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Palmas Traditionen neu entdeckt
Lifestyle 5 Min. 24.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Palmas Traditionen neu entdeckt

Zweite Karriere als Bäcker: Seinen Beruf als Psychotherapeut gab Tomeu Arbona auf, um seine Kunden mit traditionellem Gebäck zu beglücken.

Palmas Traditionen neu entdeckt

Zweite Karriere als Bäcker: Seinen Beruf als Psychotherapeut gab Tomeu Arbona auf, um seine Kunden mit traditionellem Gebäck zu beglücken.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 5 Min. 24.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Palmas Traditionen neu entdeckt

Mallorcas Handwerkskunst ist wieder gefragt. Fernab von Ballermann und Co. kommen kulturinteressierte Reisende in Palmas Altstadt auf ihre Kosten.

von Carsten Heinke

Der Duft von Stroh erinnert an einen Sommerurlaub auf dem Land. Dieser hier strömt aus einem Laden mitten in Mallorcas Hauptstadt und stammt von getrockneten Palmenblättern. Die „Mimbrería Vidal“ ist eines der letzten Korbmachergeschäfte in Palma.

Ganze Haufen neuer Körbe, Teppiche, Hocker und Hängematten füllen die engen Räume des Geschäfts, das zugleich Werkstatt ist. Selbst von der Decke baumeln – dicht gedrängt – Taschen, Schalen, Lampenschirme. Einst bäuerliche Alltagsgegenstände, sind sie heute im Trend. Manche dieser zeitlos schönen Dinge bestehen aus Weidenzweigen. Die meisten aber werden aus den starken Blattfasern der balearischen Zwergpalme Garballó geflochten.

Korbmacher in dritter Generation

„Llata“ nennt sich das uralte Handwerk, das die Blattfasern der robusten kleinen Bäume zu langlebigen Produkten verarbeitet. Zuerst werden die Palmwedel geerntet und im Schatten getrocknet, in der Sonne gebleicht und im Ofen geschwefelt, danach zertrennt und zugeschnitten. Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit, wobei man – je nach Technik – bis zu zwölf Einzelfasern zu „Trenzas“ zusammenflicht, um aus diesen Bändern schließlich einen Gegenstand zu nähen. „Heute pflegen diese aufwendige Tradition nur noch wenige im Nordosten von Mallorca, wo die Garballós wachsen“, erklärt Tomas Vidal. Die Körbe und Taschen, die er verkauft, stammen aus den Dörfern Capdepera und Artà.

Traditionelles Schuhwerk: Visitación Hernández zeigt eine neue Variante ihrer „Avarques“.
Traditionelles Schuhwerk: Visitación Hernández zeigt eine neue Variante ihrer „Avarques“.
Foto: Carsten Heinke

Der 49-Jährige führt die Mimbrería in dritter Generation. Sein Großvater hatte sie 1926 eröffnet. Bevor der Tourismus in den 1970er-Jahren auf die Insel kam und die lokale Wirtschaft zu bestimmen begann, gab es in der Calle Corderia zwölf Korbmachereien. Die der Vidals blieb als einzige übrig. „Viele orientierten sich damals um. Mit Möbeln für Hotels etwa konnte man mehr Geld verdienen“, erzählt Vidal, der den urigen Laden und seine Arbeit liebt. Korbgeflechte für Möbel sind heute die einzige Ware, die er selbst herstellt – Reparaturen inklusive.

Bauernschuhe für Prinzessinnen

Läden aus Urgroßelterns Zeiten wie die Mimbrería Vidal wirken zwischen den modernen, eleganten Modeboutiquen und Designerstores von Palmas Innenstadt fast museal. Doch sind es gerade diese altmodischen, liebenswürdig schrulligen Geschäfte, die den besonderen Charme der Inselstadt ausmachen. So auch die „Alpargatería La Concepción“.

Kinderschühchen, Sandaletten, hohe Schuhe, Espadrilles. Das Reich von Visitación Hernández – ein winziger Verkaufsraum – ist vollgestopft mit buntem Schuhwerk. Was nicht in die Regale passt, hat die 57-Jährige mit den schwarzen, straff nach hinten gebundenen Haaren davor gestapelt. Weiter oben hängt die Ware einfach an der Wand. „Das sind menorquinische Avarques“, sagt sie und zeigt auf ein Paar Schuhe, das von hinten wie Sandalen, von vorne wie Pantoffeln aussieht.

Die Geschichte der heute kultigen Treter reicht zurück bis in die Antike. Das, was die berühmten balearischen Steinschleuderer, die als Söldner für die Römer kämpften, an ihren Füßen trugen, kann man als Vorläufer der Avarques bezeichnen. Später leisteten die halb geschlossenen Sandalen gute Dienste bei der Feldarbeit.

Im 20. Jahrhundert schnitt man ihre Sohlen aus ausgedienten Autoreifen. Heute nimmt man dazu neuen Gummi – den man aus Recycling-Pneus gewinnt. Die Oberteile, ebenfalls wie anno dazumal, aus weichem Kalbsleder. „Gleich geblieben ist auch die manuelle Verarbeitung, bei der am Ende nicht geklebt, sondern genäht wird“, erklärt die Händlerin.


Im Rausch des Meeres
Im französischen Boulogne-sur-Mer befindet sich das größte Aquarium Europas. Ein Besuch im Meereszentrum Nausicaá.

Den Laden kennt sie seit ihrer Kindheit. Nach der Schule begann sie, hier zu arbeiten. Vor 13 Jahren übernahm sie ihn. Eine ihrer treuesten Kundinnen ist Spaniens abgedankte Königin Sophia. „Jeden Sommer kauft die Königin Avarques für ihre Enkel“, verrät Hernández. Ein Schwarz-Weiß-Foto mit Widmung der Mutter von König Felipe erinnert hinter dem Ladentisch gut sichtbar daran.

Konditorei mit Theater-Flair

Nur ein paar Gehminuten weiter, an der Plaça Weyler beim Teatre Principal, behauptet sich ein anderes Relikt der guten alten Handwerkszeit: die Konditorei Fornet de la Soca. Wie ein Vorhang umspielen schnörkelige Pflanzenranken das Schaufenster, das von einem gleichfalls grünen Minidrachen überflügelt wird. Darunter prangt in großen Lettern der ursprüngliche Name des Geschäfts: „Forn des Teatre“ sowie der des damaligen Inhabers Jaume Alemany. Dieser hatte das Haus 1916 im Jugendstil renovieren lassen. Dass er die Fassade der „Theater-Bäckerei“ dabei selbst wie eine Bühne inszenierte, ist kein Zufall.

Die schmucke Inszenierung lockt noch immer Neugierige an. In Erwartung lukullischer Genüsse schauen sie durchs Fenster. Dahinter werfen sich ganze Formationen runder und ovaler, goldgelb glänzender Küchlein in Pose.

Im Innern duftet es nach Zitrone und Mandeln. Ein schlanker Mann im Bäcker-Outfit und mit kahl geschorenem Charakterkopf bringt einen Mandelkuchen aus der Backstube im Keller. „Ein Gató d‘ amettla“, kommentiert Tomeu Arbona feierlich und setzt sein Backwerk auf eine Etagere.

In dritter Generation: Korbmacher Tomas Vida führt das Geschäft seines Großvaters weiter.
In dritter Generation: Korbmacher Tomas Vida führt das Geschäft seines Großvaters weiter.
Foto: Carsten Heinke

Neben die Kaufmannswaage stellt der Chef eine Platte mit „Cocarrois“ – Pasteten mit Gemüse, Pinienkernen und Rosinen. „Herzhafte Backwaren sind für Mallorca genauso typisch wie die Liaison von Salzigem und Süßem“, erklärt er. Zu verdanken habe das die Inselküche den Arabern, die hier im Mittelalter herrschten.

Arbona liebt das gute Essen seiner Heimat – so sehr, dass er dafür seinen Job als Psychotherapeut an den Nagel hängte und als Bäcker und Konditor komplett von vorne begann. „Das frühe Aufstehen war dabei die größte Herausforderung“, scherzt der 56-Jährige. Erst 2010 begann er seine zweite Karriere mit einem alten Pizzaofen in der Nachbarschaft. Seit letztem Jahr gehört ihm die historische Konditorei am Theater.

Sein handwerkliches Engagement sieht er als kulturelle Aufgabe. „Ich will zeigen, dass kulinarische Traditionen Teil unserer Identität sind – genauso wie die Produkte, die wir verarbeiten und die Landschaften, in denen sie wachsen“, erklärt er. Und weil er verlorenes Wissen wieder bekannt machen will, backt Arbona so, wie man auf Mallorca schon vor Hunderten von Jahren buk.

„Ich bin stets auf der Suche nach vergessenen Rezepten, grabe sie in Familiennachlässen, Bibliotheken oder Klosterarchiven aus und rekonstruiere sie“, beschreibt er seine Arbeit. So bezeichnet er sich selbst als „gastronomischen Archäologen“.

Ob zum Probieren oder nur zum Schauen und Genießen: Wer solche Art von schlichten Kostbarkeiten mag, kann beim Spaziergang durch die Ladengassen Palmas selbst zum glücklichen Entdecker werden.


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