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Reise nach Toulouse: Rosarot und Himmelblau
Lifestyle 6 Min. 11.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Reise nach Toulouse: Rosarot und Himmelblau

Zwei Symbolfarben auf einmal: Der rosarote Pont Neuf spiegelt sich bei blauem Himmel in der Garonne.

Reise nach Toulouse: Rosarot und Himmelblau

Zwei Symbolfarben auf einmal: Der rosarote Pont Neuf spiegelt sich bei blauem Himmel in der Garonne.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 6 Min. 11.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Reise nach Toulouse: Rosarot und Himmelblau

Frank WEYRICH
Frank WEYRICH
Toulouse ist die Hauptstadt der Region Okzitanien und wiegt sich in einem tollen Farbenkleid.

Die Großstadt am Fluss Garonne ist seit jeher als die „rosarote“ Stadt bekannt, die „ville rose“. Wer zum ersten Mal die Häuser der Stadtmitte sieht, versteht auf Anhieb, woher die Bezeichnung kommt. Die alten Ziegelhäuser versprühen sofort ein südländisches Flair, und auch der sprachliche Akzent der Einwohner ist vom Süden geprägt.§

Dass Toulouse die Hauptstadt der erst vor wenigen Jahren gegründeten Region Okzitanien ist, erkennt man wortwörtlich an jeder Straßenecke. Am Ortseingang verraten die Straßenschilder, wie die Stadt noch heißt: Tolosa. Auch bei den Namensschildern der Straßen steht gleich unterhalb der französischen Bezeichnung „Rue“ das okzitanische Pendant „Carrièra“. Okzitanisch oder richtigerweise die „langue d’Oc“ als Sprache wird gepflegt, und in zahlreichen Schulen wird der Unterricht zweisprachig abgehalten.

Neben rosarot prägt noch eine weitere Farbe die Stadt. Blau wird bei allen Gelegenheiten hervorgehoben. Mélissa Buttelli, vom Tourismusbüro, beschreibt die Wichtigkeit des Blau mit ihren Worten: „Geschichtlich hat Toulouse seinen Reichtum dem Pastelblau zu verdanken. Heute ist es das Himmelblau, was unseren Alltag und unseren Wohlstand bestimmt.“ Damit meint sie die allgegenwärtige Luft- und Raumfahrtindustrie. Spätestens seit der Flugzeughersteller Airbus seinen Sitz und seine größten Fabrikhallen am Flughafen Blagnac eingenommen hat, ist die Stadt zu einem Mittelpunkt der Hightechindustrie geworden. Irgendwie hat es so kommen müssen, denn bereits die Pioniere wie Antoine de Saint- Exupéry oder Mermoz sind zu ihrer Zeit hier gestartet.

Raketen und Flugzeuge

In der Cité de l‘Espace werden die Besucher von einer europäischen Ariane-Rakete empfangen. In diesem Ausstellungszentrum werden Jung und Alt mit den Errungenschaften der Raumfahrt vertraut gemacht. Sogar in eine russische Soyuzkapsel kann man einsteigen. Bei unserem Besuch wurden wir auf eine unerwartete Art von der Pressereferentin Florence Séroussi begrüßt: „Schön, dass Sie aus Luxemburg sind. Erst gestern haben wir eine Veröffentlichung gemacht über die neu gegründete Luxemburger Raumfahrtagentur.“ Mit etwas Glück kann man während seines Aufenthaltes sogar einem richtigen Astronauten begegnen.

Ab nächstem März ist der Nordtarmac in der Luftfahrtausstellung Aéroscopia für Besucher geöffnet.
Ab nächstem März ist der Nordtarmac in der Luftfahrtausstellung Aéroscopia für Besucher geöffnet.
Foto: Frank Weyrich

Für Luftfahrtinteressierte ist das Aéroscopia ein Must. Gleich in Sichtweite der Herstellungshallen von Airbus gelegen, bietet dieses Ausstellungsgelände alles, was Europa in den letzten hundert Jahren an Flugzeugbau zu bieten hat. Da steht der Militärflieger A400M, der im Laufe des nächsten Jahres an die Luxemburger Armee ausgeliefert werden soll, gleich neben einer Concorde.

Im Norden liegt die Erweiterung des Geländes, die im kommenden März ihre Tore für das Publikum öffnen wird. Hier steht das Prunkstück der europäischen Luftfahrtindustrie, die A380. Über ein speziell errichtetes Abfertigungsgebäude gelangen die Besucher in das Flugzeug und können sich auf den zwei Stockwerken des Riesenvogels umschauen. Gleich daneben stehen noch eine A340 und eine A320.

Die Stadt der Capitouls

Herzstück der Stadt ist die Place du Capitole. Auf der einen Seite säumen Arkaden den Platz. Wenn der Beobachter seinen Blick nach oben richtet, entdeckt er auf der gesamten Länge der Galerie farbliche Kunstwerke, die die Geschichte der Stadt erzählen. Auf der gegenüberliegenden Seite steht das Gebäude, das dem Platz den Namen gegeben hat: das Capitole.

Der Prunkbau dient heute als Rathaus und wurde, wie der Name es schon andeutet, von den Capitouls gebaut. Die Capitouls waren ab dem 12. Jahrhundert gewählte Stadtoberhäupter, die die verschiedenen Stadtviertel vertraten und einen gemeinschaftlichen Rat bildeten. Weil der alltägliche Betrieb im Rathaus funktioniert, sind Besuche zwar möglich, können aber jederzeit wegen besonderer Gelegenheiten unterbunden werden.

Die "Salle des illustres“ im Capitole zeugt vom Reichtum der Stadt.
Die "Salle des illustres“ im Capitole zeugt vom Reichtum der Stadt.
Foto: Frank Weyrich

Besonders sehenswert ist der große Saal, auch „Salle des illustres“ genannt. Hier ist auch das überlebensgroße Bild mit der schönen Paule zu sehen. Der Legende nach war sie als junges Mädchen auserwählt worden, um König François I. 1533 bei seinem Besuch die Schlüssel der Stadt zu überreichen. Der Monarch soll so angetan gewesen sein von der Schönheit der Paule, dass er trotz des strengen Hofprotokolls ein Lächeln gezeigt hat. Diese Gemütsregung des Herrschers hat zu einem wahren Kult um die junge Dame geführt. Weil die Bevölkerung auch in den Genuss ihres Anblicks kommen wollte und um Ausschreitungen zu vermeiden, mussten die städtischen Capitouls zwei Mal pro Woche die „Belle Paule“ am Balkon des Rathauses vorzeigen. Heute lächelt die schöne Dame auf dem übergroßen Gemälde im Innern des Rathauses.

Pastelblau im Schlaraffenland

Mit der Geschichte der Capitouls verbindet sich auch der frühe Reichtum der Stadt. Diese Vertreter waren häufig reiche Handelsleute, die ihren Reichtum einem Farbstoff verdanken, der es zu Weltruhm gebracht hat. In den weitläufigen Landschaften im Süden der Stadt wächst eine Pflanze, der Färberwaid, die im Frühjahr die Landschaft in ein gelbes Blütenmeer verwandelt.

Die Blätter wurden zunächst zu einer zähen Masse zermalmt, was auf Okzitanisch „pastela“ heißt. Daraus leitet sich der Name für die Pflanze und die daraus gewonnenen Farbe „Pastel“ ab. In weiteren Verarbeitungsschritten entstand dann ein gelbes Wasserbad, in das die Kleidungsstücke hineingetunkt wurden. Beim Trocknen entstand eine bläuliche Farbe, das Pastelblau.

Eine weitere interessante Namensbildung ist ebenfalls mit dem Anbau von Pastel und dem daraus entstandenen Wohlstand verbunden. Für die Weiterbearbeitung der ursprünglichen „pastela“ wurde ein fester, getrockneter Ballen geformt, der die Lagerung und den Versand erheblich vereinfachte. Diese Ballen heißen auf Okzitanisch „cogagna“, wodurch die Gegend als „pays de cocagne“ bezeichnet wurde. Der Ausdruck wird heute im allgemeinen Sprachgebrauch für ein Schlaraffenland benutzt.

Das Leben am Fluss

Das wohl meistfotografierte Bauwerk der Stadt dürfte der Pont Neuf über die Garonne sein. Entgegen ihrem Namen ist sie die älteste Brücke und sticht mit ihrer typischen Architektur hervor. In den Brückenpfeilern befinden sich große Öffnungen, die sogenannten Wasserspeier, um bei Überschwemmungen den Wasserdruck am Bauwerk zu mindern. Somit hat die Brücke sogar die Jahrtausendüberschwemmung vom Juni 1875 überstanden.

Am Horizont ergeben die Pyrenäen eine prächtige Kulisse. Etwas weiter flussabwärts gibt es den Bazacle. Er ist zwar keine so beachtete Sehenswürdigkeit, bietet aber trotzdem allerlei Interessantes. Es handelt sich dabei um eine natürliche Furt im Flusslauf der Garonne, die im Laufe der Jahrhunderte zu verschiedenen Zwecken gebraucht wurde. Auch als Straße wurde sie bei Niedrigwasser benutzt. Heute dient der natürliche Staudamm dazu, Strom herzustellen.

Das Hotel Dieu am linken Garonneufer.
Das Hotel Dieu am linken Garonneufer.
Foto: Frank Weyrich

Eine Brücke für Fußgänger und Radfahrer schmiegt sich am Ufer entlang und erlaubt es, quasi auf Augenhöhe mit den tosenden Wassermassen zu stehen. Das Juwel für Kunstliebhaber ist ohne Zweifel das Hôtel d’Assézat. Dieses ehemalige schlossähnliche Gebäude beherbergt heute die reichhaltige Sammlung der Stiftung Bemberg mit Bildern von bekannten Malern sowie Skulpturen aus verschiedenen Epochen.

Nach Belieben schlemmen

Wer durch die kleinen Gässchen um die Stadtmitte herum schlendert, den wird die unglaubliche Anzahl an Restaurants beeindrucken. Hier gewinnt man leicht den Eindruck, dass man tagtäglich in ein anderes Lokal einkehren kann, und nach einem Jahr hat man immer noch nicht alle abgehakt.


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Dabei ist die Vielfalt kaum zu überbieten. Von der einfachen Beiz bis hin zu Sternelokalen kann einem die Wahl schon mal schwerfallen. Die regionale Spezialität, das Cassoulet, sollte man auf jeden Fall ausprobieren. Diesen deftigen Schmaus gibt es in vielen Varianten. Seinen Namen leitet es von der Tonschüssel (cassole) ab, in der es zubereitet wird. Basis eines jeden Cassoulets sind weiße Bohnen, die zusammen mit den Zutaten wie Saucisse de Toulouse, Lammkeule oder Entenconfit langsam gegart werden. Bevor es aber aufgetischt wird, kommt es nochmals für einige Zeit bei niedriger Temperatur in den Herd, wobei die Kruste immer wieder untergerührt wird. Wer nach einem Cassoulet noch Hunger hat, dem ist nicht zu helfen.

Abseits der Gaumenfreuden zeigt sich Toulouse aber auch von einer sportlichen Seite. Wer sich schon immer mal ein Rugbyspiel ansehen wollte, der ist hier bestens aufgehoben. Die lokale Mannschaft, das Stade toulousain, war bereits zigfach französischer Meister. Das Stade Ernest Wallon kann besucht werden, doch am besten ist es natürlich, sich bei einem Spiel von der Stimmung anstecken zu lassen und mitzufiebern. Nicht umsonst preist Mélissa Buttelli vom Tourismusbüro den Slogan ihrer Stadt an: „Toulouse a tout!“ Und damit es sich reimt: fehlst nur noch du! 


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