Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Pilzmythen: Brennnessel meiden, Buchen suchen
Lifestyle 6 Min. 08.09.2020

Pilzmythen: Brennnessel meiden, Buchen suchen

Beim Anblick einer ganzen Steinpilzfamilie hüpft das Pilzsammler-Herz.

Pilzmythen: Brennnessel meiden, Buchen suchen

Beim Anblick einer ganzen Steinpilzfamilie hüpft das Pilzsammler-Herz.
Foto: dpa-tmn
Lifestyle 6 Min. 08.09.2020

Pilzmythen: Brennnessel meiden, Buchen suchen

Man weiß nie, was man kriegt, sagt Forrest Gump - und der unbedarfte Pilzsammler. Der Kenner aber weiß, wo er erfolgreich sucht. Wer die Zeichen des Waldes kennt, den erwartet großer Pilzschmaus.

(dpa/tmn) - „Ich hab' einen!“, möchte man am liebsten in den Wald schreien. Denn schon der Anblick des erspähten Pilzes lässt das Herz schneller schlagen. Wie er so dasteht - mit seiner schönen braunen Kappe, dem bauchigen Stiel mit weiß schimmerndem Überzug, der fast an Netzstrümpfchen erinnert. Her mit dem Lottogewinn! Ab ins Körbchen! 

Es ist nicht nur die Vorfreude auf die erhoffte Pilzpfanne, sondern auch das Glücksgefühl, das sich beim Entdecken von Steinpilz, Marone und Co. einstellt. Doch der ausgefuchste Pilzsammler verlässt sich nicht auf Glück allein. Er weiß, wo er suchen muss. Er weiß, wann er gehen muss. Er weiß, wo sich Pilze wohlfühlen und wird nicht kilometerweit durch einen dunklen Wald stapfen, in dem nichts zu „ernten“ ist. 

Gestapelte Baumstämme kein gutes Zeichen für Pilze 

Gibt es tatsächlich Waldstücke, in denen keine Pilze wachsen? „Ja“, sagt Peter Karasch, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM). „Dort, wo Spuren von schwerem Forstgerät zu sehen sind oder viele gestapelte Baumstämme am Wegesrand.“ Bei forstwirtschaftlichen Aktivitäten sei es erstmal eine Weile vorbei mit den gewohnten Pilzen. „Und das meist für die nächsten zehn  bis 20 Jahre. Denn wichtig für das Pilzwachstum ist das Klein-Klima. Wo durchforstet wird, ist es für einige Zeit gestört“, erklärt Karasch.

Es gibt sogar regelrechte Störungsanzeiger, die für wenig Pilzglück sprechen. „Befindet sich gleich neben dem Wald ein Maisacker, ist das wegen höherer Nährstoffeinträge ungünstig für die meisten Pilzarten.“ Auch wer meterhohe Brombeersträucher, Springkraut oder Brennnesseln sieht, könne meist gleich wieder kehrtmachen. Stattdessen sollte man nach Moosen und Flechten Ausschau halten. Die zeigen nährstoffarme und somit günstigere Verhältnisse an. 

 Braunkappen gehören bei deutschen Pilzsammlern zu den beliebtesten Pilzarten.
Braunkappen gehören bei deutschen Pilzsammlern zu den beliebtesten Pilzarten.
Foto: dpa-tmn

Auch auf die Baumart kommt es an. „Nadelwälder mit Fichten und Kiefern sind das richtige Terrain für Sammler, die auf die beliebtesten Pilzarten Pfifferlinge, Steinpilze und Maronen scharf sind“, weiß Karasch. Sommersteinpilze ließen sich bevorzugt in der Nähe von Buchen oder Eichen finden. Grund dafür sei, dass bestimmte Pflanzen in enger Symbiose mit Pilzen leben. So liefern die Pilze den Bäumen Wasser und Mineralstoffe und bekommen im Gegenzug Kohlenhydrate zurück - alles über die Wurzeln.

Wo einer, bald noch einer: Gut für Wiederholungsgang 

Und was ist mit der Volksweisheit: Wo ein Fliegenpilz im Wald, ist ein Steinpilz nicht weit? „Auch da ist was dran. Beide haben ähnliche Standortansprüche“, sagt Karasch. Allerdings müsse das nicht zeitgleich sein. Das trifft auch für folgende Regel zu: Wo steht einer, kommt noch einer. „Deshalb sollte man zu erfolgreichen Fundorten nach drei bis fünf Tagen noch mal einen Wiederholungsgang machen“, rät der Pilzkenner. Wer befürchtet, die Stelle nicht wiederzufinden, könne ein Schleifchen in der Nähe anbinden. 

Manchmal ist die Freude nur kurz, wenn der Fund schon ein betagter Pilzopa ist. „Dann besser stehen lassen! So sorgt er durch seine Sporen für Vermehrung der Pilze in der nächsten Saison“, sagt Peter Karasch. Hilfreich sei dabei der Drucktest am Hut. „Ist der noch elastisch und zieht sich in seine Form zurück, ist er auch noch frisch“, so der Experte. 

Will man feststellen, ob ein Pilz noch frisch ist, hilft der Drucktest am Hut: Zieht sich der Hut in seine Form zurück, ist er auch noch frisch.
Will man feststellen, ob ein Pilz noch frisch ist, hilft der Drucktest am Hut: Zieht sich der Hut in seine Form zurück, ist er auch noch frisch.
Foto: dpa-tmn

Hat der Pilz schon Bewohner? Ebenfalls stehenlassen! Um das herauszufinden, müsse man den Pilz auch nicht gleich pflücken. Karasch nimmt dafür gern einen kleinen Spiegel mit in den Wald und kann so unter den Pilzhut schauen. Angeknabberte Exemplare sind dagegen kein Problem - einfach großzügig wegschneiden. 

Idealer Zeitpunkt zehn bis 14 Tage nach Regen 

Der wahre Pilz-Fuchs achtet natürlich aufs Wetter und weiß: „Damit Pilze sprießen, muss der Boden eine Grundfeuchte haben. Aber man muss nicht gleich losschießen, während es noch regnet“, klärt Karasch auf. „Der ideale Zeitpunkt ist 10 bis 14 Tage nach dem Regen. Denn Pilze wachsen in Wellen.“ 


Der fünfte Geschmackssinn: Was umami so lecker macht
Von süß, sauer, salzig und bitter haben wir konkrete Vorstellungen. Aber was ist mit „umami“? Dieser fünfte Geschmack ist weniger leicht zu fassen. Der Koch Heiko Antoniewicz bezeichnet ihn gern als den besonderen "Lecker-Effekt“.

Wer in den Bergen in die Pilze geht, sollte je nach Witterung auch auf die Himmelsrichtung achten. „Wenn es viel geregnet hat, wird man auch an den trockenen Südseiten fündig, bei längerer Trockenzeit eher an den schattigen Nordseiten“, verrät Karasch. 

Wenn er mit einem vollen Körbchen zurückkehrt, liebt er neben Pilzrisotto und Parasolschnitzel eine Mischpilzpfanne mit Zwiebeln und Biospeck. Denn er weiß: „Umso mehr Pilzarten, desto intensiver das Aroma.“ 

Nur in schäumender Butter mit gold-gelben Schalotten 

Ohne Speck dagegen mag es Peter Niemann: „Steinpilze, Maronen, aber auch Pfifferlinge sollten grundsätzlich nur in schäumender Butter mit gold-gelb gebratenen Schalotten-Würfeln gebraten werden“, findet der Hotel- und Küchenchef vom Gourmetrestaurant „La Vallée Verte - Das grüne Tal“ im Hotel Hohenhaus in Herleshausen (Nord-Hessen). 

Koch Christian Martin (l) und Küchenchef Peter Niemann (r) vom Gourmetrestaurant La Vallée Verte im Hotel Hohenhaus in Herleshausen mit ihrer Tagesausbeute an Steinpilzen.
Koch Christian Martin (l) und Küchenchef Peter Niemann (r) vom Gourmetrestaurant La Vallée Verte im Hotel Hohenhaus in Herleshausen mit ihrer Tagesausbeute an Steinpilzen.
Foto: dpa-tmn

 Gehackte Petersilie gibt der Spitzenkoch den Pilzen nicht zu. „Da sie mit ihrem intensiven Eigengeschmack das Pilzaroma überdeckt.“ Was Niemann hingegen sehr mag, ist eine Prise gemahlener Kümmel. Er weiß zwar, dass viele Menschen Kümmel nicht mögen und sie einer Sülze gleichsetzen. „Aber ein bisschen Kümmelstaub ergänzt das erdig-süße Aroma der Pilze ausgezeichnet“, verrät er. 

Obwohl der Steinpilz als König der Waldpilze gilt, findet Pilzkenner Niemann den Maronen-Röhrling, den er im Hohenhauser Naturforst häufig antrifft, noch schmackhafter. „Weil Maronen-Röhrlinge auch beim Braten ihren Biss und ihre feste Struktur behalten.“ 

Blaue Farbe verschwindet beim Braten wieder

Es müsse sich auch niemand sorgen, wenn sich die Röhrlinge beim Berühren und Anschneiden blau färben. „Die Farbreaktion kommt von der Umwandlung gelber Farbstoffe in blaue durch Einwirkung von Luftsauerstoff“, erklärt Niemann und beruhigt: „Die blaue Farbe verschwindet beim Braten wieder.“ 

Auch die Pfanne spielt beim Braten von Pilzen eine Rolle: „Sie sollte groß genug und heiß sein. Ansonsten kann das austretende Wasser nicht verdampfen und die Pilze kochen, anstatt zu braten“, sagt Kiet Phung vom Berliner Restaurant „Aufwind“. Der Küchenchef erklärt auch, warum Pilze eigentlich nicht gewaschen werden sollten: „Da sie sich so schnell mit Wasser vollsaugen und den Geschmack verlieren.“  

Die Pfanne zum Braten von Pilzen soll groß und richtig heiß sein. So kann das austretende Wasser verdampfen und die Pilze können wirklich braten statt zu kochen.
Die Pfanne zum Braten von Pilzen soll groß und richtig heiß sein. So kann das austretende Wasser verdampfen und die Pilze können wirklich braten statt zu kochen.
Foto: dpa-tmn

 Es reiche völlig, die Pilze mit einem Pinsel zu säubern und das Ende vom Stielansatz abzuschneiden. Eine Wasser-Ausnahme könne man mal machen, wenn eine große Menge Pfifferlinge zu putzen ist. „Dann kann man sie mit Mehl bestäuben, danach in einem Sieb kurz stark abbrausen und mit einem Küchentuch gut abtupfen“, verrät Phung einen Trick. 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Warum wir bewusster essen sollten
Beim Essen geht es um mehr, als nur darum, Nährstoffe in den Körper zu befördern. Über die Rolle des Sehens, Schmecken und Kauens - und des gemeinsamen Beisammenseins am Tisch.
ILLUSTRATION - Zum Themendienst-Bericht von Lorena Simmel vom 22. Juli 2020: Selbst Gekochtes ist nicht nur frisch und lecker - beim Kochen fährt der Körper auch runter, man entspannt also. Foto: Robert Günther/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++