag mit Kapitän Claus muss ich aber verzichten: "Das ist schwer für uns Europäer, denn wir machen es ständig. Aber es ist wirklich wichtig, das nicht zu tun. Unser Schiff ist gesund und wir wollen alles dafür tun, dass es so bleibt." Es wird sich also nur noch mit einem "Fist Bump" begrüßt und verabschiedet, bei dem man sich mit den Fäusten berührt. Doch für eine US-Amerikanerin ist sogar das noch zu viel. "Du bist Europäer. Ich will dich nicht berühren, weil du möglicherweise infiziert bist", sagt sie zu mir. Wow. War das jetzt rassistisch?

Niemand weiß, wie und wann es nach Hause geht

Es dauert bis zum fünften Tag in Costa Maya, bis wir wieder Internetzugang haben. Erst dort stellen wir am Donnerstag fest, dass zu Hause das Chaos ausgebrochen ist. Trump hat die Grenze dicht gemacht und uns wird klar: Wenn kein Flugzeug aus Europa in die USA fliegt, fliegt auch keines zurück. Alle Europäer haben das gleiche Problem: Niemand weiß genau, wie und wann es nach Hause geht, denn fast jeder Flug fällt aus. Unsere Flugstreichung wird uns am Freitag mitgeteilt, als wir gerade die weltberühmten Maya-Ruinen von Chichen Itza besuchen. 

Wir sind nicht die einzigen Betroffenen. "Ich sollte über London fliegen. Ich weiß nicht, was da los ist. Ich glaube, der ganze Flughafen ist gesperrt", sagt Jason aus den Niederlanden, der den selben Ausflug unternommen hat. Er versucht, einen Flug direkt nach Amsterdam zu finden, genau wie einige Belgier, die wohl von Miami über Washington in die Niederlande reisen. 

LW-Journalist Daniel Wampach mit Captain Claus.
LW-Journalist Daniel Wampach mit Captain Claus.
Foto: Daniel Wampach

Spätestens, als Kapitän Claus mitteilt, dass die komplette Kreuzfahrtindustrie in den USA zum Erliegen kommt und das Schiff nach der Rückkehr nach Miami nicht weiterfahren wird, ist das Corona-Virus das Topthema. Auch für die Crew wird es eine neue Situation, wenn sie mindestens 30 Tage lang keine Passagiere sehen wird. "Wir werden ständig putzen müssen", sagen die meisten. Nur einer meiner Kellner wird konkret: "Wir wissen noch nicht genau, wie die kommenden Wochen aussehen werden. Aber wir werden etwas weniger arbeiten müssen und vielleicht dürfen wir sogar die Pools und Wasserrutschen nutzen, die eigentlich den Gästen vorbehalten sind. Das alles erfahren wir in den kommenden Tagen." 

Er selbst sei nicht begeistert, denn: "Der Kontakt zu den Gästen wird mir fehlen. Ich bin erst seit einer Woche auf dem Schiff. Andere Crewmitglieder sind seit Monaten hier und müde, deshalb freuen sie sich und sind aufgeregt, da es nun wohl etwas lockerer wird."

Es fühlt sich so an, als wären wir im Paradies, während der Rest die Hölle auf Erden erlebt. Das hilft, um locker zu bleiben und die Ruhe zu bewahren. Denn trotz aller Probleme: Die Stimmung auf dem Dampfer ist nach wie vor prächtig. Denn alle wissen, welches Glück wir hatten.

Mitten in der Nacht versuchen wir, unser Reisebüro Cruisopolis zu erreichen. Die Kreuzfahrtgesellschaft ermöglicht wegen der Ausnahmesituation kostenlose Anrufe für die Europäer. Doch der Rezeptionist macht uns keine Hoffnung: "Das wird Stunden dauern, denn gerade versuchen alle, anzurufen. Die Leitungen sind überlastet." Und das um 4.30 Uhr nachts! (9.30 Uhr in Luxemburg)

Über das Zimmertelefon erreichen wir dann doch recht schnell eine Agentin. Eine Alternative wurde für uns bereits organisiert, es soll nun einen Tag später als geplant über New York und Frankfurt zurück nach Luxemburg gehen, also am Dienstag.


Alles zum Corona-Virus
Das neuartige Corona-Virus grassiert. Wir haben alle Artikel dazu in einem Dossier zusammengefasst.

Doch sicher ist nichts, denn fast stündlich ändert sich die Lage. Das Reisebüro braucht Stunden, um unsere Airline, die Lufthansa, zu erreichen. Die Tickets müssen nämlich umgebucht werden, das geht aber wohl erst am Montag. Kurz gesagt: Ich habe überhaupt keine Ahnung, wann und wie ich nach Hause kommen werde. Aber der Einsatz aller Beteiligten ist vorbildlich, denn wir sind echt auf die Hilfe angewiesen (Update: Die Tickets wurden nun doch bereits früher von der Fluggesellschaft umgebucht).

Die Ungewissheit bleibt also. Die große Frage lautet: Wie ist die Situation in Luxemburg? Wir bekommen eine Menge Nachrichten von Bekannten und informieren uns über die Medien, aber wenn man fünf Tage offline war, ist es schwer, auf den aktuellen Stand der Dinge zu kommen.

Wir liegen bei 30 Grad Celsius und Sonnenschein am Pool und fahren an Kuba vorbei, während wir von leeren Regalen und Polizeieinsätzen in den Luxemburger Supermärkten lesen. Eine surreale Situation. Hoffentlich habe ich noch genug Nudeln zu Hause ...